Viele Erwerbstätige haben durch die Corona-Krise Einkommensrückgänge erlebt. Die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse zeigen, dass die Einkommensungleichheit in Deutschland bislang nicht gestiegen ist. Dies muss allerdings keineswegs so bleiben.

Die Folgen der Corona-Krise treffen die gesamte Bevölkerung und sind in vielen Lebensbereichen direkt spürbar. Viele Erwerbstätige haben im vergangenen Jahr Einkommenseinbußen erlitten. Allerdings deuten die bisherigen Forschungsbefunde darauf hin, dass dies nicht zu einem Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland im Jahr 2020 geführt hat. Einkommensungleichheit bezeichnet dabei die Unterschiede zwischen den hohen und niedrigen Einkommen, meist relativ gemessen.

Simulationsstudien aus dem vergangenen Jahr für Deutschland und andere europäische Länder – darunter eine gemeinsame Studie des IAB mit dem Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) – hatten bereits prognostiziert, dass die Einkommensungleichheit im Jahr 2020 nicht zunehmen würde. Aktuellere Ergebnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels aus dem Jahr 2021 basieren, deuten nun in eine ähnliche Richtung.

Zwar haben die zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie getroffenen Maßnahmen den Arbeitsmarkt erheblich belastet und die Erwerbseinkommen über nahezu alle Einkommensschichten hinweg spürbar verringert. Allerdings war ein großer Teil der betroffenen Beschäftigten durch die bereits vorhandenen Sicherungsmechanismen, allen voran das Kurzarbeitergeld, vor allzu gravierenden Einkommensverlusten geschützt. Die Verluste beim Erwerbseinkommen konnten also durch das Steuer- und Transfersystem erheblich reduziert werden.

Auch die zusätzlich in der Pandemie getroffenen Maßnahmen, wie die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes oder der an Familien gezahlte Kinderbonus, haben die verfügbaren Einkommen der Haushalte stabilisiert. Davon haben insbesondere mittlere und untere Einkommen profitiert, letztere auch durch den Kinderbonus. Dieser führt in den Simulationsrechnungen sogar dazu, dass sich das unterste Einkommensfünftel gegenüber den mittleren Einkommensgruppen leicht und gegenüber höheren Einkommensgruppen deutlicher verbessern konnte.

Die verfügbaren Einkommen waren von der Pandemie weniger stark betroffen als die Bruttoerwerbseinkommen

Manche Gruppen waren von der Krise stärker betroffen als andere. Für Nichterwerbstätige änderte sich die Einkommenssituation kaum. Denn die Transferleistungen wurden, wenn auch in geringem Umfang, angepasst, um Mehrbedarfe abzudecken. Demgegenüber waren die Erwerbstätigen sehr unterschiedlich betroffen. Während nicht wenige Menschen kurzfristig ihre Verdienstmöglichkeiten verloren, darunter viele Selbstständige und Beschäftigte in Minijobs, profitierten andere durch gestiegene Erwerbseinkommen, beispielsweise durch Corona-Sonderzahlungen. In der Gesamtschau hielten sich daher in vielen Haushalten die individuellen Einkommensverluste in Grenzen. Zudem wird das individuelle Einkommen in vielen Fällen über die Einkommen von Haushaltsangehörigen gesichert. Dies gilt umso mehr, als Geringverdienende häufig nur die Zweitverdienenden im Haushalt sind.

Insgesamt fiel der Effekt der Pandemie auf die verfügbaren Einkommen der Gesamtbevölkerung somit deutlich geringer aus als auf die Bruttoerwerbseinkommen der Erwerbstätigen. Die Absenkung der Mehrwertsteuer in der zweiten Jahreshälfte, die größtenteils durch Preissenkungen an Konsumenten weitergegeben wurde, federte die Einkommensrückgänge weiter ab.

Einige der genannten Befunde sind bei näherer Betrachtung nicht sonderlich überraschend: Einerseits ist es in einer Wirtschaftskrise üblich, dass sowohl hohe als auch niedrige Erwerbseinkommen, aber auch Kapitaleinkommen zurückgehen – jedenfalls im Vergleich zur Entwicklung, die ohne die Wirtschaftskrise erfolgt wäre. Dabei gehen hohe Einkommen im Regelfall stärker zurück, weil sie stärker vom kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg abhängen. Der Rückgang der Unternehmensgewinne reduziert die Einkommen von gut verdienenden Selbstständigen oder Führungskräften stärker als die Einkommen von Beschäftigten. Auch in dieser Krise waren Selbstständige aus mittleren und höheren Einkommensgruppen stark von kurzfristigen Einkommensverlusten betroffen, wie auch die Ergebnisse des DIW Berlin für den Beginn des Jahres 2021 zeigen. Andererseits sichern die sozialen Sicherungssysteme niedrige Einkommen zumeist besser ab als höhere.

Allerdings unterscheidet sich die Corona-Krise fundamental von vergangenen Wirtschaftskrisen. Bisher gemachte Erfahrungen, zum Beispiel aus der Finanz- und Wirtschaftskrise, lassen sich nur bedingt übertragen. Anders als sonst bei globalen Wirtschaftskrisen war der Dienstleistungsbereich in vielen Bereichen quasi über Nacht stillgelegt. Dadurch mussten auch Personen aus Branchen, in denen niedrige Löhne weitverbreitet sind, zum Beispiel im Gastgewerbe oder im Einzelhandel, schmerzliche Einkommensrückgänge erleiden. Auch andere Geringverdiener, zum Beispiel Beschäftigte ausländischer Herkunft und Geringqualifizierte, waren stärker von Einkommensverlusten durch Arbeitslosigkeit betroffen.

Bei den Geschlechterunterschieden sind die Befunde weniger eindeutig. Sehr vorläufige Ergebnisse des IAB zur Entwicklung der Ungleichheit der Bruttoerwerbseinkommen der abhängig Beschäftigten zeigen, dass die Ungleichheit der Bruttoerwerbseinkommen zwischen Männern und Frauen in der Krise nicht gestiegen ist. Bei der Verteilung der Arbeitszeiten zeigen die vorliegenden Studien unterschiedliche Ergebnisse: So finden Veronika Knize und andere in einer aktuellen Studie keinen Hinweis darauf, dass die Arbeitszeitunterschiede zwischen den Geschlechtern im Jahr 2020 zugenommen hätten (die Daten basieren auf der IAB-Online-Befragung „Leben und Erwerbstätigkeit in Zeiten von Corona”). Ganz anders eine Studie von Titan Alon und anderen, die ebenfalls 2021 erschienen ist. Diese legt nahe, dass Frauen, anders als in früheren Wirtschaftskrisen, stärker von Arbeitszeitrückgängen betroffen sind als Männer.

Geringfügig Beschäftigte und Solo-Selbstständige überproportional betroffen

Auch geringfügig Beschäftigte und Solo-Selbstständige sind häufiger zu geringen Löhnen tätig. Zugleich waren sie stark von Einkommensverlusten betroffen. Auswertungen des DIW Berlin zeigen: Bei den Selbstständigen waren es vor allem die Frauen, die zwischen April und Juli 2020 Einkommensverluste hinnehmen mussten. Hier kommt die fehlende soziale Absicherung verschärfend hinzu. Generell sind Personen mit niedrigeren Einkommen selbst von kleineren Einkommensrückgängen relativ stark betroffen, da sie oft über keine Ersparnisse verfügen.

Der Befund einer starken Betroffenheit einzelner Gruppen bei den Erwerbseinkommen steht nicht im Widerspruch dazu, dass die Einkommensungleichheit insgesamt nicht gestiegen ist. Die starken Einkommensrückgänge bei bestimmten Gruppen wie den Solo-Selbstständigen und den Minijobbern vergrößerten die Gesamtungleichheit nicht nennenswert, unter anderem weil eine Einkommenabsicherung durch andere Haushaltsmitglieder besteht oder weil bei niedrigem Haushaltseinkommen Leistungen aus der Grundsicherung bezogen werden konnten. Eine Weiterentwicklung der Sicherungssysteme zur besseren Absicherung einzelner Gruppen erscheint dennoch sinnvoll.

Ist also angesichts dieser Befunde Entwarnung angesagt? Nein, denn andere Faktoren könnten die Ungleichheit längerfristig durchaus verschärfen. Infolge der Krise beschleunigt sich die digitale Transformation von Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Damit schmälern sich die Beschäftigungs- und Verdienstchancen von Geringqualifizierten. Besondere Risiken bestehen hier für Langzeitarbeitslose, deren Zahl in der Krise ohnehin gestiegen ist. Deren Beschäftigungschancen dürften sich trotz des zu erwartenden Arbeitsmarktaufschwungs deutlich verschlechtern.

In einer Wirtschaftskrise haben insbesondere junge Menschen schlechtere Karten, was den Einstieg in den Arbeitsmarkt und die Karrierechancen betrifft. Die starken Einbrüche in der betrieblichen Ausbildung erschweren aktuell den Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt. Die Erfahrung vergangener Krisen zeigt, dass sich all dies langfristig negativ auf die Arbeitsmarktchancen der Krisenjahrgänge auswirken kann, insbesondere für Geringqualifizierte und Menschen mit geringen Verdienstchancen.

Hinzu kommt: Auch Schulschließungen und Home-Schooling haben gerade Kinder aus sozial schwächeren Familien beim Bildungserwerb noch stärker ins Hintertreffen gebracht. Für die Politik besteht also dringender Handlungsbedarf. Andernfalls wird die Corona-Krise die Ungleichheit mittelfristig doch noch verschärfen. 

Literatur

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Bruckmeier, Kerstin; Fitzenberger, Bernd; Wiemers, Jürgen (2021): Corona führte zwar bisher nicht zu gestiegener Einkommensungleichheit – für eine Entwarnung ist es dennoch zu früh, In: IAB-Forum 7. Oktober 2021, https://www.iab-forum.de/corona-fuehrte-zwar-bisher-nicht-zu-gestiegener-einkommensungleichheit-fuer-eine-entwarnung-ist-es-dennoch-zu-frueh/, Abrufdatum: 25. Oktober 2021