Je länger die aus der Ukraine geflohenen Menschen in Deutschland bleiben, desto dringlicher werden Fragen zu ihrer Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt. Bedeutsamer wird dann auch die Frage, welche schulischen und beruflichen Qualifikationen die Erwachsenen mitbringen. Geflüchtete unterscheiden sich in ihren Merkmalen zwar oft von den Menschen, die im Herkunftsland verbleiben. Ein Blick auf das Bildungswesen in der Ukraine und den Bildungsstand der dortigen Bevölkerung zeigt jedoch: Trotz teilweise unterschiedlicher Bildungssysteme dürften die Integrationsperspektiven ukrainischer Geflüchteter im Großen und Ganzen günstig sein.

Zwischen Ende Februar 2022, also kurz nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine, und Mitte Juni 2022 wurden gut 867.000 Menschen aus der Ukraine neu im deutschen Ausländerzentralregister (AZR) registriert. Dies geht aus Angaben des Bundesministeriums des Inneren und für Heimat (BMI) hervor. Rund 67 Prozent der Geflüchteten sind weiblich. Etwa 38 Prozent der registrierten Menschen sind Kinder und Jugendliche. Aufgrund der für ukrainische Flüchtlinge geltenden Visumsfreiheit bei der Einreise sowie zwischenzeitlich erfolgter Weiterreisen in andere Aufnahmeländer oder zurück in die Ukraine besteht bei diesen Angaben allerdings eine erhebliche Unschärfe.

Studien zeigen: Die Menschen, die aus Kriegs- und Krisenregionen nach (West-)Europa fliehen, sind meist besser qualifiziert als die Menschen, die in den Kriegs- und Krisenregionen zurückbleiben (ausführlichere Analysen dazu sind einer Studie von Lucas Guichard aus dem Jahr 2020 sowie einer Studie von Cevat Giray Aksoy und Panu Poutvaara aus dem Jahr 2021 zu entnehmen). Eine Befragung im Auftrag des BMI, die Ende März 2022 durchgeführt wurde, deutet darauf hin, dass viele der bis zu diesem Zeitpunkt aus der Ukraine nach Deutschland Geflüchteten über einen tertiären Bildungsabschluss verfügen. Repräsentative Daten zur schulischen und beruflichen Bildung aller seit Kriegsbeginn eingewanderten Erwachsenen liegen noch nicht vor. Ein Blick auf das Bildungswesen und die berufliche Bildung in der Ukraine kann aber wichtige Hinweise und Hintergrundinformation liefern (lesen Sie hierzu auch Kapitel 3 im IAB-Forschungsbericht 4/2022 von Herbert Brücker).

Das Bildungswesen in der Ukraine

Wie in Deutschland beträgt die Grundschulzeit in der Ukraine vier Jahre (siehe Abbildung 1). Eine frühzeitige Aufteilung der Schulkinder nach der vierten Klasse in verschiedene Schulformen erfolgt in der Ukraine jedoch nicht. Stattdessen folgt der Grundschule der Besuch einer gemeinsamen Basisschule für fünf Jahre. Nach erfolgreichen Abschlussprüfungen in der neunten Klasse erhalten die Schülerinnen und Schüler das Zeugnis der allgemeinbildenden Basisschule. Dieses ermöglicht ihnen den Zugang zur Sekundarstufe II (Allgemeinbildende Oberschule) oder alternativ zu einer beruflichen Ausbildung. Die Sekundarstufe II schließt mit dem Zeugnis der allgemeinbildenden Oberschule ab, dem ukrainischen Äquivalent zur allgemeinen Hochschulreife.

Das Schaubild zeigt die Grundzüge des Bildungssystems in der Ukraine. Quelle: eigene Abbildung

Ansätze eines dualen Systems wurden 2015 eingeführt

Das Berufsbildungssystem in der Ukraine weist ein ausgedehntes Netz an berufsbildenden schulischen Einrichtungen auf. Es ist in drei Stufen unterteilt, zwischen denen eine hohe Durchlässigkeit besteht (für genauere Informationen besuchen Sie das bq-Portal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz). Die erste Stufe bietet eine berufliche Grundbildung, insbesondere für (Helfer-)Tätigkeiten in der Industrie und im Dienstleistungssektor. Sie wird in Kursen an Berufsschulen sowie in Bildungs- und Produktionszentren vermittelt. Diese dauern zwischen einer Woche und sechs Monaten. Eine Zugangsbeschränkung existiert nicht. Die berufliche Grundbildung wird mit einem Zeugnis abgeschlossen.

Die zweite Stufe vermittelt eine darüber hinaus gehende berufliche Basisbildung – so etwa vertieftes technisches Wissen und die Kompetenz zur Ausübung komplexerer operativer Tätigkeiten. Auf dieser Stufe werden zum Beispiel die Berufe Büroangestellte (Buchhaltung), Operatorin für Informationsverarbeitung und Software, Chefköchin oder Flugbegleiter/Stewardess ausgebildet. Zuständig sind hier (technische) Berufsschulen sowie Bildungs- und Produktionszentren. Die Dauer der Ausbildung hängt von der Einstiegsqualifikation ab und beträgt normalerweise zwei bis vier Jahre. Für den Zugang muss im Regelfall die Sekundarstufe I abgeschlossen sein. Die zweite Stufe wird mit einem Zeugnis als „Qualifizierte Arbeiterin“ oder „Qualifizierter Arbeiter“ abgeschlossen.

Seit 2015 bietet die Ukraine Berufsbildung auf der zweiten Stufe zusätzlich als duale Ausbildung an. Diese sieht einen höheren Praxisanteil vor, als es bei den schulischen Ausbildungen der Fall ist, wie Dirk Werner und Koautorinnen in einer aktuellen Studie darlegen. Das System der dualen Ausbildung befindet sich aber noch im Ausbau und scheint bislang wenig nachgefragt zu werden. Im Jahr 2019 wurden weniger als vier Prozent der Auszubildenden dual ausgebildet, wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz auf seinem bq-portal berichtet. Anders als in Deutschland spielt duale Ausbildung in der Ukraine also bislang kaum eine Rolle.

Berufliche Qualifikationen werden vielfach in Fachschulen, Colleges und Hochschulen vermittelt

Auf der dritten Stufe geht es um höhere berufliche Bildung, die in drei bis vier Jahren an spezialisierten Colleges und Fachschulen erworben wird. Dazu zählt beispielsweise spezifisches (technisches und medizinisches) Fachwissen. Dort werden außerdem Kompetenzen vermittelt, um anspruchsvolle Aufgaben bewältigen und mit komplexen Technologien umgehen zu können.

Berufe, die (ausschließlich) auf dieser dritten Stufe erlernt werden können, sind etwa landwirtschaftliche Berufe, Pflege- und Erziehungsberufe und IT-Berufe (zum Beispiel Programmiererin oder Cyber-Sicherheitsexperte). Zugangsvoraussetzung ist im Regelfall der Abschluss der Sekundarstufe II. Abhängig von der Berufsgruppe kann auch die dritte Stufe als „Qualifiziert Arbeitende/r“ abgeschlossen werden oder aber als „Junior-Spezialist/in“. Dirk Werner und Koautoren weisen in ihrer aktuellen Studie darauf hin, dass sich der erstgenannte Abschluss eher auf Berufe mit mittlerem Anforderungsniveau bezieht. Der letztgenannte Abschluss beziehe sich dagegen eher auf technologisch anspruchsvollere Berufe, deren Ausübung ein breiteres Fachwissen erfordert; diese Berufsbildung sei inhaltlich somit nahe an der akademischen Ausbildung anzusiedeln. Zwischenzeitlich wurde der Titel „Junior-Spezialist/in“ durch den „Junior-Bachelor“ ersetzt. Damit ist auch die Aufnahme eines Studiums möglich. Statistisch werden die Abschlüsse auf der dritten berufsbildenden Stufe der tertiären Bildung zugeordnet – was die hohen Anteile tertiärer Abschlüsse unter Geflüchteten aus der Ukraine (etwa in der eingangs zitierten Befragung vom März 2022) teilweise erklären kann.

Häufig können Berufe nicht nur auf einer Stufe der Berufsbildung erlernt werden, sondern auf mehreren Stufen mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus. Für Berufe im Friseurhandwerk zum Beispiel können die Kompetenzen für eher helfende Tätigkeiten auf der ersten Stufe, für anspruchsvollere fachliche Tätigkeiten auf der zweiten Stufe erworben werden. Die Ausbildung etwa zum Beruf „Friseur/Friseurin – Stylist“ auf der dritten Stufe vermittelt zusätzliche Kompetenzen unter anderem in Betriebswirtschaft, Arbeitsrecht und Informatik und berechtigt nach erfolgreichem Abschluss zum Hochschulzugang.

Auch die Ausbildung etwa zum Autoschlosser oder zur Autoschlosserin wird auf unterschiedlichen Qualifikationsniveaus angeboten (detaillierte Informationen zu einzelnen Ausbildungen und Berufen erhalten Sie auf den Seiten des bq-portals). Eine Ausbildungseinrichtung bietet dabei häufig Ausbildungen auf unterschiedlichen Stufen an.

Die im Regelfall fachschulischen Ausbildungen in der Ukraine werden durch teils ausgedehnte Praxisphasen ergänzt. So kann zum Beispiel im Falle pflegerischer oder medizinisch-technischer Ausbildungen einer zweimonatigen schulischen Phase eine zweimonatige praktische Phase in einem Krankenhaus oder Labor folgen. Meist dominieren am Beginn einer Ausbildung schulische Phasen, während praktische Phasen im Ausbildungsverlauf zunehmen. Betriebe sind in der Ukraine aber bislang strukturell weitaus weniger in Ausbildungen eingebunden als in Deutschland.

Hochschulbildung in der Ukraine

Im Jahr 2005 schloss sich die Ukraine dem sogenannten Bologna-Reformprozess an. Seither gliedert sich auch dort die Hochschulbildung in Bachelor- und Masterstudiengänge (Ausnahme: Medizin). Eine Besonderheit beim Zugang zu Bachelor-Studiengängen stellt das „External Independent Testing“ (EIT) dar, also eine externe unabhängige Prüfung. Sie ersetzt seit 2008 als landesweiter Zulassungstest lokale Prüfungen an Universitäten.

Damit soll auch die Korruption in ukrainischen Hochschulen bekämpft werden (zu Korruption und Plagiaten im ukrainischen Bildungswesen lesen Sie einen 2021 erschienenen Bericht des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD sowie einen 2017 publizierten Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD). Ein ähnliches Instrument der Korruptionsbekämpfung existiert beim Übergang in Masterstudiengänge nur beim Fach Jura. Ende 2019 führte die Ukraine auch duale Studiengänge ein. Laut DAAD ist jedoch noch unklar, wie stark diese nachgefragt und durch Betriebe unterstützt werden.

Abschlüsse in Berufen, die in Deutschland in dualer oder schulischer Ausbildung sowie beruflicher Weiterbildung erlernt werden, lassen sich in der Ukraine teils auch an Hochschulen erwerben. Dies gilt beispielsweise für den Beruf der Drucktechnikerin, für kaufmännische Berufe in der Touristik oder für den Beruf des Buchhalters. Dies erklärt ebenfalls die hohen Anteile tertiärer Ausbildungsabschlüsse in der Ukraine. Diese Bildungsgänge werden aktuell mit dem Titel „Bachelor“ abgeschlossen. Früher wurde auch der Titel „Spezialist“ vergeben, der aktuell aber nur für Abschlüsse in medizinischen Fächern verliehen wird.

Mit gut vier Prozent studierten 2018 anteilsmäßig geringfügig mehr ukrainische Studierende im Ausland als deutsche Studierende. Als Studienort ist Deutschland nach Polen Hauptzielland. In Deutschland hatten 2019 elf Prozent der Studierenden eine ausländische Staatsangehörigkeit, in der Ukraine gut drei Prozent. Diese sind meist an medizinischen Fakultäten eingeschrieben.

Für diejenigen, die nicht sicher und dauerhaft in ihre Herkunftsländer (vor allem Indien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Marokko und Nigeria) zurückkehren können und seit Kriegsbeginn nach Deutschland geflohen sind, gelten hierzulande weitgehend dieselben rechtlichen Bestimmungen wie für Flüchtlinge mit ukrainischer Staatsangehörigkeit (nähere Informationen hierzu finden Sie auf den Internetseiten des BMI). Allerdings gibt es erste Hinweise darauf, dass deutsche Ausländerbehörden mit diesem Personenkreis unterschiedlich und teils restriktiv umgehen (lesen Sie dazu die Ausführungen von Dorothee Frings in einem aktuellen Beitrag).

Weiterbildung in der Ukraine

Wie Larysa Lukianova und Maiia Dernova in einem Bericht aus dem Jahr 2021 darlegen, hatte die Weiterbildung von Erwachsenen in der Ukraine lange einen untergeordneten Stellenwert. Seit 2017 schreibt die Ukraine der Erwachsenenbildung aber einen höheren Stellenwert zu. Staatliche Förderung erfolge aber weiterhin nur unzureichend, Unternehmen wie Erwerbspersonen hätten wenig Anreize, Weiterbildung zu unterstützen beziehungsweise sich weiterzubilden, so die Autorinnen.

Der Adult Education Survey, der die Weiterbildungsbeteiligung in europäischen Ländern regelmäßig misst, wurde in der Ukraine bislang nicht durchgeführt. Belastbare aktuelle Daten zur Weiterbildung in der Ukraine liegen daher unseres Wissens bislang nicht vor.

Bildungsstand der ukrainischen Bevölkerung

Offiziellen Daten zufolge ist die Bevölkerung in der Ukraine formal gut ausgebildet. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass laut UNESCO die Bildungsausgaben mit 5,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts im Jahr 2019 im internationalen Vergleich hoch sind. Gleichwohl berichtet beispielsweise die Weltbank von marode ausgestatteten Bildungseinrichtungen und einem Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal an Schulen und Hochschulen, was auch mit deren schlechter Bezahlung zusammenhänge.

Analphabetismus existiert in der Ukraine nach Angaben der UNESCO kaum noch. Laut European Training Foundation hatten im Jahr 2017 nur zwei Prozent der Erwerbspersonen (Summe aus Erwerbstätigen und Arbeitslosen) maximal eine Primarausbildung. 45 Prozent verfügten über eine Sekundarausbildung. 53 Prozent hatten eine tertiäre Ausbildung abgeschlossen oder befanden sich noch in dieser. Wie bereits skizziert, ist bei den hohen Anteilen tertiärer Bildung in der Ukraine zu berücksichtigen, dass dort auch Berufe diesem Sektor zugeordnet werden, die in Deutschland im Rahmen einer dualen oder schulischen Berufsbildung erlernt werden.

Internationale Datensätze, wie sie im Program for International Student Assessment (PISA) erhoben werden, erlauben nicht nur einen Blick auf die formalen Qualifikationen, sondern auch darauf, inwieweit in verschiedenen Bereichen tatsächlich entsprechende Kompetenzen vorliegen. So zeigen die PISA-Daten aus dem Jahr 2018 für die Ukraine, dass die dort getesteten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in allen Bereichen (Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften) bessere Ergebnisse erzielten als in manchen anderen osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Moldawien oder Georgien.

Trotzdem bleibt die Ukraine hinter dem OECD-Durchschnitt und auch hinter Deutschland zurück. Da die Ukraine 2018 zum ersten Mal an der PISA-Studie teilgenommen hat (die zweite Teilnahme war für das Jahr 2022 geplant), ist ein Vergleich über die Zeit leider nicht möglich. An der PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) zur länderübergreifenden Erfassung der Kompetenzen von Erwachsenen war die Ukraine bislang nicht beteiligt.

Für die Orientierung im Aufnahmeland Deutschland sind auch Deutschkenntnisse von Bedeutung, Englischkenntnisse können ebenfalls hilfreich sein. In der Ende März dieses Jahres im Auftrag des BMI durchgeführten Befragung von Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt aus der Ukraine nach Deutschland geflohen waren, gab knapp jede zehnte befragte Person an, über mindestens „ausreichende“ Deutschkenntnisse zu verfügen.

Laut Goethe-Institut stellt Deutsch nach Englisch die wichtigste Fremdsprache im Land dar. Fremdsprachenkenntnisse sollen laut gesetzlicher Vorgabe bereits in den Schulen des Primarbereichs und Sekundarbereichs I vermittelt werden, auch wenn diese Vorgabe laut DAAD aufgrund des Lehrermangels nicht flächendeckend umgesetzt wird. Ukrainisch wird zwar nicht im lateinischen Alphabet geschrieben. Menschen mit Kompetenz in den genannten Fremdsprachen kennen dieses aber, was ebenfalls eine wichtige Voraussetzung dafür ist, um sich in Deutschland zurechtzufinden.

Bildungsstand und Erwerbsbeteiligung der Frauen in der Ukraine

Da die meisten nach Deutschland geflohenen Erwachsenen Frauen sind, wird im Folgenden die Qualifikation und Erwerbsbeteiligung von Frauen in der Ukraine etwas genauer betrachtet. Ihr Bildungsstand ist im Mittel höher als der der Männer. So weist die International Labour Organisation (ILO) für das Jahr 2020 den Anteil der Frauen mit tertiärer Bildung mit 63 Prozent aus. Bei den Männern liegt dieser Anteil bei 47 Prozent. Herbert Brücker und Koautoren weisen in ihrem aktuellen IAB-Forschungsbericht (4/2022) auf ähnliche Gefälle zwischen Frauen und Männern in weiteren mittel- und osteuropäischen Ländern wie Polen, Russland und Rumänien hin.

Trotz ihrer im Durchschnitt höheren Bildung ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen in der Ukraine geringer als die der Männer. So lag die Erwerbsquote der Frauen im Jahr 2020 laut ILO bei 48 Prozent, die der Männer bei 63 Prozent. Die European Training Foundation verweist in diesem Zusammenhang auf die Mehrfachbelastung von erwerbstätigen Frauen in Familie und Beruf. Fast drei von vier erwerbstätigen Frauen in der Ukraine arbeiteten im Jahr 2017 im Dienstleistungsbereich, 14 Prozent in der Industrie und 13 Prozent in der Landwirtschaft. Bei den erwerbstätigen Männern sind es 48 Prozent (Dienstleistung), 34 Prozent (Industrie) und 18 Prozent (Landwirtschaft). Wie Mario Bossler und Martin Popp in ihrem aktuellen Beitrag im IAB-Forum darlegen, arbeiteten erwerbstätige Frauen in der Ukraine vor allem in Dienstleistungsberufen und als Verkäuferin, in akademischen Berufen sowie als Hilfsarbeitskräfte (siehe Abbildung 2). Auf Basis von Angaben der Befragten weist die ILO für das Jahr 2020 eine Arbeitslosenquote der Frauen von 9,8 Prozent aus (Männer 9,1 %).

entnommen aus: Bossler, Mario; Popp, Martin (2022): Viele geflüchtete Ukrainerinnen könnten mittelfristig in Engpassberufen unterkommen. In: IAB-Forum, 23. März 2022.

 

Fazit

Die vorliegenden Indikatoren deuten darauf hin, dass der formale Bildungsstand der ukrainischen Bevölkerung relativ hoch ist. Frauen sind im Durchschnitt besser gebildet als Männer. Die Vergleichbarkeit mit Bildungsabschlüssen in Deutschland ist aber insbesondere dadurch eingeschränkt, dass in der Ukraine viele berufspraktische Qualifikationen nicht dual, sondern in (hoch-)schulischen Einrichtungen erworben werden.

Trotz der Einführung der dualen Ausbildung in der Ukraine im Jahr 2015 dürfte daher das duale Ausbildungssystem vielen Geflüchteten kaum bekannt sein. Insofern gilt es, Jugendliche und deren Eltern über das berufliche Ausbildungssystem in Deutschland zu informieren – nicht zuletzt mit Blick auf die damit verbundenen Aufstiegs- und Weiterqualifizierungschancen.

Unter den Personen im erwerbsfähigen Alter sind es bislang vorwiegend Frauen, die aus der Ukraine nach Deutschland fliehen, häufig mit Kindern. Trotz ihrer im Durchschnitt höheren Bildung nehmen Frauen auch in der Ukraine seltener am Erwerbsleben teil als Männer. Bleiben sie längerfristig in Deutschland, kann ihre Erwerbsintegration nur gelingen, wenn Betreuungsangebote für Kinder vorgehalten werden. Dies betonen auch Herbert Brücker und andere in einem aktuellen IAB-Forschungsbericht (2/2022).

Belastbare Daten zur Verbleibs- und Erwerbsmotivation der nach Deutschland geflohenen Frauen liegen noch nicht vor. Angesichts des hohen Bildungsstandes der Frauen in der Ukraine ist aber anzunehmen, dass diese bildungsaffin sind und vielfach ein starkes Interesse an Deutsch- und Integrationskursen haben dürften. Um daran teilnehmen zu können, sind genügend qualitativ hochwertige und flexible Betreuungsangebote für Kinder wiederum von hoher Bedeutung.

Die Ukraine: Eckdaten zu Soziodemografie und Arbeitsmarkt

Im Januar 2021 lebten knapp 42 Millionen Menschen in der Ukraine, 46 Prozent davon männlich und 54 Prozent weiblich. Aufgrund von Abwanderung, Altersstruktur und geringer Geburtenrate nimmt die Bevölkerung seit den 90er Jahren ab. Sie umfasst mehr als 130 Nationalitäten und ethnische Gruppen (hören Sie dazu einen aktuellen Vortrag von Franck Düvell und besuchen Sie die entsprechenden Informationsseiten des State Statistics Committee of Ukraine). Die Staatssprache ist Ukrainisch, neben dem verbreiteten Russisch werden regional teils auch Sprachen wie Polnisch, Rumänisch, Ungarisch oder Moldawisch gesprochen beziehungsweise verstanden.

Die ILO weist für die Ukraine und das Jahr 2020 eine Erwerbsquote von 55 Prozent insgesamt aus, wobei laut European Training Foundation informelle Beschäftigung häufig ist. Laut Befragungsdaten betrug die Arbeitslosenquote im Jahr 2020 9,5 Prozent. Bei den Jugendlichen lag sie mit 19,3 Prozent doppelt so hoch. Betriebe und Arbeitsuchende werden vom State Employment Service unterstützt.

Weitere Daten und Informationen können Sie dem Statistical Yearbook of Ukraine 2020, den Seiten des Centre for Research and Analysis of Migration (CReAM), der IQ Fachstelle Einwanderung sowie einem IAB-Forschungsbericht (4/2022) von Herbert Brücker entnehmen.

Literatur

Bossler, Mario; Popp, Martin (2022): Viele geflüchtete Ukrainerinnen könnten mittelfristig in Engpassberufen unterkommen. In: IAB-Forum, 23.03.2022.

Brücker, Herbert (2022): Geflüchtete aus der Ukraine: Eine Einschätzung der Integrationschancen. IAB-Forschungsbericht Nr. 4.

Frings, Dorothee (2022): Sozialleistungen für Geflüchtete aus der Ukraine ab dem 1. Juni 2022. Asylmagazin 6.

Kogan, Irena; Gebel, Michael; Noelke, Clemens (2012): Educational Systems and Inequalities in Educational Attainment in Central and Eastern European Countries. In: Studies of transition states and societies, Jahrgang 4, Heft 1, S. 69–83.

Lukianova, Larysa; Dernova, Maiia (2021): Historical Periods and Current State of Adult Education in Ukraine. In: UNESCO Chair Journal “Lifelong Professional Education in the XXI Century”, Heft 3, S. 13–22.

Nordic Recognition Network (2009): The Educational System of Ukraine.

State Statistics Service of Ukraine (2021): Statistical Yearbook of Ukraine 2020, Kiew.

Zimmermann, Gisela; Schwajka, Oksana (2021): DAAD-Bildungssystemanalyse Ukraine. Daten & Analysen zum Hochschul- und Wissenschaftsstandort. Bonn.

In aller Kürze

  • Bis Mitte Juni 2022 wurden gut 867.000 Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland registriert, die meisten davon Frauen. Belastbare Daten zu ihrer Qualifikation liegen noch nicht vor, wohl aber Informationen zum Bildungswesen und zur Qualifikationsstruktur in der Ukraine.
  • In der Ukraine werden viele berufliche Qualifikationen an (hoch-)schulischen Einrichtungen erworben. Ab 2015 wurden dort auch duale Ausbildungen und Studiengänge eingeführt. Diese wurden bislang aber wenig nachgefragt und dürften wenig bekannt sein.
  • In Deutschland gilt es daher, Jugendliche und ihre Eltern über duale Bildungsgänge und deren Möglichkeiten zu informieren und zu beraten.
  • Die vorliegenden Indikatoren deuten auf eine formal gut ausgebildete Bevölkerung in der Ukraine hin. Die PISA-Daten aus dem Jahr 2018 zeigen jedoch, dass die tatsächlichen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in der Ukraine unter dem OECD-Durchschnitt liegen.
  • Frauen in der Ukraine sind im Durchschnitt besser gebildet als Männer. Gleichwohl nehmen sie seltener am Erwerbsleben teil als diese.
  • Für die Teilhabe der geflüchteten Frauen an Deutsch- und Integrationskursen sowie an Erwerbsarbeit sind qualitativ hochwertige und quantitativ ausreichende Betreuungsmöglichkeiten für deren Kinder unerlässlich.

Wir danken dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) für Beratung und wertvolle Hinweise sowie Tobias Hörl für die Unterstützung bei den Recherchen.

doi: 10.48720/IAB.FOO.20220715.01

Schreyer, Franziska; Anger, Silke; Grabert, Tim-Felix ; Martyniuk, Olena (2022): Berufliche Bildung in der Ukraine – ein Überblick, In: IAB-Forum 15. Juli 2022, https://www.iab-forum.de/berufliche-bildung-in-der-ukraine-ein-ueberblick/, Abrufdatum: 9. August 2022