Die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland verliert deutlich an Schwung. Für das Jahr 2019 erwartet das IAB in seiner aktuellen Prognose ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent, nach 1,5 Prozent im Vorjahr. Die Erwerbstätigkeit steigt um 510.000 Personen. Damit setzt sich der Aufwärtstrend nur leicht gebremst fort. Der Abbau der Arbeitslosigkeit geht weiter, reagiert aber deutlicher auf den konjunkturellen Dämpfer und fällt mit einem Rückgang von 140.000 Personen geringer aus als in den beiden Vorjahren.

Gesamtwirtschaftliche Entwicklung

Seit der zweiten Jahreshälfte 2018 hat sich die deutsche Konjunktur stark abgeschwächt. Zwar waren dafür auch Sonderfaktoren wie die Probleme bei der Einführung neuer Abgasregelungen in der Automobilbranche und Transportbeschränkungen aufgrund des trockenen Sommers verantwortlich, aber auch die grundsätzliche Lage und Stimmung verschlechtern sich weiterhin stetig. Dazu tragen insbesondere außenwirtschaftliche Einflüsse bei.

Aufgrund der schwächeren weltwirtschaftlichen Nachfrage haben die deutschen Exporte 2018 weniger stark zulegen können als im Vorjahr. Die Importe haben sich etwas besser entwickelt, so dass der Außenbeitrag das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP)rechnerisch bremste. Insgesamt wird der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 2018 voraussichtlich aber der weltgrößte bleiben, auch wenn er das dritte Jahr in Folge zurückging. Im laufenden Jahr dürfte die Entwicklung der Exporte verhalten positiv bleiben. Risiken ergeben sich durch den anstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und den handelsbeschränkenden Kurs der US-Regierung. Zwar fallen die bisher eingesetzten Zölle gesamtwirtschaftlich nicht wesentlich ins Gewicht, US-Zölle auf Automobilimporte würden die deutsche Wirtschaft allerdings empfindlich treffen. Zudem schwächen die Handelskonflikte die weltwirtschaftliche Entwicklung.

Die Investitionen haben 2018 moderat zugenommen. Nach der Baukonjunktur legten auch die Ausrüstungsinvestitionen zu. Die Kapazitätsauslastung der deutschen Wirtschaft ist seit dem Sommer rückläufig, aber auf weiterhin hohem Niveau. Aufgrund der schwächeren Konjunktur und der beschriebenen Unsicherheiten dürften sich die Investitionen in Zukunft eher verhalten entwickeln, trotz guter Finanzierungsbedingungen. So hat die Europäische Zentralbank angekündigt, die Leitzinsen mindestens bis Ende dieses Jahres niedrig zu belassen.

Der private Konsum hat in der zweiten Jahreshälfte 2018 an Schwung verloren. Im laufenden Jahr dürfte aber wieder mehr Dynamik entstehen. Die Preise steigen am aktuellen Rand wieder weniger, gleichzeitig nehmen die Einkommen bei sinkender Arbeitslosigkeit zu. Zudem bleibt das Konsumklima auf hohem Niveau, auch wenn es sich im Vergleich zu den Höchstständen von vor einem Jahr leicht verringert hat. Auch der Staatskonsum trägt zum BIP-Wachstum bei. Dies setzt sich aufgrund von Gesetzesänderungen mit expansiver Wirkung fort. Finanzielle Spielräume entstehen durch hohe Einnahmen und geringe Kosten für den Schuldendienst. So erzielte der Staat 2018 auf allen Ebenen einen Überschuss.

Angesichts dieser Ausgangslage dürften Wachstumsraten des realen BIP von 2,2 Prozent (2017) oder 1,5 Prozent (2018) im Prognosejahr nicht mehr erreicht werden. Dem seit Jahren andauernden Konjunkturaufschwung geht die Puste aus. Insgesamt erwarten wir für das Jahr 2019 ein Wachstum des realen BIP von 0,5 Prozent (Prognoseintervall ±0,7 Prozentpunkte).

Arbeitsmarktentwicklung im Überblick

Die Grundverfassung des deutschen Arbeitsmarkts ist sehr gut. Dies zeigt sich unabhängig von der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Lage: Die Beschäftigung reagiert seit der Krise 2009 relativ schwach auf konjunkturelle Schwankungen, wie Sabine Klinger und Enzo Weber bereits in einem 2014 erschienenen Beitrag gezeigt haben. Der Aufwärtstrend der Beschäftigung wird stattdessen von Faktoren wie dem Wachstum des Dienstleistungsbereichs, etwa bei Pflege, Erziehung und Unternehmensdienstleistern, sowie der hohen Zuwanderung, gestützt. Zudem führt die stärkere Knappheit von Arbeitskräften dazu, dass Betriebe sich Beschäftigte nicht selten auch unabhängig von der aktuellen konjunkturellen Lage sichern. Dies lässt sich am deutlich sinkenden Entlassungsrisiko ablesen, welches auf dem niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung liegt. Das entlastet die Arbeitslosigkeit und trägt wesentlich zum starken Beschäftigungsanstieg bei. Angesichts dieser Robustheit ist davon auszugehen, dass auch die internationalen Handelskonflikte und der drohende Brexit die Gesamtentwicklung des Arbeitsmarkts nicht gravierend beeinträchtigen werden (lesen Sie hierzu auch die Beiträge “Mögliche Auswirkungen der internationalen Handelskonflikte auf den deutschen Arbeitsmarkt” sowie “Folgen des Brexit für Deutschland: Dämpfer für die Konjunktur, nicht für den Arbeitsmarkt” von Enzo Weber im IAB-Forum).
Bei der Nachfrage der Unternehmen nach zusätzlichen Arbeitskräften nehmen die Rekrutierungsprobleme dagegen zu, die Dauer der Stellenbesetzungsprozesse steigt. Während der Bedarf an Arbeitskräften ausgesprochen hoch ist, wird das Potenzial für weitere Beschäftigungszunahmen perspektivisch an seine Grenzen geraten. Dazu kommt es, weil das Erwerbspersonenpotenzial selbst bei Berücksichtigung prognostischer Unsicherheit im kommenden Jahrzehnt demografiebedingt deutlich abnehmen wird (lesen Sie hierzu auch den Forumsbeitrag “Belastbare Methoden statt Kaffeesatzleserei – wie IAB-Forscher das künftige Arbeitskräfteangebot prognostizieren“). Im Prognosezeitraum 2019 wird dieser Effekt die Steigerung der Erwerbstätigkeit im Vergleich zu den vergangenen Jahren bereits etwas dämpfen.

Von den zugezogenen Flüchtlingen werden nach Absolvierung von Integrations- und Sprachkursen immer mehr Personen für den Arbeitsmarkt in Deutschland zur Verfügung stehen. Damit wird es weiterhin zusätzliche Arbeitslosmeldungen aus diesem Personenkreis geben. Die Arbeitslosenzahl erhöht sich dadurch allerdings nicht, weil auch mehr und mehr Geflüchtete aus der Arbeitslosigkeit eine Beschäftigung aufnehmen. Die jahresdurchschnittliche Zahl der Erwerbstätigen dürfte 2019 alleine infolge der Flüchtlingszuwanderung seit 2015 um etwa 100.000 Personen steigen.

Entwicklung der Arbeitslosigkeit

Der Rückgang der Arbeitslosigkeit wird sich fortsetzen, begünstigt von der zunehmenden Knappheit an Arbeitskräften. Für die nächsten drei Monate lässt die Arbeitslosigkeitskomponente des konjunkturbedingt allerdings nur ein leichtes Sinken erwarten. Für den Jahresdurchschnitt 2019 ergibt sich in unserer Prognose eine Abnahme der Arbeitslosigkeit um 140.000 Personen (Prognoseintervall ±70.000). Die Rückgänge im Jahresverlauf sind dabei deutlich niedriger als in den Vorjahren. Dennoch wird mit 2,20 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt erneut ein Tiefstand im vereinten Deutschland erreicht. Die grundsätzlich günstige Entwicklung der Arbeitslosigkeit ist in beiden Rechtskreisen zu beobachten. Für den Jahresdurchschnitt 2019 wird ein Rückgang der SGB-III-Arbeitslosigkeit um 20.000 auf knapp 790.000 Personen erwartet. Die jahresdurchschnittliche Zahl der SGB-II-Arbeitslosen beträgt 2019 voraussichtlich 1,41 Millionen. Das sind 120.000 Personen weniger als im Vorjahr. Aufgrund der überproportionalen Verbesserung sinkt der Anteil der SGB-II-Arbeitslosen an der Gesamtarbeitslosigkeit um 1,4 Prozentpunkte auf 64,3 Prozent.

Entwicklung der Erwerbstätigkeit und der Arbeitszeit

Die Erwerbstätigkeit wird weiter stark zunehmen. Die Beschäftigungskomponente des Arbeitsmarktbarometers liegt zwar nicht mehr auf Rekordniveau, aber immer noch weit im positiven Bereich. Im Jahresdurchschnitt 2019 wird eine Zunahme um 510.000 Erwerbstätige auf dann 45,35 Millionen Personen prognostiziert. Von diesem Beschäftigungszuwachs profitieren fast alle Branchen. Lediglich für die Finanz- und Versicherungswirtschaft ist mit einem Beschäftigungsrückgang zu rechnen.

Die Erwerbsformen entwickeln sich allerdings unterschiedlich. Während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kräftig und die der Beamten leicht steigt, sinkt die Zahl der marginal Beschäftigten und der Selbstständigen. 74 Prozent der Erwerbstätigen oder 32,97 Millionen Personen waren 2018 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ihre Zahl steigt seit neun Jahren überdurchschnittlich, ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung ist inzwischen wieder genauso hoch wie Mitte der 1990er Jahre. Die Konjunkturschwäche im zweiten Halbjahr 2018 hat die Entwicklung nicht gebremst. Auch für 2019 wird trotz des konjunkturellen Dämpfers ein deutlicher Zu­wachs um 680.000 Personen prognostiziert, der mittlerweile absolut betrachtet auch stärker von der Vollzeitbeschäftigung (+390.000) als von der Teilzeitbeschäftigung (+290.000) getragen wird. Mit dann 33,65 Millionen Personen werden in diesem Jahr 7,29 Millionen Personen oder 28 Prozent mehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein als 2005, dem Jahr mit dem tiefsten Stand nach der Wiedervereinigung.

Die jährliche Arbeitszeit je Erwerbstätigen sinkt 2019 konjunkturbedingt um 0,3 Prozent. Aufgrund der starken Zunahme der Erwerbstätigkeit steigt das Arbeitsvolumen dennoch um 0,8 Prozent und erreicht einen Rekordstand von 61,60 Milliarden Stunden. Bei einem BIP-Wachstum von 0,5 Prozent sinkt die Stundenproduktivität um 0,4 Prozent. Dieser Rückgang spiegelt wider, dass die Unternehmen angesichts der Arbeitskräfteknappheit auch über eine kurzfristige Konjunkturflaute hinweg ihr Personal halten.

Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials

Die Nettozuwanderung nach Deutschland sinkt seit dem Jahr 2016 deutlich. Der Saldo aus Zu- und Fortzügen ging schon 2017 auf unter 420.000 Personen zurück, für 2018 dürfte sich auf Basis der bis Oktober vorliegenden Zahlen der Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamts ein Saldo von gut 390.000 Personen ergeben. Für das Jahr 2019 wird ein weiterer Rückgang auf 370.000 Nettozuzüge prognostiziert. Unter Berücksichtigung der Erwerbsbeteiligung von Migrantinnen und Migranten ergibt sich für das Jahr 2018 ein geschätzter Wanderungseffekt, der das Erwerbspersonenpotenzial um 200.000 Personen erhöht. Im Prognosezeitraum 2019 dürfte dieser Zuwachs 220.000 Personen betragen. Die hohe Migration aus den Vorjahren trägt dazu bei, dass das Erwerbspersonenpotenzial aktuell noch steigt. Der Grund dafür ist, dass inzwischen viele Migrantinnen und Migranten aus früheren Jahren in den Arbeitsmarkt einmünden (detailliertere Angaben finden Sie im Zuwanderungsmonitor des IAB). Mit anderen Worten: Ein erheblicher Teil der Flüchtlingsmigration wird erst mit einigen Jahren Zeitverzögerung am Arbeitsmarkt sichtbar. Vor allem wegen der guten Arbeitsmarktlage steigt zudem die Erwerbsbeteiligung von Einheimischen, insbesondere von Frauen und Älteren. Aus diesen Gründen ergibt sich für 2018 ein außergewöhnlich hoher Verhaltenseffekt von fast 540.000 zusätzlichen Arbeitskräften, der im Prognosejahr 2019 bei gut 440.000 potenziellen Arbeitskräften liegen wird. Die demografische Alterung reduzierte das Erwerbspersonenpotenzial – isoliert betrachtet – im Jahr 2018 um 290.000 Arbeitskräfte. Für dieses Jahr wird dieser negative Effekt auf 340.000 Personen geschätzt.

Nachdem das Erwerbspersonenpotenzial 2018, im Zusammenspiel aus demografischer Entwicklung, Erwerbsbeteiligung und Migration, um beinahe 450.000 Arbeitskräfte gestiegen ist, dürfte sich im Prognosejahr noch einmal eine Zunahme um 330.000 Personen ergeben. Wir prognostizieren damit für das Jahr 2019 eine Zahl von 47,81 Millionen Erwerbspersonen.

Fazit

Die Konjunktur in Deutschland ist derzeit zahlreichen Risiken ausgesetzt und hat sich deutlich abgeflacht. Der Arbeitsmarkt bleibt gegenüber dieser konjunkturellen Schwächephase aber robust. Die Erwerbstätigkeit und insbesondere die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nehmen weiter kräftig zu, wenn auch mit etwas weniger Schwung. Hierbei wirkt neben der Konjunktur die zunehmende Knappheit an Arbeitskräften begrenzend. Der Abbau der Arbeitslosigkeit reagiert deutlicher auf den konjunkturellen Dämpfer und dürfte 2019 moderater als zuletzt ausfallen.

Konjunkturelle Risiken ergeben sich hauptsächlich aus der Unsicherheit über die Konditionen des Brexit und die weitere Marschrichtung der US-Handelspolitik. Der Extremfall einer ausgeprägten und anhaltenden Rezession hätte auch negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Allerdings haben Politikinstrumente wie Kurzarbeit, aktive Arbeitsmarktpolitik und die Stabilisierungswirkung der Arbeitslosenversicherung in der letzten Rezession 2009 wirkungsvoll gegengesteuert. Dies wäre auch im Fall einer erneuten Rezession sicherzustellen. Grundsätzlich entwickelt sich der Arbeitsmarkt seit 2005 fast durchgängig positiv und relativ unabhängig von der Konjunktur. Diese Robustheit ist für Deutschland ein wichtiger Stabilitätsanker.

 

Die ausführliche Fassung der IAB-Arbeitsmarktprognose finden Sie im IAB-Kurzbericht 7/2019.

 

Literatur

Brücker, Herbert; Hauptmann, Andreas; Vallizadeh, Ehsan (2019): IAB-Zuwanderungsmonitor. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg (Zugriff 06.03.2019).

Fuchs, Johann; Söhnlein, Doris; Weber, Brigitte; Weber, Enzo (2018): Belastbare Methoden statt Kaffeesatzleserei – wie IAB-Forscher das künftige Arbeitskräfteangebot prognostizieren. In: IAB-Forum, 18.04.2018.

Klinger, Sabine; Weber, Enzo (2014): Seit der Großen Rezession: schwächerer Zusammenhang von Konjunktur und Beschäftigung. In: Wirtschaftsdienst Nr. 94, S. 756-758.

Weber, Enzo (2019): Folgen des Brexit für Deutschland: Dämpfer für die Konjunktur, nicht für den Arbeitsmarkt. In: IAB-Forum, 07.02.2019.

Weber, Enzo (2018): Mögliche Auswirkungen der internationalen Handelskonflikte auf den deutschen Arbeitsmarkt. In: IAB-Forum, 09.07.2018.

 

 

Fuchs, Johann; Gehrke, Britta; Hummel, Markus; Hutter, Christian; Klinger, Sabine; Wanger, Susanne; Weber, Enzo; Zika, Gerd (2019): Arbeitsmarktprognose 2019: Trotz Konjunkturflaute hält der Arbeitsmarkt Kurs, In: IAB-Forum 25. März 2019, https://www.iab-forum.de/arbeitsmarktprognose-2019-trotz-konjunkturflaute-haelt-der-arbeitsmarkt-kurs/, Abrufdatum: 13. November 2019