Langzeitarbeitslose müssen bei ihrer Suche nach einer Beschäftigung einige Hindernisse überwinden. Dazu gehört das verbreitete Vorurteil, sie würden gar nicht arbeiten wollen. Viele Betroffene fühlen sich durch solche Vorurteile stigmatisiert. Überraschenderweise ist aber nicht zu beobachten, dass diese Menschen ihre Arbeitsuche entmutigt abbrechen. Im Gegenteil: Sie bemühen sich sogar intensiver als andere Arbeitslose um den Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit, allerdings häufig ohne Erfolg.

Langzeitarbeitslose haben es schwer, (wieder) eine Stelle zu finden. Das liegt nur zum Teil an den sogenannten individuellen Vermittlungshemmnissen wie gesundheitlichen Einschränkungen oder fehlenden Qualifikationen, von denen sie in der Regel häufiger betroffen sind als Menschen, die nur für kurze Zeit arbeitslos sind. Ebenso spielt eine Rolle, dass sich Betriebe im Zweifelsfall eher für Bewerberinnen und Bewerber entscheiden, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. Zu diesem Ergebnis kommen Martina Rebien und Thomas Rothe in einer Studie, die als IAB-Kurzbericht 12/2018 publiziert worden ist.

Langzeitarbeitslose kommen auch dann bei Stellenbesetzungen seltener zum Zuge, wenn sie ansonsten die gleiche Qualifikation und einen ähnlichen Lebenslauf aufweisen wie beschäftigte Bewerberinnen und Bewerber. Das hat zum Beispiel eine 2014 erschienene Studie von Stefan Eriksson und Dan-Olof Roth gezeigt. Dahinter dürfte die weitverbreitete pauschale Annahme stecken, dass Arbeitslose weniger motiviert und ihre beruflichen Fertigkeiten veraltet sind. Bereits 1963 hat der kanadische Soziologe Erving Goffman hierfür den Begriff der „Stigmatisierung“ geprägt.

Gibt es einen Teufelskreis aus Langzeitarbeitslosigkeit, Stigmatisierung und Entmutigung?

Wenig Beachtung fand allerdings bisher die Frage, wie sich solche Erfahrungen auf die Motivation von Langzeitarbeitslosen auswirken, sich eine neue Stelle zu suchen. Langzeitarbeitslose finden im Vergleich zu Menschen, die nicht oder nur für kurze Zeit arbeitslos sind, deutlich seltener eine neue Anstellung. Daher wird oft angenommen, dass sie in einer Art Teufelskreis aus Langzeitarbeitslosigkeit, Stigmatisierung und Entmutigung stecken. Langzeitarbeitslose machen demnach eher schlechte Erfahrungen bei ihrem Versuch, wieder eine Stelle zu finden, brechen dann ihre Suche ab und bleiben somit erst recht in ihrer Langzeitarbeitslosigkeit gefangen. In einer 2019 erschienenen Studie für das Journal for Labour Market Research haben Gerhard Krug, Katrin Drasch und Monika Jungbauer-Gans untersucht, ob solche Stigmatisierungserfahrungen tatsächlich dazu führen, dass Langzeitarbeitslose resignieren und ihre Bemühungen um eine Beschäftigung weitgehend einstellen.

Viele Langzeitarbeitslose fühlen sich stigmatisiert

Für diese Studie wurden Langzeitarbeitslose, darunter hauptsächlich solche, die Leistungen der Grundsicherung beziehen, zunächst befragt, ob sie sich stigmatisiert fühlen: Dabei geht es darum, ob sich die Betroffenen im Alltag spezifischen Vorurteilen ausgesetzt sehen und wie sie damit umgehen (siehe Abbildung). Dis Skala wurde 2013 von Thomas Gurr und Monika Jungbauer-Gans entwickelt und umfasst eine Reihe von Fragen, um die empfundene Stigmatisierung zu erfassen.

Betrachtet man die Antworten auf die einzelnen Fragen, so gaben fast 90 Prozent der Befragten an, dass in ihrer Wahrnehmung die meisten Menschen Vorurteile gegenüber Arbeitslosen hätten, auch wenn sie diese nicht offen aussprechen würden. Gut 40 Prozent fühlten sich von solchen Vorurteilen sogar persönlich betroffen. Und knapp 30 Prozent versuchten in bestimmten Situationen ihre Arbeitslosigkeit zu verheimlichen.

Abbildung: Empfundene Stigmatisierung -- Anteil der Langzeitarbeitslosen, die einer der folgenden aussagen gänzlich oder weitgehend zustimmen

Aus den Antworten wurde eine normierte Skala von 0 bis 10 Punkten gebildet, die das Ausmaß der selbst empfundenen Stigmatisierung der Befragten angibt. Je häufiger die Fragen bejaht werden, desto eher ist davon auszugehen, dass sich die Befragten im Alltag stigmatisiert fühlen. Im Durchschnitt aller befragten Langzeitarbeitslosen lag der Wert auf der Skala bei circa 5.

Arbeitslose, die sich stigmatisiert fühlen, erhöhen ihre Suchbemühungen

Vertiefte Analysen im Rahmen der Studie kommen zu weiteren wichtigen Ergebnissen: Je mehr sich Langzeitarbeitslose als stigmatisiert empfinden, desto schlechter ist im Schnitt ihr Gesundheitszustand. Für sie spielen zudem die nicht finanziellen Aspekte von Erwerbsarbeit eine wichtigere Rolle als für andere Langzeitarbeitslose. Allerdings: Je eher sich Langzeitarbeitslose als stigmatisiert empfinden, desto schlechter schätzen sie gleichzeitig die eigenen Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt ein. Trotzdem sind sie keineswegs inaktiv, was ihre Bemühungen um eine Beschäftigung betrifft. Im Gegenteil: Sie sind mit höherer Wahrscheinlichkeit unter denjenigen zu finden, die aktiv nach einer Stelle suchen, nutzen mehr Wege bei ihrer Suche und wenden mehr Zeit dafür auf als andere Langzeitarbeitslose.

Intensivere Suchbemühungen bleiben letztlich erfolglos

Dieser Befund überrascht. Je eher sich Langzeitarbeitslose stigmatisiert fühlen, desto weniger ziehen sie sich also zurück, sondern bemühen sich umso mehr als andere um eine neue Stelle. Wie die Studie außerdem zeigt, ist die intensive Stellensuche hier nicht in erster Linie den Aktivitäten der Jobcenter geschuldet. Denn die Jobcenter stärken, etwa in Form von Eingliederungsvereinbarungen, die Suchanstrengungen aller Langzeitarbeitslosen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Personen, die eine besondere Stigmatisierung wahrnehmen, mehr als andere Arbeitslose unter ihrer Situation leiden. Ein solcher Leidensdruck kann sich sowohl negativ auf die Gesundheit auswirken als auch mit stärkeren Suchbemühungen einhergehen.

In dieselbe Richtung könnte die mit der Stigmatisierung verbundene Wahrnehmung der Betroffenen wirken, besonders schlechte Chancen auf eine neue Stelle zu haben. Denn sie könnte ein Ansporn sein, die schlechteren Arbeitsmarktchancen durch verstärktes Engagement bei der Jobsuche auszugleichen. Diese verstärkten Bemühungen sind jedoch meist nicht von Erfolg gekrönt: Sie schlagen sich weder in häufigeren Einladungen zu Bewerbungsgesprächen noch in einer höheren Beschäftigungswahrscheinlichkeit nieder.

Fazit

Die Ergebnisse der Studie sprechen insgesamt dafür, dass den Erfolgsaussichten von Langzeitarbeitslosen, die sich intensiver als andere Personen in der gleichen Situation um eine neue Stelle bemühen, Grenzen gesetzt sind. Wenn sie eine Stigmatisierung seitens der Gesellschaft empfinden und daraufhin ihre Suchbemühungen verstärken, steigert dies ihre Beschäftigungschancen nicht. Insofern fehlt es Langzeitarbeitslosen nicht pauschal an Engagement und Arbeitsmotivation, sondern – neben eventuellen Einschränkungen der Beschäftigungsfähigkeit – auch an Beschäftigungschancen.

Die im Jahr 2019 erfolgte Einführung eines sozialen Arbeitsmarktes, wie sie beispielsweise bereits im IAB-Kurzbericht 20/2018 diskutiert wurde, könnte daher ein wichtiger Schritt sein, der schwierigen Situation von Langzeitarbeitslosen besser als bisher Rechnung zu tragen.  Der soziale Arbeitsmarkt könnte zum einen dazu führen, bei den Betroffenen das persönliche Empfinden der Benachteiligung zu verringern. Er könnte zum anderen dazu beitragen, dass die Betriebe die Betroffenen nicht mehr als inaktiv und arbeitsmarktfern, sondern als motiviert und produktiv wahrnehmen.

Ob sich diese Hoffnungen bestätigen werden, oder ob die Beschäftigung auf dem zweiten Arbeitsmarkt zu einem Stigma eigener Art wird, muss sich allerdings noch herausstellen. Solchen und ähnlichen Fragen dürfte sich auch die Begleitforschung zum neu eingeführten sozialen Arbeitsmarkt künftig verstärkt widmen.

Literatur

Eriksson, Stefan, Rooth, Dan-Olof (2014): Do employers use unemployment as a sorting criterion when hiring? Evidence from a field experiment. In: American Economic Review Vol. 104, No.3, S. 1014–1039.

Goffman, Erving (1963): Stigma. Notes on the management of spoiled identity. New York: Prentice Hall.

Gurr, Thomas; Jungbauer-Gans, Monika (2013): Stigma consciousness among the unemployed and prejudices against them: development of two scales for the 7th wave of the panel study “Labour Market and Social Security (PASS)”. In: Journal for Labour Market Research, Vol. 46(4), S. 335–351.

Krug, Gerhard; Drasch, Katrin; Jungbauer-Gans, Monika (2019): The social stigma of unemployment. Consequences of stigma consciousness on job search attitudes, behaviour and success. In: Journal for Labour Market Research, Vol. 53, No. 1, Art. 11.

Lietzmann, Torsten; Kupka, Peter; Ramos Lobato, Philipp; Trappmann, Mark; Wolff, Joachim (2018): Sozialer Arbeitsmarkt für Langzeiterwerbslose: Wer für eine Förderung infrage kommt. IAB-Kurzbericht Nr. 20.

Rebien, Martina; Rothe, Thomas (2018): Langzeitarbeitslose Bewerber aus betrieblicher Perspektive: Zuverlässigkeit ist wichtiger als fachliche Qualifikation. IAB-Kurzbericht Nr. 12.

Krug, Gerhard (2020): Weder faul noch resigniert: Wie Langzeitarbeitslose mit dem Stigma der Arbeitslosigkeit umgehen, In: IAB-Forum 27. Mai 2020, https://www.iab-forum.de/weder-faul-noch-resigniert-wie-langzeitarbeitslose-mit-dem-stigma-der-arbeitslosigkeit-umgehen/, Abrufdatum: 24. September 2020