Das Erlernen der deutschen Sprache gilt für Geflüchtete als essenziell, um in Deutschland Fuß zu fassen – doch der Weg dorthin ist oft steinig. Eine multi-methodische Studie des IAB untersucht nun, welche Faktoren den Spracherwerb begünstigen und welche ihn erschweren. Sarah Bernhard und Stefan Bernhard gehören zum Autorenteam des IAB-Kurzberichts (26/2021), der die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorstellt. Sie erläutern im Interview, welchen alltäglichen Herausforderungen sich die Geflüchteten beim Lernen der Sprache stellen müssen, und wie die Politik sie besser unterstützen könnte.

Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis Ihrer Studie?

Stefan Bernhard: Der Zweitspracherwerb ist ein langwieriger und ungemein voraussetzungsvoller Prozess. Da kann an vielen Stellen etwas dazwischenkommen und das Deutschlernen behindern, verzögern oder sogar ganz unmöglich machen. Viele Störfaktoren hat zum Beispiel eine Muttersprachlerin, die in Deutschland aufgewachsen ist, gar nicht auf dem Schirm.

Sarah Bernhard

Sarah Bernhard ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich „Arbeitsförderung und Erwerbstätigkeit”.

Sarah Bernhard: Genau. Denken Sie nur an die Geflüchteten, die in der Anfangszeit in Wohnheimzimmern leben, in denen es mitunter recht lebhaft zugeht, wo es aber keinen Schreibtisch oder einen ruhigen Ort zum Lernen gibt. Auch der Wunsch, eigenes Geld zu verdienen, kann dem erfolgreichen Spracherwerb im Wege stehen. Dann schuftet man in einer einfachen Tätigkeit und hat für Grammatikübungen und Vokabelpauken keine Zeit mehr. Dabei sind die Geflüchteten, mit denen wir gesprochen haben, hochmotiviert und wollen unbedingt Deutsch lernen. Aber bis zur Sprachbeherrschung ist es eben ein langer Weg, auf dem es vor Hindernissen nur so wimmelt.

Deutschkenntnisse ermöglichen Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeitserfahrungen.

Warum ist ein rascher Zweitspracherwerb für Geflüchtete, die nach Deutschland kommen, so wichtig?

Stefan Bernhard: In einem Wort gesagt: Teilhabe. Deutschkenntnisse erleichtern die gesellschaftliche Teilhabe in allen Bereichen des täglichen Lebens – vom Einkauf über die Jobsuche bis zum Fußballspiel.

Stefan Bernhard

Stefan Bernhard ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Grundsicherung und Aktivierung“ und leitet die Arbeitsgruppe „Qualitative Methoden“ am IAB.

Wie wichtig das Deutsche auch in unserer diverser werdenden Gesellschaft ist, zeigt sich besonders deutlich bei Menschen, die nicht genug Deutsch sprechen, um sich in alltäglichen Situationen zu verständigen. Stellen Sie sich vor, Sie brauchen jemanden, der oder die für Sie beim Arzt anruft, Sie zur Stadtverwaltung begleitet oder für Sie den WhatsApp-Chat mit ehrenamtlichen Unterstützerinnen führt. Anders formuliert: Zweitsprachkenntnisse ermöglichen Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeitserfahrungen in Deutschland und ohne diese ist eine gelingende Gestaltung der eigenen Zukunft hier kaum denkbar.

Wenn die Kinder von Geflüchteten Kita oder Schulhort besuchen, sind die Deutschkenntnisse der Mütter besser.

Welche Faktoren begünstigen das Erlernen der deutschen Sprache?

Sarah Bernhard: Grundsätzlich hilft es, wenn Sprachlernende hohe Anreize für den Spracherwerb haben, wenn sie der neuen Sprache verstärkt ausgesetzt sind und wenn sie gute Lernstrategien entwickeln. Die Wirkungsweise dieser Mechanismen sind durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt, und sie lassen sich auch in unserer Untersuchung nachweisen. Statistisch schlägt sich das zum Beispiel in einem positiven Zusammenhang zwischen langjähriger Schulbildung im Herkunftsland und Deutschkenntnissen nieder, oder darin, dass die Deutschkenntnisse bei Geflüchteten besser sind, wenn diese schon länger in Deutschland leben.

Neben solchen plausiblen und gut belegten Einflussfaktoren sind wir aber auch auf Überraschendes gestoßen: Wenn die Kinder von Geflüchteten in die Ganztagsschule gehen oder Betreuungseinrichtungen wie Kita oder Schulhort besuchen, sind die Deutschkenntnisse der Mütter besser. Umgekehrt sprechen Mütter, deren kleine Kinder nicht in den Kindergarten oder in die in Ganztagsschule gehen, schlechter Deutsch. Wir vermuten, dass diese institutionelle Kinderbetreuung Lernmöglichkeiten für die Mütter schafft, etwa, weil sie in der Bring- oder Abholsituation mit anderen Müttern oder den Betreuerinnen Kontakt haben, oder weil die Kinder in der Betreuung Deutsch lernen und ihr Wissen an ihre Mütter weitergeben. Übrigens: Bei den Vätern finden wir keinerlei Zusammenhang zwischen der Betreuungssituation der Kinder und den Deutschkenntnissen. Das deuten wir als Hinweis auf eine traditionelle Rollenverteilung bei der Kinderbetreuung.

Wo sehen Sie die größten Hindernisse beim Sprachenlernen?

Sarah Bernhard: Die sehen wir zum einen in der Fluchterfahrung selbst – mit all ihren Begleiterscheinungen und Nachwirkungen, wie zum Beispiel Konzentrationsprobleme beim Lernen oder psychische Belastungen. Das sind Hindernisse, die bei den Geflüchteten angesiedelt sind. Daneben gibt es strukturelle Hindernisse. Und hier wird es interessant, denn strukturelle Hindernisse lassen sich politisch bearbeiten und im Idealfall sogar beseitigen. Lange Asylverfahrensdauern, unsichere Bleibeperspektiven, segregierte Unterbringung in Wohnheimen, lange Wartezeiten auf einen Sprachkurs oder auch Sprachkurse, die zu wenig auf die Bedürfnisse der Geflüchteten zugeschnitten sind – all das sind Faktoren, die unmittelbar mit dem Geflüchteten-Status verbunden sein können und das Deutschlernen erschweren.

Stefan Bernhard: Besonders problematisch wird es, wenn individuelle und strukturelle Hindernisse zusammenkommen. Da haben Sie dann einen von Flucht und Entwurzelung belasteten älteren Familienvater, der im Herkunftsland nur die Grundschule besuchen konnte. Der ist nun mit seiner Familie in einem Wohnheim zu siebt in einem Zimmer untergebracht. Und das Ganze liegt so weit ab vom Schuss, dass sich nicht einmal ehrenamtliche Helferinnen dorthin verirren. Dieser Mann sitzt dann in einem Sprachkurs neben angehenden Ärzten und Akademikerinnen und soll sich in wenigen Monaten die Grundzüge einer völlig fremden Sprache aneignen. Wie soll das funktionieren? Das Beispiel sollte uns als Aufnahmegesellschaft zu denken geben. Wir brauchen ein Umdenken: Anstatt wie selbstverständlich zu erwarten, dass alle Geflüchteten in kürzester Zeit fließend Deutsch lernen, sollten wir allen gratulieren, die das geschafft haben! Anerkennung heißt das Schlüsselwort.

Was kann die Politik tun, um die Geflüchteten beim Spracherwerb stärker zu unterstützen?

Stefan Bernhard: Da gibt es viele Ansatzpunkte – und es gibt viel zu tun. Aber die gute Nachricht ist: Die Geflüchteten wollen Deutschlernen, sie sind in aller Regel interessiert und motiviert. Dennoch sehen wir, dass Sprachlernfortschritte auf sich warten lassen, und dass das Lernen mitunter auch ganz abgebrochen wird. Da müssen wir ansetzen und fragen: Woran liegt das? Wenn es an den strukturellen Rahmenbedingungen liegt, sind wir in der Pflicht. Hilfreich sind alle Maßnahmen, die Begegnungen von Geflüchteten und Deutschsprachigen und damit Sprachpraxis ermöglichen. Dazu gehört zum Beispiel, eine Unterbringung in abgelegenen, großen Wohnheimen zu vermeiden und Patenschaften mit deutschsprachigen Personen zu fördern.

Ein anderer Ansatzpunkt sind die Sprachkurse. Die Wartezeiten zwischen aufeinanderfolgenden Kursen sollten miniert werden und kostenlose Möglichkeiten zur Wiederholung von Sprachkursen und Prüfungen die Regel sein. Das ist gerade für diejenigen wichtig, die das Sprachlernen nach einer Unterbrechung wiederaufnehmen wollen. Und nicht zuletzt gilt es, genügend Kurse für Menschen mit besonderen Lernbedarfen anzubieten.

Daten

Die Studie basiert auf Daten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung aus dem Jahr 2016 von rund 4.500 Geflüchteten, die davor Asyl in Deutschland beantragten, sowie auf biografischen Interviews mit 59 Geflüchteten, die um das Jahr 2015 nach Deutschland kamen und ein- oder zweimal an den Befragungen der IAB-Studie „Netzwerke der Integration“ zwischen 2017 und 2020 teilnahmen.

Literatur

Bernhard, Sarah; Bernhard Stefan; Helbig, Laura (2021). Erfahrungen von Geflüchteten beim Deutschlernen. Langer Weg mit Stolpersteinen, IAB-Kurzbericht Nr. 26.

 

Keitel, Christiane (2021): „Deutschkenntnisse erleichtern die gesellschaftliche Teilhabe im Alltag“ – Sarah und Stefan Bernhard über den Spracherwerb von Geflüchteten, In: IAB-Forum 8. Dezember 2021, https://www.iab-forum.de/deutschkenntnisse-erleichtern-die-gesellschaftliche-teilhabe-im-alltag-sarah-und-stefan-bernhard-ueber-den-spracherwerb-von-gefluechteten/, Abrufdatum: 20. Januar 2022