Das Lohnniveau in Deutschland unterscheidet sich deutlich zwischen den Regionen. Dafür sind vor allem die Löhne der Männer verantwortlich, denn sie sind im Schnitt nicht nur wesentlich höher, sondern variieren auch regional stärker als die der Frauen. Daher ist die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern insbesondere in den strukturstarken westdeutschen Ballungsräumen sehr groß.

Die Regionen in Deutschland unterscheiden sich sehr stark in ihrer Wirtschafts- und Arbeitsmarktstruktur. Entsprechend groß sind auch die regionalen Lohnunterschiede. Im Jahr 2016 betrug das durchschnittliche Bruttoentgelt der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten in Deutschland 107 Euro pro Tag. Auf Kreisebene reichte es jedoch von 73 Euro im thüringischen Saale-Orla-Kreis und im Landkreis Vorpommern-Rügen bis zu 153 Euro in der bayerischen Stadt Erlangen.

Einer Analyse von Michaela Fuchs, Cerstin Rauscher und Antje Weyh zufolge, die 2014 als IAB-Kurzbericht erschienen ist, spiegelt sich darin ein bundesdeutsches Muster wider. So sind die Löhne in den meisten westdeutschen Kreisen höher als in Ostdeutschland. Zugleich existiert in beiden Landesteilen ein Süd-Nord-Gefälle. Außerdem verdienen Beschäftigte in den Städten deutlich mehr als auf dem Land (lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Wächst die Kluft zwischen den Regionen?“ von Uwe Blien und Koautoren im IAB-Forum).

Die regionale Wirtschaftsstruktur beeinflusst das Lohnniveau

Ein wichtiger Grund für diese großen regionalen Lohnunterschiede liegt in der Wirtschaftsstruktur vor Ort. So sind die Regionen mit hochproduktiven Kernbranchen wie Fahrzeugbau, Chemie oder anderen forschungs- und wissensintensiven Wirtschaftsbereichen auch diejenigen mit dem höchsten Lohnniveau. Dazu gehören neben dem Hightech-Standort Erlangen beispielsweise auch die Autostädte Wolfsburg, Ingolstadt oder Böblingen. Dies geht einher mit der Dominanz großer Unternehmen, die in der Regel besser bezahlen als kleine Betriebe und zudem vielfältige Aufstiegschancen in höher dotierte Positionen bieten. Dagegen sind in Ostdeutschland die öffentliche Verwaltung, das Sozialwesen sowie der Einzelhandel relativ stark vertreten – Branchen also mit geringen Lohnunterschieden und einem im Vergleich zur westdeutschen Industrie niedrigeren Lohnniveau.

Vor allem Frauen profitieren häufig nicht von hohen Löhnen in einer Region

Von den Lohnvorteilen einer Region profitieren aber nicht alle Beschäftigten in gleichem Maße. Dies gilt insbesondere für Frauen, die im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Laut einer aktuellen Studie von Michaela Fuchs, Anja Rossen, Antje Weyh und Gabriele Wydra-Somaggio, die 2019 unter anderem als IAB-Kurzbericht erschienen ist, verdienten vollzeitbeschäftigte Frauen im Jahr 2016 durchschnittlich 92 Euro pro Tag, vollzeitbeschäftigte Männer dagegen 114 Euro.

Männer verdienen vor allem in Städten mit starker Industrie sehr gut

Wie Abbildung 1 zeigt, sind die regionalen Lohnunterschiede bei den Männern größer als bei den Frauen. Deutlich wird zudem die Zweiteilung des Landes, denn in Westdeutschland liegt das Salär der Männer im Durchschnitt bei 120 Euro, in Ostdeutschland aber nur bei 84 Euro. Männer verdienen vor allem in Baden-Württemberg, in einigen Regionen Bayerns sowie in den westdeutschen Ballungsräumen um Frankfurt/Main, Düsseldorf und Hannover überdurchschnittlich. Spitzenreiter ist wiederum Erlangen. Dort verdienten vollzeitbeschäftigte Männer im Jahr 2016 durchschnittlich 170 Euro pro Tag, gefolgt von Ingolstadt und Wolfsburg mit je 162 Euro sowie Böblingen mit 160 Euro – allesamt Städte mit starker Industrie oder wissensintensiven Schwerpunkten.

Abbildung 1: Durchschnittliche Löhne in deutschen Kreisen

Die Kreise, in denen Männer am wenigsten verdienen, liegen in Ostdeutschland: In den Landkreisen Vorpommern-Rügen und Elbe-Elster waren die Löhne der Männer mit 74 Euro und 75 Euro pro Tag nicht einmal halb so hoch wie in Erlangen. Auch in den Landkreisen Altenburger Land, Prignitz, dem Erzgebirgskreis und dem Saale-Orla-Kreis bewegte sich der Lohn mit 76 Euro pro Tag in ähnlichen Größenordnungen.

Allerdings gibt es auch in Westdeutschland Regionen, in denen Männer eher wenig verdienen, und in Ostdeutschland welche, in denen sie vergleichsweise hohe Löhne erzielen. So ist Jena mit 104 Euro der Spitzenreiter in Ostdeutschland. In insgesamt 77 westdeutschen Kreisen verdienten die Männer weniger. Schlusslicht im Westen ist der Landkreis Ostholstein mit 91 Euro. Der im Durchschnitt sehr große Ost-West-Unterschied in der Lohnhöhe der Männer überdeckt also die teils beträchtlichen Unterschiede innerhalb der beiden Landesteile.

Frauen verdienen vor allem in einigen westdeutschen Städten und Ballungsräumen überdurchschnittlich

Im Gegensatz zu den Männern ist der Lohnunterschied zwischen Ost- und Westdeutschland bei den Frauen weniger stark ausgeprägt. Während Frauen in Ostdeutschland im Durchschnitt 79 Euro pro Tag verdienen, liegt deren Entgelt in Westdeutschland bei rund 95 Euro.

Allerdings sind die Löhne der Frauen in einigen Regionen Süddeutschlands und in den westdeutschen Ballungsräumen deutlich höher. Die höchsten Löhne erzielten sie im Landkreis München, in Wolfsburg und in Frankfurt am Main mit jeweils 122 Euro, gefolgt von Erlangen und der Stadt München mit jeweils 120 Euro und dem Main-Taunus-Kreis mit 119 Euro.

Dass teilweise andere Faktoren für die Löhne der Frauen ausschlaggebend sind als bei den Männern, zeigt sich unter anderem in der Rangfolge der Kreise. Insbesondere große Städte und deren Umland, die in der Regel eine vielfältige Wirtschaftsstruktur mit vielen Jobs im Dienstleistungsbereich aufweisen, bieten attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen.

Die niedrigsten Löhne erzielten Frauen mit 67 Euro pro Tag im thüringischen Saale-Orla-Kreis, der niedersächsische Landkreis Wittmund folgt mit 68 Euro direkt dahinter. Neben weiteren ostdeutschen ländlichen Kreisen ist das Entgelt der Frauen auch im westdeutschen Landkreis Cloppenburg mit 71 Euro sehr gering. Diese Kreise sind stark von Branchen mit relativ geringem Entgeltniveau geprägt, insbesondere dem Einzelhandel sowie dem Gesundheits- und Sozialwesen. In Cloppenburg ist zudem die Nahrungs- und Futtermittelbranche stark vertreten, wo ebenfalls relativ niedrige Löhne bezahlt werden. Insgesamt zeigt sich, dass Frauen in den allermeisten Landkreisen weniger verdienen als Männer, und dass die Spannbreite der regionalen Löhne bei den Frauen kleiner ist als bei den Männern (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Spannweite der durchschnittlichen Löhne in deutschen Kreisen

Es gibt unter den Kreisen einige Ausreißer nach oben, aber nicht nach unten

Bei den Löhnen für beide Geschlechter wird deutlich, dass es unter den Kreisen nur Ausreißer nach oben gibt. Es handelt sich dabei um die bereits genannten Kreise, in denen Männer und/oder Frauen besonders viel verdienen. Sie heben sich in Bezug auf die dort gezahlten Löhne stark von den anderen Kreisen ab. In der großen Mehrzahl der Kreise sind die Löhne deutlich niedriger.

Am anderen Ende der regionalen Verteilung gibt es keine negativen Ausreißer. Es existieren also keine Kreise, die man bildlich gesprochen als „einsame Schlusslichter“ bezeichnen könnte.

Die Gründe für die geringeren Löhne von Frauen sind vielfältig

Dass Frauen in den meisten Kreisen weniger verdienen als Männer hat mehrere Gründe, wie Michaela Fuchs, Anja Rossen, Antje Weyh und Gabriele Wydra-Somaggio in der oben bereits erwähnten Studie ausführen. In der Vergangenheit lag eine wichtige Ursache in der geringeren formalen Bildung der Frauen, die für die Einschätzung der Produktivität von Beschäftigten und damit für die Lohnhöhe ausschlaggebend ist. Mittlerweile haben die Frauen aber beim Bildungsniveau aufgeholt, so dass dies nicht mehr als hauptsächliche Ursache betrachtet werden kann.

Eine sehr starke Rolle für die geringeren Löhne der Frauen spielen  geschlechtsspezifische Unterschiede in der Berufserfahrung. Sie steigt grundsätzlich mit dem Alter und der Zeit im Berufsleben. Wenn Frauen nun aber wesentlich häufiger als Männer ihre Erwerbstätigkeit für Kindererziehung und Familienphasen unterbrechen, sammeln sie weniger Arbeitsmarkterfahrung. In der Folge müssen Frauen vielfach einen Lohnabschlag in Kauf nehmen.

Ein weiterer Grund für die niedrigeren Löhne der Frauen liegt darin, dass diese vielfach in anderen Arbeitsmarktsegmenten tätig sind als Männer. Frauen arbeiten vorwiegend in Büro-, Dienstleistungs- und Gesundheitsberufen, die zu einem großen Teil unterdurchschnittlich entlohnt werden und nur wenige berufliche Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dagegen üben Männer eher technische und verarbeitende Berufe aus. Wie Aline Zucco in einer 2019 erschienenen Studie belegt, ist in manchen dieser Männerberufe der Lohn auch deshalb so hoch, weil sich dort lange Arbeitszeiten besonders stark auszahlen.

Zudem sind Frauen und Männer oft in unterschiedlichen Betrieben beschäftigt, was beispielsweise die Unternehmensgröße, den Wirtschaftszweig, die Tarifbindung oder das Lohnniveau angeht. So kommen Corinna Frodermann, Alexandra Schmucker und Dana Müller in einem 2018 veröffentlichten IAB-Forschungsbericht zu dem Ergebnis, dass Frauen häufiger in kleinen Betrieben arbeiten. Sie profitieren damit nicht in demselben Ausmaß wie Männer vom höheren Lohnniveau in Großbetrieben. Insbesondere dort gibt es gutbezahlte Jobs, die meist mit einer höheren Position in der Unternehmenshierarchie verbunden sind.

Fazit

Die regionale Wirtschafts- und Berufsstruktur hat eine große Bedeutung für die kreisspezifische Lohnverteilung von Männern und Frauen. Die Ansatzmöglichkeiten, um die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern zu verkleinern, unterscheiden sich dementsprechend je nach Region erheblich.

Männer verdienen vor allem in Regionen mit einer starken Wirtschaftsstruktur und gut bezahlenden Großbetrieben aus dem Verarbeitenden Gewerbe deutlich mehr. Demgegenüber sind die regionalen Lohnunterschiede bei den Frauen weniger ausgeprägt. Zugleich verdienen sie fast überall weniger als die Männer, denn sie arbeiten häufig in schlechter bezahlten Berufen und in Unternehmen, die kaum hochdotierte Jobs anbieten. Zudem unterbrechen sie ihre Erwerbsbiografie aufgrund familiärer Verpflichtungen eher als Männer.

Frauen wie Männern sollte generell das breite Spektrum an Alternativen bei der Berufswahl und bei den regionalen Jobmöglichkeiten aufgezeigt werden. Zudem bedarf es eines weiteren Ausbaus der Kinderbetreuung, insbesondere in Westdeutschland, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen zu verbessern. Und schließlich sollten typische Frauenberufe, etwa in der Kinderbetreuung und Altenpflege, besser entlohnt werden – auch weil sich in diesen Berufen zunehmende Engpässe abzeichnen. Eine bessere Wertschätzung dieser Berufe, die sich auch im Lohn niederschlägt, ist also dringend notwendig. Auch institutionelle Änderungen wie die Abschaffung der Minijobs oder des Ehegattensplittings könnten dazu beitragen, dass Frauen schneller in besser bezahlte Beschäftigungsverhältnisse gelangen als bisher.

Daten

Als Datengrundlage für die Studie dient die Beschäftigtenhistorik des IAB. Sie enthält unter anderem Angaben zum täglichen Bruttoarbeitsentgelt aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Als regionaler Lohn wird der Durchschnitt des nominalen Bruttotagesentgelts aller sozialversicherungspflichtig vollzeitbeschäftigten Frauen und Männer (ohne Auszubildende) mit Arbeitsort in dem betrachteten Kreis zum Stichtag 30.6.2016 verwendet. Da die Arbeitgeber das Entgelt nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze für die Renten- und Arbeitslosenversicherung angeben müssen, stehen für die Löhne oberhalb dieser Grenze keine Informationen zur Verfügung. Diese Löhne werden mittels ökonometrischer Verfahren geschätzt.

Literatur

Frodermann, Corinna; Schmucker, Alexandra; Müller, Dana (2018): Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern in mittleren und großen Betrieben. IAB-Forschungsbericht Nr. 3.

Fuchs, Michaela; Rossen, Anja; Weyh, Antje; Wydra-Somaggio, Gabriele (2019): Gender-Pay-Gap von Vollzeitbeschäftigten auf Kreisebene: Unterschiede in der Lohnlücke erklären sich vor allem durch die Betriebslandschaft vor Ort. IAB-Kurzbericht Nr. 10.

Fuchs, Michaela; Rauscher, Cerstin; Weyh, Antje (2014): Lohnhöhe und Lohnwachstum: Die regionalen Unterschiede in Deutschland sind groß. IAB-Kurzbericht Nr. 17.

Zucco, Aline (2019): Große Gender Pay Gaps in einzelnen Berufen hängen stark mit der überproportionalen Entlohnung von langen Arbeitszeiten zusammen. In: DIW Wochenbericht 10, S. 128–136.

Fuchs, Michaela; Rossen, Anja; Weyh, Antje; Wydra-Somaggio, Gabriele (2019): Warum die Löhne von Männern regional stärker variieren als die von Frauen, In: IAB-Forum 18. Dezember 2019, https://www.iab-forum.de/warum-die-loehne-von-maennern-regional-staerker-variieren-als-die-von-frauen/, Abrufdatum: 8. April 2020