Ein harter Brexit würde sich auf die Konjunktur in Deutschland voraussichtlich negativ auswirken. Die Auswirkungen auf die Beschäftigung dürften sich jedoch in engen Grenzen halten, da sich die Entwicklung des Arbeitsmarkts seit geraumer Zeit sehr robust gegenüber konjunkturellen Fluktuationen zeigt. Deutschland könnte durch den Brexit zudem verstärkt zum Ziel innereuropäischer Migrationsströme werden, mit positiven Folgen für Arbeitskräftepotenzial und Beschäftigung.

Mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union in diesem Jahr stellt sich die Frage nach den gesamtwirtschaftlichen Folgeeffekten. Der Austausch von Gütern und Dienstleistungen dürfte auf jeden Fall abnehmen: Sieben Prozent der deutschen Exporte und vier Prozent der deutschen Importe entfallen auf das Vereinigte Königreich. Es ist damit einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands.

Das Gewicht eines einzelnen Landes für den grenzüberschreitenden Handel bleibt damit allerdings insgesamt begrenzt. Hinzu kommt: Es steht bei weitem nicht das gesamte Handelsvolumen auf dem Spiel. Zudem müssen viele Handelsströme nicht notwendigerweise Großbritannien einbeziehen, sondern können zumindest mittelfristig umgelenkt werden. Daneben gibt es Verflechtungen bei Direktinvestitionen. Lieferketten könnten beeinträchtigt werden, Deutschland könnte aber auch von Standortverlagerungen profitieren.

Der Schwerpunkt des Handels zwischen Deutschland und Großbritannien liegt auf den Bereichen Fahrzeuge, Maschinen und chemische Erzeugnisse, in denen Deutschland auch insgesamt hohe Exporte verzeichnet. Dies zeigt beispielsweise eine Auswertung von Enzo Weber und Christian Hutter aus dem Jahr 2016. Eine signifikante Rolle spielen außerdem Dienstleistungen, darunter vor allem die Bereiche Finanzen/Versicherungen, Patente/Lizenzen, Transport und sonstige unternehmensbezogene Dienstleistungen.

Deutscher Arbeitsmarkt zeigt sich sehr robust

Insbesondere im Falle eines „harten“ Brexits ohne Anschlussregelungen würde die britische Wirtschaft erheblichen Schaden nehmen. Zugleich dürfte selbst ein harter Brexit insgesamt  keine großen Auswirkungen auf die deutsche Arbeitsmarktentwicklung haben. Dasselbe gilt im Hinblick auf aktuelle Risiken, die sich aus den internationalen Handelskonflikten ergeben könnten (lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Mögliche Auswirkungen der internationalen Handelskonflikte auf den deutschen Arbeitsmarkt“ von Enzo Weber im IAB-Forum).

Zumindest ein harter Brexit würde die Konjunktur in Deutschland beeinträchtigen. Indes zeigt sich die Arbeitsmarktentwicklung gegenüber konjunkturellen Fluktuationen seit der großen Rezession von 2009 sehr robust. Statt von der Konjunktur wird der Aufwärtstrend der Beschäftigung vor allem von Faktoren wie dem Wachstum des Dienstleistungsbereichs, etwa bei Pflege, Erziehung und Unternehmensdienstleistern, sowie der hohen Zuwanderung gestützt.

Die stärkere Knappheit von Arbeitskräften führt dazu, dass Betriebe sich Beschäftigte nicht selten auch unabhängig von der aktuellen konjunkturellen Lage sichern – ein Zusammenhang, auf den Sabine Klinger und Enzo Weber bereits in einem 2014 erschienenen Beitrag hingewiesen haben. Dies lässt sich am deutlich sinkenden Entlassungsrisiko ablesen, welches derzeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung liegt. Gerade in vielen technischen Berufen im Verarbeitenden Gewerbe, das vom Brexit relativ stark betroffen ist, sind Arbeitskräfte knapp.

Konjunkturelle Schwächephasen schlagen kaum noch durch

Aus all diesen Gründen schlagen konjunkturelle Schwächephasen nur noch schwach auf den Arbeitsmarkt durch. Das aktuelle IAB-Arbeitsmarktbarometer zeigt denn auch für die nächsten drei Monate eine weiter deutlich steigende Beschäftigung und einen weiteren moderaten Abbau der Arbeitslosigkeit an. Allerdings sollte man vorbereitet sein, bewährte arbeitsmarktpolitische Instrumente wie das Kurzarbeitergeld zur Verfügung zu stellen, damit die Betriebe eine vorübergehende Schwächung der Auftragslage besser abfedern können.

Stärkere negative Wirkungen wären nur dann zu befürchten, wenn der Brexit die Erwartungen und das Vertrauen der Akteure mit Blick auf die weitere wirtschaftliche und politische Entwicklung nachhaltig eintrübt. So könnte der Brexit die Europäische Union (EU) schwächen und nationalistisch orientierten Kräften auch in anderen Ländern Auftrieb geben. Angesichts der daraus resultierenden Verunsicherung wäre mit deutlichen realwirtschaftlichen Verwerfungen zu rechnen, gerade bei Investitionen und Exporten. Allerdings ist davon auszugehen, dass derartige Effekte bereits eingetreten sind, wie sich etwa an der schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung im Jahr 2018 zeigt.

Brexit könnte sich auf die Migration innerhalb der EU auswirken

Abhängig von den konkreten Anschlussregelungen sind darüber hinaus Auswirkungen auf die Migration innerhalb der EU denkbar. Dies zeigen Herbert Brücker und Ehsan Vallizadeh in einem 2016 erschienenen Beitrag. EU-Staatsbürger in Großbritannien könnten sich für eine Rückkehr in ihre Heimatländer oder andere EU-Staaten entscheiden. Auch könnte Zuwanderung, die eigentlich nach Großbritannien erfolgt wäre, umgelenkt werden. Neben anderen Zielen wie Irland, Skandinavien oder den Niederlanden kommt dabei insbesondere Deutschland in Frage. Dies würde das Arbeitskräftepotenzial hierzulande steigern.

Wie auch das Zuwanderungsplus in den vergangenen Jahren die Erwerbstätigkeit deutlich erhöht hat, wären damit zusätzliche positive Beschäftigungseffekte zu erwarten – zumal es sich um arbeitsmarktorientierte Zuwanderung handeln würde. Hingegen steigt die Arbeitslosenquote in Deutschland durch Zuwanderung nicht, wie eine 2018 erschienene Analyse von Enzo Weber und Roland Weigand zeigt.  Weiterhin sind der Status und die Unterstützung der knapp 40.000 in Deutschland arbeitenden britischen Staatsbürger zu berücksichtigen.

Literatur

Brücker, Herbert; Vallizadeh, Ehsan (2016): Brexit: Mögliche Folgen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit und die Arbeitsmigration. IAB, Aktuelle Berichte Nr. 16.

Klinger, Sabine; Weber, Enzo (2014): Seit der Großen Rezession: schwächerer Zusammenhang von Konjunktur und Beschäftigung. In: Wirtschaftsdienst Jahrgang 94, Heft 10, S. 756-758.

Weber, Enzo; Hutter, Christian (2016): Auswirkungen des Brexit auf den deutschen Arbeitsmarkt. IAB, Aktuelle Berichte Nr. 14.

Weber, Enzo (2018): Mögliche Auswirkungen der internationalen Handelskonflikte auf den deutschen Arbeitsmarkt. IAB-Forum, 09.07.2018.

Weber, Enzo; Weigand, Roland (2018): Identifying macroeconomic effects of refugee migration to Germany. In: Economics Bulletin, Vol. 38, No. 2, S. 852-862.

Weber, Enzo (2019): Folgen des Brexit für Deutschland: Dämpfer für die Konjunktur, nicht für den Arbeitsmarkt, In: IAB-Forum 7. Februar 2019, https://www.iab-forum.de/folgen-des-brexit-fuer-deutschland-daempfer-fuer-die-konjunktur-nicht-fuer-den-arbeitsmarkt/, Abrufdatum: 19. Juni 2019