Die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland bleibt aufwärtsgerichtet, verliert aber leicht an Schwung. Für das Jahr 2018 erwartet das IAB in seiner aktuellen Prognose ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent, für 2019 von 1,7 Prozent.  Im laufenden Jahr steigt die Erwerbstätigkeit um geschätzt 600.000 Personen. Im kommenden Jahr nimmt sie laut Prognose um 490.000 Personen zu. Damit setzt sich der Aufwärtstrend zwar fort, flacht aber etwas ab. Bei der Arbeitslosigkeit wird im Jahresdurchschnitt 2018 ein Rückgang um 190.000 Personen, im Jahr 2019 um weitere 120.000 auf dann 2,23 Millionen Personen prognostiziert.

Gesamtwirtschaftliche Entwicklung

Die deutsche Wirtschaft folgt seit mehreren Jahren einem robusten Aufwärtstrend. Dieser hat im Jahr 2017 mit einem Zuwachs von 2,2 Prozent beim realen Bruttoinlandsprodukt (BIP) einen Höhepunkt erreicht. In der ersten Jahreshälfte 2018 hat sich die Entwicklung etwas verlangsamt. Dies lag unter anderem an einer leichten Schwächephase der Weltwirtschaft infolge der internationalen Handelskonflikte. Zuletzt haben sich die Erwartungsindikatoren für Deutschland aber stabilisiert. Die Entwicklung bei den Auftragseingängen und der Industrieproduktion hingegen ist rückläufig, wenn auch ausgehend von einem hohen Niveau. Insgesamt nehmen die Abwärtsrisiken zu.

Bei den deutschen Exporten ist im Vergleich zum starken Jahr 2017 ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Die Importe haben sich zuletzt besser entwickelt, so dass der Außenbeitrag etwas abgenommen hat. Der Leistungsbilanzsaldo bleibt aber stark positiv. Der Eurokurs, der über das Jahr 2017 bis zum Frühjahr 2018 zugelegt hatte, ist am aktuellen Rand rückläufig, so dass die Exporte in Länder außerhalb der Eurozone wieder stärker begünstigt werden. Risiken ergeben sich vor allem aus den Folgen der Brexit-Entscheidung Großbritanniens und den protektionistischen Tendenzen in der Handelspolitik der USA. Die bisher erhobenen Zölle haben an sich nur eine begrenzte Wirkung, die für Deutschland gesamtwirtschaftlich nicht wesentlich ins Gewicht fällt. Dies zeigt eine aktuelle Analyse von Enzo Weber, die ebenfalls im IAB-Forum erschienen ist. Die Handelskonflikte schwächen aber die weltwirtschaftliche Entwicklung insgesamt und damit auch die deutschen Exporte. Zudem verschlechtern sich die Stimmung und das Vertrauen in die Wirtschaft durch die zunehmende Unsicherheit über die zukünftige Handelspolitik.

Im Jahr 2017 und zu Jahresbeginn 2018 haben sowohl die Bau- als auch die Ausrüstungsinvestitionen zugelegt, wobei die Dynamik bei den Ausrüstungen verglichen mit früheren Aufschwüngen eher verhalten ist. Trotz eines guten Umfelds für Investitionen – aufgrund günstiger Finanzierungsbedingungen und ausgelasteter Kapazitäten – verhindern weltwirtschaftliche und geopolitische Unsicherheiten eine stärkere Entwicklung. Die robuste Binnennachfrage hingegen fördert die Investitionstätigkeit.

Der private Konsum entwickelt sich weiter kräftig und konnte seine vorübergehende Schwächephase im zweiten Halbjahr 2017 hinter sich lassen. Zu dieser Entwicklung tragen die steigende Beschäftigung, wachsende Reallöhne und niedrige Anlagezinsen bei. Dämpfend wirken hingegen wieder stärker steigende Preise. Die Inflationsrate lag in den letzten Monaten nah am Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von knapp unter 2 Prozent. Vor diesem Hintergrund war die Verbraucherstimmung zuletzt rückläufig, liegt aber weiter auf hohem Niveau.

Der Staatskonsum wirkt ebenfalls expansiv. Die im Koalitionsvertrag vereinbarten Maßnahmen legen nahe, dass dies auch im Prognosezeitraum so bleiben wird. Steigende Steuereinnahmen und geringere Zinslasten führen zu hohen staatlichen Finanzierungsüberschüssen und schaffen Spielraum für zusätzliche fiskalische Impulse.

Insgesamt erwarten wir für das Jahr 2018 ein Wachstum des realen BIP von 1,8 Prozent (Prognoseintervall ±0,2 Prozentpunkte). Für 2019 prognostizieren wir eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 1,7 Prozent (Prognoseintervall ±1,2 Prozentpunkte).

Arbeitsmarktentwicklung im Überblick

Die Grundverfassung des deutschen Arbeitsmarkts ist sehr gut. Dies zeigt sich unabhängig von der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Lage: Die Beschäftigung reagiert seit der Krise 2009 relativ schwach auf die konjunkturellen Schwankungen. Dies macht unter anderem eine 2014 publizierte Analyse von Sabine Klinger und Enzo Weber deutlich.

Der Aufwärtstrend der Beschäftigung wird stattdessen von Faktoren wie dem Wachstum des Dienstleistungsbereichs, etwa bei Pflege, Erziehung und Unternehmensdienstleistern, sowie der hohen Zuwanderung gestützt. Zudem führt die stärkere Knappheit von Arbeitskräften dazu, dass Betriebe sich Beschäftigte nicht selten auch unabhängig von der aktuellen konjunkturellen Lage sichern . Dies lässt sich am deutlich sinkenden Entlassungsrisiko ablesen, welches auf dem niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung liegt. Das senkt die Arbeitslosigkeit und trägt wesentlich zum starken Beschäftigungsanstieg bei. Bei der Nachfrage der Unternehmen nach zusätzlichen Arbeitskräften dagegen nehmen die Rekrutierungsprobleme zu, die Dauer der Stellenbesetzungsprozesse steigt.

Während der Bedarf an Arbeitskräften ausgesprochen hoch ist, gerät das Potenzial für eine weitere Beschäftigungszunahme perspektivisch an seine Grenzen. Denn das Erwerbspersonenpotenzial wird selbst bei Berücksichtigung prognostischer Unsicherheiten im kommenden Jahrzehnt deutlich abnehmen, wie eine im IAB-Kurzbericht 6/2017 veröffentlichte Projektion des Erwerbspersonenpotenzials bis 2060 zeigt. Im Prognosezeitraum 2018/2019 werden diese Effekte die Steigerung der Erwerbstätigkeit im Vergleich zu den vergangenen Jahren bereits etwas dämpfen.

Von den zugezogenen Flüchtlingen werden nach Absolvierung von Integrations- und Sprachkursen immer mehr Personen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Damit wird es aber auch weiterhin zusätzliche Arbeitslosmeldungen aus diesem Personenkreis geben. Die Arbeitslosenzahl erhöht sich dadurch allerdings nicht, weil zugleich mehr und mehr Flüchtlinge eine Beschäftigung aufnehmen. Wir gehen davon aus, dass die jahresdurchschnittliche Erwerbstätigenzahl 2018 und 2019 alleine infolge der Flüchtlingszuwanderung seit 2015 um jeweils etwa 100.000 Personen steigt.

Entwicklung der Arbeitslosigkeit

Der Rückgang der Arbeitslosigkeit wird sich fortsetzen, begünstigt durch die zunehmende Knappheit an Arbeitskräften. Für die nächsten drei Monate lässt die Arbeitslosigkeitskomponente des IAB-Arbeitsmarktbarometers allerdings nur ein leichtes Sinken erwarten. Für den Jahresdurchschnitt 2018 ergibt sich in unserer Prognose eine Abnahme der Arbeitslosigkeit um 190.000 Personen (Prognoseintervall ±20.000). Im Jahr 2019 nimmt die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenzahl um weitere 120.000 auf 2,23 Millionen ab (Prognoseintervall ±140.000). Dies markiert den bisherigen Tiefstand im vereinten Deutschland.

Die grundsätzlich günstige Entwicklung der Arbeitslosigkeit betrifft beide Rechtskreise. Wir erwarten für den Jahresdurchschnitt 2018 einen Rückgang der SGB-III-Arbeitslosigkeit um 60.000 auf knapp 800.000 Personen, gefolgt von einem weiteren Rückgang im Jahr 2019 um 40.000 auf gut 750.000 Personen. Die jahresdurchschnittliche Zahl der SGB-II-Arbeitslosen beläuft sich 2018 voraussichtlich auf 1,55 Millionen, 2019 auf 1,47 Millionen Personen. Das sind 130.000 beziehungsweise 80.000 Personen weniger als im jeweiligen Vorjahr. Der Anteil des SGB II an der Gesamtarbeitslosigkeit bleibt fast unverändert bei knapp zwei Dritteln.

Entwicklung der Erwerbstätigkeit und der Arbeitszeit

Die Erwerbstätigkeit wird weiter stark steigen. Die Beschäftigungskomponente des IAB-Arbeitsmarktbarometers liegt zwar nicht mehr auf Rekordniveau, aber immer noch weit im positiven Bereich. Wir erwarten im Jahresdurchschnitt 2018 eine Zunahme um 600.000 Erwerbstätige (Prognoseintervall ±30.000). Im Jahr 2019 gibt es voraussichtlich ein weiteres – allerdings kleineres – Plus von 490.000 auf dann geschätzt 45,36 Millionen Personen (Prognoseintervall ±220.000). Von diesem Beschäftigungszuwachs profitieren fast alle Branchen. Lediglich für die Finanz- und Versicherungswirtschaft rechnen wir mit einem nennenswerten Beschäftigungsrückgang.

Die Erwerbsformen entwickeln sich allerdings unterschiedlich. Während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kräftig und die der Beamten minimal steigt, sinkt die Zahl der marginal Beschäftigten und der Selbstständigen. Im Jahr 2017 waren fast drei von vier Erwerbstätigen (73 %) oder 32,23 Millionen Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ein auf historisch niedrigem Stand weiter sinkendes Entlassungsrisiko und ein kontinuierlich wachsender Arbeitskräftebedarf haben dazu beigetragen, dass der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung mittlerweile wieder genauso hoch ist wie Mitte der 1990er Jahre.

Auch für dieses Jahr prognostizieren wir einen deutlichen Zuwachs um 710.000 auf 32,94 Millionen Personen, der sowohl von der Vollzeitbeschäftigung (+390.000) als auch von der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung (+320.000) getragen wird. Im Jahr 2019 kommen weitere 580.000 Personen hinzu (Vollzeit +280.000, Teilzeit +300.000), so dass dann der Prognose zufolge 33,53 Millionen Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein werden. Das wären 7,18 Millionen oder 27 Prozent mehr als 2005, dem Jahr mit dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Die Arbeitszeit je Erwerbstätigen bleibt 2018 gegenüber dem Vorjahr nahezu unverändert und sinkt 2019 um 0,1 Prozent. Dabei wird im Jahr 2018 der trendmäßige Anstieg der Teilzeitquote unterbrochen. Die weiter steigende Erwerbstätigkeit führt auch 2018 und 2019 zu Höchstständen beim Arbeitsvolumen: Das Produkt aus durchschnittlicher Arbeitszeit und Erwerbstätigenzahl nimmt im laufenden Jahr um 1,4 Prozent auf 61,04 Milliarden Stunden zu, im Jahr 2019 auf 61,67 Milliarden Stunden (+1,0 %). Bei einem BIP-Wachstum von 1,8 Prozent steigt die Stundenproduktivität 2018 um knapp 0,5 Prozent. 2019 erwarten wir bei einer Erhöhung der wirtschaftlichen Aktivität um 1,7 Prozent einen Anstieg der Stundenproduktivität um 0,7 Prozent.

Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials

Der starke Migrationseinfluss auf das Erwerbspersonenpotenzial nimmt langsam ab, die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung steigt noch immer, und der demografische Trend hält unvermindert an.

Der Wanderungsüberschuss aus dem Ausland lag im Jahr 2017 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bei fast 410.000 Personen. Für das Jahr 2018 gibt es noch keine belastbaren Daten. Wir orientieren uns deshalb an der im März 2017 aktualisierten Bevölkerungsvorausberechnung der Statistischen Ämter, berücksichtigen aber auch neuere Entwicklungen.  Vor diesem Hintergrund gehen wir für 2018 von einer Nettozuwanderung im Umfang von 430.000, für 2019 von 380.000 Personen aus. Unter Berücksichtigung der Erwerbsbeteiligung – Migranten nehmen häufig nicht sofort am Erwerbsleben teil – dürfte der Migrationseinfluss 2018 knapp 240.000 Erwerbspersonen betragen und im kommenden Jahr leicht auf 250.000 steigen.

Der unverändert wirkende langfristige Trend einer alternden Bevölkerung reduziert das Erwerbspersonenpotenzial – isoliert betrachtet – dieses Jahr um 290.000 Arbeitskräfte, nächstes Jahr um 330.000.

Die Erwerbsbeteiligung, insbesondere von Frauen und Älteren, steigt weiter. Zudem wirkt sich der Arbeitsmarkteintritt von Flüchtlingen aus, die in den Vorjahren nach Deutschland eingereist sind. Aus den höheren Erwerbsquoten resultiert ein Verhaltenseffekt von fast 310.000 zusätzlichen Arbeitskräften im Jahr 2018 und 290.000 im kommenden Jahr.

Im Zusammenspiel aus demografischer Entwicklung, Erwerbsbeteiligung und Migration ergibt sich für das Jahr 2018 eine Zunahme des Erwerbspersonenpotenzials um 250.000 Arbeitskräfte. Für 2019 prognostizieren wir ein etwas geringeres Wachstum um 220.000 Erwerbspersonen. Das Erwerbspersonenpotenzial erreicht damit in diesem Jahr einen geschätzten Umfang von 47,33 Millionen Erwerbspersonen, im Jahr 2019 von 47,55 Millionen.

Fazit

Die vorliegende Prognose für 2018 und 2019 zeigt, dass sich die deutsche Wirtschaft und insbesondere der Arbeitsmarkt voraussichtlich weiter gut entwickeln werden. Es kommt allerdings zu einer moderaten Abschwächung der Dynamik. Und es gibt Abwärtsrisiken. Trotzdem nimmt die Erwerbstätigkeit weiter zu und die Arbeitslosigkeit sinkt.

Begrenzt wird das Wachstum der Erwerbstätigkeit dadurch, dass Arbeitskräfte zunehmend knapp werden. Zurzeit kompensieren die Zuwanderung und Verhaltenseffekte den negativen Einfluss der demografischen Entwicklung auf das Erwerbspersonenpotenzial. Diese Effekte schwächen sich aber ab, während sich der negative Demografieeffekt stetig verstärkt.

Konjunkturelle Risiken bestehen hauptsächlich durch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Zollpolitik der USA und über die Konditionen des anstehenden Brexit. Obwohl sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren robust gegenüber konjunkturellen Schwankungen gezeigt hat, würde eine tiefe Rezession auch Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen.

In einem solchen Szenario ist die finanzielle Handlungsfähigkeit der Bundesagentur für Arbeit (BA) essenziell, damit sich die Stabilisierungswirkung von Arbeitslosengeld, Kurzarbeit und aktiver Arbeitsmarktpolitik wie zuletzt im Rezessionsjahr 2009 entfalten kann. Wie die  finanzielle Handlungsfähigkeit der BA institutionell abgesichert werden könnte, zeigt Enzo Weber in einem jüngst erschienenen Beitrag im IAB-Forum auf.

Unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung bleiben wichtige Herausforderungen am deutschen Arbeitsmarkt auch in Zukunft von Bedeutung. Dazu gehören neben der Digitalisierung die zunehmend knapper werdenden Arbeitskräfte, aber auch strukturelle Probleme wie die Integration von Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten. Hier sind effektive Vermittlung und Weiterbildung entscheidend. Gleichzeitig ist die erbildung von Beschäftigten einer der Schlüssel, um den Arbeitsmarkt auf die Veränderungen durch die Digitalisierung vorzubereiten.

Die ausführliche Fassung der IAB-Arbeitsmarktprognose finden Sie im IAB-Kurzbericht 21/2018.

Literatur

Fuchs, Johann; Söhnlein, Doris; Weber, Brigitte (2017): Projektion des Erwerbspersonenpotenzials bis 2060: Arbeitskräfteangebot sinkt auch bei hoher Zuwanderung. IAB-Kurzbericht Nr. 6.

Klinger, Sabine; Weber, Enzo (2014): Seit der Großen Rezession: schwächerer Zusammenhang von Konjunktur und Beschäftigung. Wirtschaftsdienst Nr. 94, S. 756-758.

Weber, Enzo (2018a): Mögliche Auswirkungen der internationalen Handelskonflikte auf den deutschen Arbeitsmarkt. IAB-Forum, 09.07.2018.

Weber, Enzo (2018b): Arbeitslosenversicherung: Weiter denken als bis zur nächsten Krise. IAB-Forum, 22.08.2018.

Fuchs, Johann; Gehrke, Britta; Hummel, Markus; Hutter, Christian; Klinger, Sabine; Wanger, Susanne; Weber, Enzo; Zika, Gerd (2018): Arbeitsmarktprognose 2018/19: Aufschwung bleibt, verliert aber an Tempo, In: IAB-Forum 20. September 2018, https://www.iab-forum.de/arbeitsmarktprognose-2018_19-aufschwung-bleibt-verliert-aber-an-tempo/, Abrufdatum: 10. Dezember 2018