Die Politik setzt in Zeiten von Corona stärker denn je auf wissenschaftliche Evidenz. Zugleich bietet die Krise die Chance auf ein solidarischeres und nachhaltigeres Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell – wenn wir die richtigen Lehren ziehen. Mit diesem Zwischenruf von IAB-Vizedirektor Ulrich Walwei startet das IAB seine neue Rubrik „IAB-Debattenbeiträge“.

Ein Ende der Corona-Krise ist noch nicht absehbar. Niemand kann heute sagen, wie die Übergangsphase mit schrittweisen Lockerungen letztlich aussehen wird und wie schwer am Ende die mittel- und längerfristigen Folgen der Pandemie für Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitsmarkt ausfallen werden. Irgendwann aber wird die Corona-Krise wieder Geschichte sein. Es steht zu hoffen, dass wir das Virus spätestens im kommenden Jahr durch Impfstoffe und Medikamente in den Griff bekommen können. Das soziale und wirtschaftliche Leben wird dann wieder in vollem Gange sein. Natürlich lässt sich derzeit noch keine Bilanz ziehen, dennoch zeichnen sich bereits erste Lehren ab.

Die Wissenschaft hat an Ansehen gewonnen. Es hat sich gezeigt, dass Politik und Praxis auch und gerade in Krisenzeiten gut beraten sind, auf Evidenz zu setzen. Virologie und Epidemiologie haben in den vergangenen Wochen Beratungsleistungen von existenzieller Bedeutung erbracht. Die Erkenntnisse beider Disziplinen haben – unterstützt durch die Politik – Menschenleben gerettet und die Krankenhäuser zumindest hierzulande bisher vor einem Kollaps bewahrt, der die behandelnden Ärzte zu schwer erträglichen ethischen Entscheidungen gezwungen hätte.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind für die weitere Bewältigung der Krise unabdingbar. Auch andere wissenschaftliche Disziplinen wie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften oder die Informatik sind derzeit gefragt wie nie. Natürlich darf und will die Wissenschaft nicht mitregieren. Sie kann aber die Folgen politischen Handelns transparent machen. Die Chancen auf eine evidenzbasierte Politik sind eindeutig gewachsen. Populistisch geprägte Politik hingegen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in den Wind schlägt, erweist sich in diesen Zeiten – horrible dictu – nicht selten als tödlich.

Es ist klargeworden, wie wichtig die systemrelevante Infrastruktur im Ernstfall ist. Das Gesundheits- und Pflegesystem, die Einrichtungen der öffentlichen Sicherheit und sozialen Sicherung sowie Handel und Logistik leisten gerade Gewaltiges. All diesen Bereichen wird jetzt zu Recht hohe Wertschätzung zuteil. Dabei geht es auch um eine ausreichende und qualitativ angemessene Ausstattung und eine anständige Bezahlung der dort Beschäftigten. Die Gesellschaft wird sich mehr denn je fragen müssen, ob sie nicht bereit ist, dafür auch längerfristig höhere Steuern und Beiträge in Kauf zu nehmen.

Bei Berufen im privaten Sektor indes entscheidet hauptsächlich der Markt über die Höhe der Bezahlung: Wenn Kunden bevorzugt billig einkaufen wollen und der Einzelhandel sich dementsprechend einen harten Preiskampf liefert, engt das den Spielraum für die Bezahlung des Verkaufspersonals ein. Hier wird jede und jeder das eigene Kaufverhalten hinterfragen müssen. Und niemand ist daran gehindert, nicht nur dem Kellner, sondern auch der Putzfrau, der Friseurin oder dem Paketboten ein Trinkgeld zuzustecken.

Wir haben in dieser Krise gelernt, wie sehr es auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft ankommt. Nur durch massive Verhaltensänderungen und große Solidarität können wir eine schnelle Ausbreitung des Corona-Virus verhindern und die nun folgende Zeit des kontrollierten Hochfahrens der Wirtschaft klug gestalten. Zusammenhalt und Solidarität bleiben aber auch nach der Krise wichtig, denn vor der Krise wirkte die Gesellschaft so gespalten wie schon lange nicht mehr. Hinzu kommt: In und nach der Krise stellen sich manche Verteilungsfragen schärfer denn je.

Es ist zu hoffen, dass wir am Ende feststellen können: Wir haben die Krise bewältigt, bereitwillig einen hohen wirtschaftlichen Preis für das Leben vieler Menschen gezahlt und wollen diesen gemeinsamen Weg weitergehen. So könnten wir künftig auch in der Sozialpolitik, der Gesellschaftspolitik und der Klimapolitik große Fortschritte erreichen.

Auch die Globalisierung erscheint in einem neuen Licht. Gerade weil das Corona-Virus nicht an Grenzen haltmacht, darf Solidarität mit anderen Ländern nicht an Grenzen scheitern. Wir erleben mit dem globalen Shutdown einen in Friedenszeiten nie dagewesenen weltweiten Stillstand des öffentlichen Lebens und ein starkes Herunterfahren wirtschaftlicher Aktivitäten. Ökonomisch schwächere Länder werden den Wiederaufbau kaum aus eigener Kraft schaffen. Dies ist eine große Chance für die Weltgemeinschaft, um enger zusammenzurücken.

Gleichzeitig zeigen sich aber auch Grenzen der Globalisierung. Es ist zu erwarten, dass viele Länder auf eine stärkere Unterstützung regionaler Betriebe setzen. So benötigt jedes Land in überlebenswichtigen Bereichen eine gewisse Autarkie, um im Notfall nicht alleine auf globale Lieferketten angewiesen zu sein. Überdeutlich wird dies beispielsweise bei der momentan zu beobachtenden Knappheit der Schutzausrüstung im Gesundheitsbereich oder auch bei der Versorgung mit Medikamenten.

Schließlich beschleunigt Corona die Digitalisierung in einer bis dato undenkbaren Geschwindigkeit. Wir alle lernen gerade in einem atemberaubenden Tempo, was auf digitalem Wege alles möglich ist. So entwickeln sich in der Krise viele neue Geschäftsmodelle, aber auch traditionelle Bereiche setzen in ihrer Produktion und Dienstleistungserbringung zunehmend auf digitale Technologien.

Die Arbeitswelt ist mittendrin in dieser Entwicklung. Noch nie arbeiteten so viele Menschen im Homeoffice wie jetzt. Video- und Telefonkonferenzen werden zu einem selbstverständlichen Teil der Kommunikation. Nach der Krise werden wir Mobilität neu bewerten und wirtschaftlicher gestalten. Das Leben könnte sich dadurch ein Stück weit entschleunigen. Auch unser Klima und unsere Umwelt dürften davon profitieren.

Natürlich gilt bei der Corona-Krise wie bei allen anderen Krisen: Nachher ist man immer sehr viel schlauer. Und wir werden in diesen Zeiten noch viel mehr lernen. Es zeichnet sich aber schon heute ab, worauf es nach der Krise ankommen wird. Auch wenn wir wirtschaftlich noch eine ganze Zeit an den Folgen der Krise zu knabbern haben dürften, muss man – wenn man die richtigen Lehren zieht – keine Angst vor der Welt nach Corona haben.

Walwei, Ulrich (2020): Die Welt nach der Corona-Krise – solidarischer, digitaler, nachhaltiger?, In: IAB-Forum 28. April 2020, https://www.iab-forum.de/die-welt-nach-der-corona-krise-solidarischer-digitaler-nachhaltiger/, Abrufdatum: 20. Oktober 2020