Das duale Ausbildungssystem, einst Aushängeschild der deutschen Wirtschaft, steckt in der Krise. Schon vor Corona drohte eine schleichende Auszehrung des Systems, denn immer weniger Jugendliche machen eine betriebliche Ausbildung. Über die vielfältigen Ursachen und mögliche Lösungsansätze diskutierte eine hochkarätig besetzte Expertenrunde im Rahmen der Nürnberger Gespräche, die diesmal als hybride Veranstaltung stattfanden.

Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König bei den zweiten Nürnberger Gesprächen im Jahr 2021.

Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König forderte eine gemeinsame Anstrengung aller an der beruflichen Bildung beteiligten Akteure.

Es war ein gleichermaßen illustres wie sachkundiges Quartett, das Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König am 15. November 2021 in den hohen Hallen des historischen Rathaussaals begrüßte – allen Corona-Einschränkungen zum Trotz. Außer Professor Bernd Fitzenberger, Direktor des IAB, Evelyn Räder, Abteilungsleiterin Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund, und Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, war auch Anja Karliczek nach Nürnberg gekommen, derzeit noch als geschäftsführende Bundesministerin für Bildung und Forschung in Amt und Würden.

In seiner Begrüßungsrede mahnte König, der einst selbst eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert hat, eine gemeinsame Anstrengung aller an der beruflichen Bildung beteiligten Akteure an, um den negativen Trend bei der Dualen Ausbildung zu brechen. „Die Wirtschaft“, so König, „braucht gut ausgebildete Fachkräfte, um nach der Pandemie voll durchstarten zu können.“

Moderatorin Ute Möller bei den zweiten Nürnberger Gesprächen im Jahr 2021.

Ute Möller moderierte die Veranstaltung ebenso lebendig wie sachkundig.

Dass es einer gemeinschaftlichen Kraftanstrengung bedarf, zeigen auch die Zahlen. Denn die sehen nicht gut aus, wie Moderatorin Ute Möller deutlich machte: Im Jahr 2020 ging die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der Dualen Ausbildung laut Berufbildungsbericht um 11 Prozent zurück – der größte Rückgang seit 1977.

Erstmals seit der Wiedervereinigung hatten damit deutlich weniger als 500.000 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Ein Jahr später brach die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber nochmals stark ein. Mit Corona hat sich also der negative Trend der Vorjahre nochmals verschärft, auch weil die Zahl der Jugendlichen aus demografischen Gründen kontinuierlich schrumpft.

Schulte: „Wenn wir die großen Zukunftsaufgaben bewältigen wollen, brauchen wir eine Dekade der beruflichen Bildung“

Handwerksvertreter Karl-SebastianSchulte warnte dennoch davor, „einer dauerhaften Erosion des dualen Ausbildungssystems“ das Wort zu reden. Alle Beteiligten hätten in der Corona-Krise enorm viel getan, um die Situation zu stabilisieren. Die Zahl und der Anteil vorzeitig gelöster Ausbildungsverträge seien sogar geringer gewesen als vor der Krise.

Um eine Erosion des dualen Ausbildungssystems zu vermeiden, forderte er einen Neustart für die Zeit nach Covid-19: „Wir müssen gemeinsam alles dafür tun, damit wir die Fachkräfte, die wir in Zukunft brauchen, auch finden und binden“. Mit der Aktion „Sommer der Berufsbildung“, die gemeinsam mit der Bundesregierung durchgeführt wurde, sei es nicht getan. „Eigentlich brauchen wir eine Dekade der beruflichen Bildung“, betonte Schulte. Nur so ließen sich auch große Zukunftsaufgaben wie die Klima- und Mobilitätswende überhaupt realisieren.

Karl-Sebastian Schulte bei den zweiten Nürnberger Gesprächen im Jahr 2021.

Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, forderte die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.

Nach Einschätzung von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hat Corona ein Problem verschärft und sichtbar gemacht, dessen Ursachen viel tiefer liegen. Sie sieht „ein grundlegendes, kulturelles Problem darin, dass in diesem Land zu wenig Menschen bereit sind, operativ tätig zu sein“. Karliczek, die selbst eine kaufmännische Ausbildung und eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht hat, beklagte, dass die Wertschätzung für eine berufliche Ausbildung, die sie zu ihrer Zeit noch genossen habe, über die Jahre verloren gegangen sei.

Mit Instrumenten wie der Ausbildungsprämie hat die Politik versucht, den Betrieben in der Corona-Krise einen starken finanziellen Anreiz zu geben, auch in Zeiten hoher Unsicherheit möglichst viele junge Menschen auszubilden. Nach Einschätzung von Bernd Fitzenberger eine richtige Maßnahme, die aber einen Tick zu spät gekommen sei. Den starken Rückgang der Bewerberzahlen insbesondere aus den Realschulen führt der Volkswirt darauf zurück, dass viele Jugendliche in einer Zeit hoher Unsicherheit, in der auch viele berufsorientierende Maßnahmen nicht stattfinden konnten, es vorgezogen hätten, zunächst im Schulsystem zu verbleiben. Die Unsicherheit der Jugendlichen rühre auch daher, dass die Corona-Krise mit einem Transformationsprozess einhergehe. Er führe dazu, dass bestimmte Berufe möglicherweise weniger gefragt sind als vorher.

Räder: „Was nützt einer Bewerberin aus Flensburg ein Ausbildungsplatz in Stuttgart?“

Karl-Sebastian Schulte bei den zweiten Nürnberger Gesprächen im Jahr 2021.

Evelyn Räder, Abteilungsleiterin Arbeitsmarktpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund, monierte, dass viele Bewerberinnen und Bewerber nach wie vor unversorgt sind.

Evelyn Räder trat dem aus ihrer Sicht falschen Eindruck entgegen, dass es genug Ausbildungsplätze gäbe und es eigentlich nur an Bewerberinnen und Bewerbern mangele. Ausbildungsmärkte, machte die Gewerkschafterin deutlich, sind regionale und branchenbezogene Märkte. Räder: „Was nützt einer Bewerberin aus Flensburg ein Ausbildungsplatz in Stuttgart?“

Das Ausbildungsplatzangebot decke sich auch nicht notwendigerweise mit den beruflichen Interessen der Jugendlichen. Zudem sei die Ausbildungsbetriebsquote seit Jahren rückläufig. Nicht einmal jeder fünfte Betrieb bilde zurzeit noch aus. Viele Bewerber seien daher nach wie vor unversorgt. Die Betriebe müssten insbesondere auch bereit sein, leistungsschwächeren Jugendlichen eine Chance zu geben – was derzeit aus ihrer Sicht kaum der Fall sei.

Schließlich monierte Räder, dass manche Ausbildungsplätze für die Jugendlichen einfach nicht attraktiv seien. Betriebe müssten ihre Auszubildenden auch gut behandeln, wenn sie junge Menschen für sich gewinnen und Ausbildungsabbrüche vermeiden wollen.

Fitzenberger stimmte Räders Ausführungen ausdrücklich zu, gab aber zu bedenken, dass sich Ausbildung auch für die Betriebe rechnen muss. Zugleich sollte man leistungsschwächeren Jugendlichen, von denen viele, insbesondere solche mit Migrationshintergrund, anstelle einer Ausbildung eine Helfertätigkeit ausüben, geeignete Angebote machen.

Kontrovers diskutiert wurde die Idee einer bundesweiten Ausbildungsumlage in Anlehnung an die bereits bestehende Schwerbehindertenabgabe. Während Räder sich dieses Instrument vorstellen kann, zeigt sich Schulte skeptisch. Man könne nicht Betriebe, die Ausbildungsplätze anbieten, aber keine Auszubildenden finden, mit Strafzahlungen belegen.

Karliczek: „Wir müssen junge Menschen stärker für das Tun begeistern“

Karliczek wusste sich mit den anderen Podiumsgästen darin einig, dass es wesentlich sei, junge Menschen die Vielfalt von Ausbildungsberufen nahezubringen. Ihrer Einschätzung nach muss die Berufsorientierung gerade an den Gymnasien gestärkt werden. Dies sei auch ein wichtiger Punkt in der Initiative „Bildungsketten“, die der Bund mit den Ländern kürzlich bis 2026 verlängert habe.

Die Berufsorientierung solle stärker an den individuellen Neigungen und Interessen der Jugendlichen ansetzen und die verschiedenen Berufe für die jungen Menschen „erlebbar“ machen, sagte Karliczek. Dies sei auch eine Frage des Erwartungsmanagements, um spätere Ausbildungs- und Studienabbrüche möglichst zu vermeiden. Zudem gelte es, „junge Menschen wieder für das Tun zu begeistern“. Die Digitalisierung biete eine große Chance, praktische Elemente viel stärker als bisher in den Unterricht zu integrieren und damit auch die Wertschätzung und das Interesse der Jugendlichen für eine Duale Ausbildung zu verbessern.

Anja Karliczek bei den zweiten Nürnberger Gesprächen im Jahr 2021.

Nach Auffassung von Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, muss die Berufsorientierung an den individuellen Neigungen und Interessen der Jugendlichen ansetzen.

Fitzenberger ergänzte, dass Lehrkräfte am Gymnasium für die Vermittlung praktischer und berufsorientierender Kenntnisse in der Regel nicht ausgebildet sind. Auch Räder monierte, dass die Schulen insgesamt nicht gut aufgestellt seien, wenn es um die Vorbereitung auf eine berufliche Ausbildung gehe. Sehr positiv sei daher, dass die Arbeitsagenturen mit flächendeckenden Beratungs- und Berufsorientierungsangeboten in die Schulen gegangen seien, was allerdings pandemiebedingt zuletzt kaum mehr stattfinden konnte. Allerdings seien diese Angebote keineswegs von allen Schulen gut angenommen worden.

Schulte sprach sich dafür aus, Praktika verpflichtend in die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern zu integrieren. Sie gehörten neben den Eltern zu den wichtigsten Ratgebern und Lotsen für die Berufsfindung. Sie müssten die Idee der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung mittragen.

Zugleich monierte Schulte, dass Deutschland viele junge Menschen auch durch die bildungspolitische Steuerung von Finanzströmen an die Universitäten treibe, Wenn sie ihr Studium abbrächen, müssten sie wieder in das duale System integriert werden. Zudem, so Schulte, sollten junge Menschen aus dem Ausland stärker als bisher nicht nur für ein Studium, sondern auch für eine Ausbildung in Deutschland gewonnen werden. Ein weiteres Handlungsfeld ist aus seiner Sicht das Thema „Wohnungsmärkte und Mobilität“. Denkbar seien etwa Wohnheime für Auszubildende oder ein bundesweites Azubi-Ticket.

Fitzenberger: „Ein erheblicher Teil der Jugendlichen, die eine Ausbildung abbrechen, nehmen danach keine zweite mehr auf“

Eine inhaltliche Kontroverse entzündete sich schließlich an der Frage, warum Jugendliche mit Migrationshintergrund seltener eine duale Ausbildung machen als solche ohne Migrationshintergrund. So widersprach Räder tendenziell der Einschätzung, dass diese qua Herkunft zu wenig mit dem deutschen Ausbildungssystem vertraut seien.

Bernd Fitzenberger bei den zweiten Nürnberger Gesprächen im Jahr 2021.

IAB-Direktor Prof. Bernd Fitzenberger ist besorgt, weil ein erheblicher Teil der Jugendlichen, die ihre Ausbildung abbrechen, keinen neuen Versuch wagen.

Mit Verweis auf den Berufsbildungsbericht legte sie nahe, dass vor allem kulturelle Vorbehalte aufseiten mancher Arbeitgeber deren Erfolgschancen auf dem Ausbildungsmarkt schmälern. Dies wiederum wollte Schulte mit Blick auf das Handwerk so nicht stehen lassen. Das Handwerk hätte nach 2015 viele junge Geflüchtete ausgebildet. Nach anfänglicher Skepsis sei die Begeisterung bei den Inhaberinnen und Inhabern außerordentlich groß gewesen. Kulturelle Konflikte habe es praktisch nicht gegeben.

Das Thema Ausbildungsabbrüche wurde auf dem Podium ebenfalls angeschnitten. Hier zeigte sich Bernd Fitzenberger vor allem darüber besorgt, dass ein erheblicher Teil der Jugendlichen, die eine Ausbildung abbrechen, danach keine zweite Ausbildung mehr aufnimmt.

Walwei: „Die duale Ausbildung ist ein Riesen-Asset“

IAB-Vizedirektor Professor Ulrich Walwei wusste sich in seinem Schlusswort mit dem Podium einig: Die duale Ausbildung ist ein „Riesen-Asset“. Und dies gilt laut Walwei in mehrfacher Hinsicht: Denn es profitierten nicht nur die Betriebe und die jungen Menschen selbst, sondern auch die Volkswirtschaft als solche, da gut ausgebildete Arbeitskräfte für eine hohe Produktivität sorgen. Indem die duale Ausbildung jungen Menschen Perspektiven eröffne, beuge sie auch der Gefahr der Perspektivlosigkeit vor, der sich beispielsweise in Südeuropa weite Teile der jungen Generation gegenübersähen.

Ulrich Walwei bei den zweiten Nürnberger Gesprächen im Jahr 2021.

Für IAB-Vizedirektor Prof. Ulrich Walwei profitieren nicht nur Betriebe und junge Menschen, sondern auch die Volkswirtschaft insgesamt von der dualen Ausbildung.

Eine Ausbildung, so betonte Walwei, sei aber für die Betroffenen wie für die Betriebe immer auch eine Investition, die gerade in sehr unsicheren Zeiten wie der Corona-Krise oder der Finanzkrise mit Risiken behaftet sei. Zugleich konkurriere die duale Ausbildung nicht nur mit der akademischen und schulischen Ausbildung, sondern auch mit dem Arbeitsmarkt für Helferberufe um die aus demografischen Gründen rasch kleiner werdende Zahl junger Menschen.

Zu den zahlreichen Stellschrauben, mit denen sich Ausbildungsberufe attraktiver machen ließen, zählen für Walwei nicht nur Faktoren wie Bezahlung, Arbeitszeit und Work-Life-Balance, sondern auch Werte wie Nachhaltigkeit, die für viele junge Menschen heutzutage ein wichtiges Kriterium bei der Berufswahl sind.

Ähnlich wie bereits vor ihm Oberbürgermeister König und Bundesbildungsministerin Karliczek outete sich im Übrigen auch Arbeitsmarktforscher Walwei als „Kind der dualen Ausbildung“: Er hatte sich lange vor Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn zum Gehilfen in wirtschafts- und steuerberatenden Berufen ausbilden lassen. Hätte es also noch eines Beweises bedurft, dass auch Menschen mit beruflicher Ausbildung alle Karrierewege offenstehen: Karliczek, König und Walwei haben ihn mit Bravour erbracht.

Die Nürnberger Gespräche werden zweimal im Jahr von der Stadt Nürnberg und der Bundesagentur für Arbeit unter Federführung des IAB ausgerichtet.

Sonstige Informationen

Kontakt: martin.schludi@iab.de

 

Schludi, Martin; Kaltwasser, Lena (2021): Nürnberger Gespräche: Droht nach Corona eine dauerhafte Erosion der dualen Ausbildung?, In: IAB-Forum 2. Dezember 2021, https://www.iab-forum.de/nuernberger-gespraeche-droht-nach-corona-eine-dauerhafte-erosion-der-dualen-ausbildung/, Abrufdatum: 20. Januar 2022