Eigentlich sollte dies ein Porträt über eine erfolgreiche Wissenschaftlerin werden, die am IAB zu Migrationsfragen forscht und selbst einen Migrationshintergrund hat. Doch die Weltereignisse haben den Text überholt. Denn Yuliya Kosyakovas Heimatland Ukraine ist seit dem 24. Februar Opfer eines Angriffskriegs – und dies stellt ihr Leben und ihre Arbeit auf den Kopf.

Mitte März. Beim Skype-Termin hat Yuliya Kosyakova Augenringe. Ihr Kalender ist eng getaktet, in dreißig Minuten muss sie weiter zu einem Termin mit dem Forschungsbereich Regionale Arbeitsmärkte des IAB, mit dem sie sich über die Wohnsitzverteilung der ukrainischen Geflüchteten austauscht. Trotzdem nimmt sie sich die Zeit für ein Interview. In den letzten Tagen, so sagt sie, hätte sie kaum geschlafen – was nicht nur an ihrer Schwangerschaft liegt. Noch wenige Wochen hat sie bis zum Mutterschutz, viele Projekte sind noch abzuschließen, und dann brach der Krieg mit Wucht in ihren Alltag ein.

Direkt, wie sie ist, kommt sie sofort darauf zu sprechen.

„Niemand aus meiner Familie in der Ukraine hat den Krieg erwartet“, sagt sie. „Ich auch nicht. Du rechnest einfach nicht mit dem Schlimmsten.“

Als das Zentrum von Charkiv bombardiert wurde, saß ihre Schwester Nataliia mit dem fünfzehnjährigen Sohn Max in ihrer Wohnung in der Innenstadt und hörte rundum die Einschläge. Die U-Bahnstationen, in denen viele Menschen Schutz suchten, waren bereits überfüllt, die Keller nicht tief genug, um Schutz zu bieten. So weit weg von Deutschland – und so nah. Yuliya Kosyakova stand fast stündlich mit ihrer Schwester per Messenger in Verbindung. „Für mich war sofort klar, dass sie fliehen musste“, berichtet sie. „Aber sie wollte zuerst nicht.“

Mitte Februar. Ein sonniger Freitagnachmittag im IAB. Der Krieg wird in ein paar Tagen ausbrechen, doch jetzt rechnet noch niemand mit ihm. Die Wissenschaftlerin wartet auf mich in der offenen Bürolandschaft des Forschungsbereichs „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“. Viel Glas, viel Grün und leere Sitznischen. Auf hundertfünfzig Quadratmetern sind zwei Kollegen anwesend, die anderen sind wegen Corona im Homeoffice.

Wir sind beide frisch getestet. Yuliya Kosyakovas Augen strahlen über der Maske, sie bietet mir einen Espresso an. Sie führt mich ins Büro des Bereichsleiters, der sein Zimmer stets seinem Team überlässt, wenn er zuhause arbeitet. Auf insgesamt drei Bildschirmen leuchten Grafiken und Tabellen. Sie stecke schon mitten im Endspurt, lässt Yuliya Kosyakova wissen und streicht sich über den wölbenden Bauch, der noch etwas kleiner ist als später im März. Noch sieben Wochen bis zum Mutterschutz, und fünf Gutachten müssen noch abgehakt, zehn Projekte abgeschlossen oder zumindest vorangetrieben werden. Sie will das durchziehen, wie immer. Sie bezeichnet sich selbst als Arbeitstier.

„Die Forschung ist meine Passion.“ Sie spricht es englisch aus, so wie sie immer wieder englische Begriffe in ihr Deutsch mit leichtem russischen Akzent mischt. „Ich gebe alles dafür. Ohne die Wissenschaft kann ich mir mein Leben nämlich nicht vorstellen.“

Sie studierte Volkswirtschaftslehre in Bamberg, mit Auslandssemester in der Schweiz, und schrieb ihre Abschlussarbeit in Survey Methodology, also zur Methodik von Befragungen. Danach wechselte sie in die Soziologie und promovierte dort zum Thema Bildungsungleichheit. Vier Jahre forschte sie dazu am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Im vierten Jahr brachte sie auch ihren Sohn zur Welt. Sie nahm zwanzig Wochen Mutterschutz, dann suchte sie eine Tagesmutter und arbeitete weiter, schloss die Promotion beinahe fristgerecht ab. Wenige Wochen nach Abgabe der Promotion bewarb sie sich am IAB – und wurde prompt genommen. In einem Forschungsbereich voller Ökonominnen und Ökonomen, mit einem Thema, in das sie sich erst mal einarbeiten musste: Die Migrationsforschung.

Wie sie das damals alles geschafft hat, als alleinerziehende Mutter? „Keine Ahnung.“ Sie lacht. „Im Rückblick verschwimmt das alles. Vielleicht, weil ich da auch zu wenig Schlaf hatte, wie jetzt. Ich habe jede Minute genutzt. Ich wollte unbedingt ans IAB. Das war eine riesige Chance für mich.“

„Migration ist für mich auch ein persönliches Thema.“

Migration und Integration, schwärmt sie, sei das spannendste Forschungsfeld, das sie sich aktuell vorstellen könnte. So viele Fragestellungen, denen eine Wissenschaftlerin nachgehen kann. „Wer sind die Menschen, die zu uns kommen, aus welchen Gründen kommen sie und wie können wir sie integrieren?“, zählt sie auf. „Welche Auswirkungen hat Migration auf den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft? Die Mobilität der Menschen verändert dabei nicht nur die Zielländer, sondern auch die Herkunftsländer. Migration ist ein globales Phänomen. Und ich glaube, ich kann mit meiner Forschung einen Beitrag leisten, um wenigstens ein paar dieser Fragen mit zu beantworten.“

Warum ist ihr das so wichtig? „Weil Migration für mich auch ein persönliches Thema ist.“

Yuliya Kosyakova kam mit ihrer Mutter vor zwanzig Jahren nach Deutschland, gemeinsam als jüdische Kontingentflüchtlinge. Die Entscheidung war aus der Not geboren, und der größte Einschnitt ihres Lebens. „Das hat sich damals angefühlt, als sei mein ganzes Leben wieder auf Null gesetzt.“

So wie jetzt das Leben ihrer Schwester. Yuliya Kosyakova erzählt im Skype-Gespräch im März weiter von ihr.

Über drei Tage dauerte die Flucht von Nataliia und ihrem Sohn Max von Charkiv nach Deutschland. Zuerst zu Fuß zum Bahnhof, an zerstörten Plätzen und Häusern vorbei. Dann mit dem Zug nach Lwiw. Eine Fahrt von sonst weniger als zehn Stunden, die zwei Tage dauerte, weil die Züge immer wieder umgeleitet wurden – um Truppenbewegungen auszuweichen. Auf dieser Fahrt hatten Nataliia und Max noch ihren Kater dabei, doch der verkraftete die Fahrt schlecht. Er wurde apathisch, verlor sogar Fell. Als sie in Lwiw für eine Nacht ins Auffanglager kamen, mussten sie ihn im Tierheim abgeben.

„Das klingt wie eine Kleinigkeit, wenn doch Krieg herrscht“, sagt Yuliya Kosyakova bedrückt. „Aber das sind die Verluste, die die Menschen erleben.“

Von Deutschland aus organisierte sie den weiteren Transfer. Netzwerke polnischer Freunde halfen, ein Freund aus Nürnberg fuhr mit einem Kleinbus zur Grenze und nahm Nataliia, Max und eine weitere Familie in Empfang. Am 2. März trafen sie in Nürnberg ein. Zwei Flüchtlinge, die jetzt bei Yuliya, ihrem Partner und ihrem mittlerweile sechsjährigen Sohn im Haushalt leben.

Als Yuliya Kosyakova vor zwanzig Jahren in Deutschland ankam, hieß ihre erste Station Flüchtlingsheim. Es war eng, und es war anonym. An dem sonnigen Februarnachmittag im IAB erzählt sie davon. Ihr Tonfall ist sachlich, doch manchmal kommen Gefühle durch. So erinnert sie sich noch eindrücklich an ein Schild an der Zimmertür. Es forderte die Flüchtlinge auf Russisch auf, sie sollten sich jedes Mal waschen, bevor sie den Arzt aufsuchten. „Das zu lesen, fühlte sich damals so an, als hielten sie meine Mutter und mich kaum für Menschen.“

„Es war ein Hürdenlauf.“

Die größte Hürde für sie war es, sich nicht verständlich machen zu können. Sie wusste, sie musste Deutsch lernen, so schnell wie möglich. Sie wollte einen Sprachkurs absolvieren, der mit dem Zertifikat C1 abschloss. Das brauchte sie, um studieren zu können. Doch das wurde abgelehnt, stattdessen wurde ihr ein Verpackungsjob angeboten. Als sie Widerspruch einlegte, wurden ihre Sozialleistungen gestrichen. Erst mithilfe eines Anwalts erreichte sie, dass Sprachkurs und Hochschulvorbereitung bewilligt wurden.

„Es war wirklich wie ein Hürdenlauf“, erinnert sie sich. „Am schlimmsten waren die Wartezeiten zwischen den Kursen, die dauerten manchmal ein halbes Jahr. Da wollte ich am liebsten wieder zurück in die Ukraine. Doch ich wusste, dass ich dort keine solchen Chancen hatte, deshalb hielt ich durch. Außerdem gab es eine große russischsprachige Community in der Stadt, die hat meine Mutter und mich aufgefangen. Das hat es mir allerdings nicht leichter gemacht, mich in Deutschland zu integrieren, im Gegenteil. Denn dazu gehören immer beide Seiten – und auch ich habe immer wieder einen Schritt zurück gemacht, wenn ich frustriert war, weil nicht alles so klappte, wie ich wollte. “

Zwei Jahre nach ihrer Ankunft konnte sie sich endlich für den Bachelor in Volkswirtschaftslehre an der Universität Bamberg einschreiben, da war sie zweiundzwanzig. „Es hat gedauert, doch wir haben uns angefreundet, Deutschland und ich“, verrät sie und schmunzelt. „Hier ist jetzt meine Heimat, und ich bin im Nachhinein sehr dankbar, was hier alles möglich war. Die kostenlose Bildung und die finanzielle Unterstützung. Ich bin an den Hürden nicht gescheitert, sondern gewachsen, das war mein Glück.“

Und davon will sie etwas weitergeben. „Immer wieder betone ich in der Politikberatung, wie wichtig die Sprachkenntnisse sind“, sagt sie. „Und dass man nicht erwarten kann, dass Menschen, die vielleicht eine lange, traumatische Flucht hinter sich haben, sofort in den Arbeitsmarkt einsteigen. Man muss sie erst ankommen lassen, ihnen die Zeit geben, die Sprache zu lernen und dadurch auch in bessere Jobs einzusteigen. Die Politik hat da auch gelernt. Im Schnitt sind fünfzig Prozent der Geflüchteten nach fünf Jahren im Arbeitsmarkt angekommen – das nennen wir einen echten Integrationserfolg.“

Auch bei ihrer Schwester Nataliia heißt es jetzt: Ankommen in Deutschland. Der erste Schritt ist die Registrierung. Einen Termin im Einwohnermeldeamt zu ergattern, ist allerdings alles andere als einfach. „Online war es unmöglich, ein völliges Chaos“, berichtet Yuliya Kosyakova. „Um sieben Uhr früh hat sich meine Schwester am Amt angestellt, da war die Schlange auf dem Gehsteig schon hundert Meter lang. Nach langem Warten hat sie immerhin einen Termin ergattert. Ich begleite sie heute Nachmittag dorthin. Einen Termin auf dem Sozialamt haben wir auch. Und dann ist der nächste Schritt, für Max eine Schule zu finden. Außerdem zwinge ich die beiden jetzt schon, Deutsch zu lernen, jeden Tag ein bisschen. Vielleicht bin ich zu streng, aber ich weiß, wie wichtig das ist. Außerdem ist es eine gute Ablenkung.“ Sie seufzt. „Jetzt sind sie vor allem erleichtert, dass sie hier sind. Aber sie mussten so viel zurücklassen. Und sie werden erst in ein paar Wochen wirklich erkennen, wie viel.“

Zurück im Februar, im IAB. Wir schwenken im Gespräch von den familiären Flüchtlingserlebnissen zu ihrer Forschungsarbeit.

„Wissenschaft basiert ja nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern auf intersubjektiv überprüfbaren Daten und Fakten“, sagt sie. „Als Forscherin greife ich nicht auf meine Erlebnisse zurück, sondern will objektiv sein.“ Sie hat ihre Expertise in vielen referierten Veröffentlichungen unter Beweis gestellt, leitet eine Arbeitsgruppe am IAB und gibt als Dozentin mehrere Kurse an der Universität Bamberg.

„Wir müssen geflüchtete Frauen noch gezielter fördern.“

Eine Gruppe, die aktuell besonders im Fokus ihrer Forschung steht, sind geflüchtete Frauen. „Bei der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten zeigen sich große Geschlechterunterschiede“, konstatiert sie. „Von den geflüchteten Männern sind nach fünf Jahren ungefähr 60 Prozent erwerbstätig; bei den geflüchteten Frauen sind es nur 28 Prozent.“ Ein Grund sei, dass Frauen deutlich häufiger Kinder zuhause betreuen. Darüber hinaus haben Frauen in ihren Herkunftsländern häufiger in Bereichen wie dem Bildungs- und Gesundheitssektor gearbeitet. Diese Kenntnisse sind oft schwierig auf den deutschen Arbeitsmarkt zu übertragen. „Wir müssen diese Frauen deshalb noch gezielter fördern“, betont Yuliya Kosyakova. „Ihnen Beratungsangebote machen, bei der Suche nach Kinderbetreuung helfen, den Zugang zu Sprach- und Integrationskursen erleichtern und ihnen Weiterbildungen anbieten.“

Die Bundesagentur für Arbeit habe das bereits erkannt und entsprechende Programme ins Leben gerufen. Der Stein kam ins Rollen – und dann kam die Corona-Pandemie und der Lockdown dazwischen. „Das war tragisch, denn das hat die geflüchteten Frauen wieder zurückgeworfen“, bedauert die Forscherin. „Dabei wollen ganz viele von ihnen arbeiten, das zeigen unsere Befragungsdaten.“

Damit meint sie die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Seit 2016 wird sie jährlich gemeinsam vom IAB, dem Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) durchgeführt. Sie enthält Informationen von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern über ihre Haushalte, ihre Bildung, ihre Migrationsmotive und -wege, ihre Lebensumstände früher und heute und ihre Werte und Einstellungen.

„Ein weltweit einzigartiger Datenschatz“, schwärmt die Migrationsforscherin. Zusammen mit Herbert Brücker koordiniert sie das Großprojekt vonseiten des IAB. „Und das Projekt verlangt uns einiges ab. So war der Zugang zu den Befragten in der Pandemie nur telefonisch möglich. Und um die sprachlichen Hindernisse zu überwinden, setzen wir technische Hilfsmittel ein, teilweise werden auch Übersetzer engagiert. Doch das lohnt sich. Vorher wussten wir fast nichts über die Geflüchteten, die aus vielen Staaten zu uns kommen, jetzt helfen uns die Daten, sie zu verstehen.“

Die ukrainischen Kriegsflüchtlinge, die in diesen Märztagen in Deutschland und Nürnberg ankommen, stellen die Migrationsforschung jedoch vor neue Herausforderungen. Das IAB hat bereits erste Einschätzungen veröffentlicht – und Yuliya Kosyakova ist eine der Autorinnen.

„Zwischendurch fällt es mir schwer, die Forscherin und die Betroffene zu trennen“, gibt sie im Skype-Interview zu. „Doch es ist wichtig für mich, dabei zu sein. Hier kann ich einen Beitrag leisten für meine Landsleute. Denn die Wissenschaft ist jetzt gefragt, die Politik zu beraten. Anders als bei der Flüchtlingskrise 2015 ist diesmal ein hoher Anteil von Frauen und Kindern unter den Geflüchteten. Diese Gruppe braucht eigene Maßnahmen und Instrumente. Unsere Forschungsergebnisse zu geflüchteten Frauen helfen dabei, die richtigen Maßnahmen zu finden.“

Wichtig sei jetzt jedoch erstmal, dass die Politik schnell Rechts- und Planungssicherheit herstelle. Etwa durch längere Aufenthaltserlaubnisse und Perspektiven für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland. „Wenn deine Aufenthaltsgenehmigung nur auf ein Jahr befristet ist“, erklärt sie, „dann hast du wenig Anreiz, einen Sprachkurs zu besuchen, der ein halbes Jahr dauert, und danach einen Job zu suchen.“

2015 wurde außerdem der Fehler gemacht, dass die Geflüchteten nicht unter Arbeitsmarkt- oder Integrationsgesichtspunkten in Deutschland verteilt wurden. „Das Ergebnis war, dass sie überdurchschnittlich oft in Gegenden mit ungünstigen Startbedingungen untergebracht wurden“, kritisiert Kosyakova. „In Landkreisen mit hohen Arbeitslosenquoten und geringer Infrastruktur – was ihre Integration in den Arbeitsmarkt natürlich beeinträchtigt hat. Das müssen wir diesmal besser machen.“

„Ich sehe ein riesiges Potenzial, das die geflüchteten Frauen einsetzen könnten.“

Zudem müsste jetzt rasch eine große Zahl Kinder integriert werden in Schulen, Horten und Kitas – auch, um ihren Müttern zu ermöglichen, Deutsch zu lernen, Integrationskurse und Weiterbildungen zu besuchen. Eine weitere Herausforderung sieht Yuliya Kosyakova bei der Verzahnung von Sozialämtern und Arbeitsagenturen. „Die Geflüchteten werden zunächst bei den Sozialämtern registriert, um Asylbewerberleistungen zu erhalten. Doch der größere Teil der Integration findet über die Arbeitsagenturen statt. Den Frauen muss geraten werden, sich dort ebenfalls so rasch wie möglich zu registrieren. Zwar haben wir dazu noch keine Daten, doch die Erfahrung mit anderen Geflüchteten und die Qualifikation der bereits hier lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer lassen uns erwarten, dass viele der Frauen, die hier ankommen, über ein hohes Qualifikationsniveau verfügen. Überdies ist das ukrainische Bildungssystem gar nicht so weit weg von dem in Deutschland. Ich sehe ein riesiges Potenzial, das diese Frauen einsetzen könnten.“

Auch ihre Schwester Nataliia hat ihr Leben lang gearbeitet und möchte, falls sie länger in Deutschland bleibt, hier so rasch wie möglich einen Job finden.

Und während sie ihre Schwester dabei unterstützt, anzukommen, hat sie selbst nur noch wenige Wochen, ihre Forschungsprojekte abzuschließen, bis sie sich vom IAB erstmal verabschiedet – in den Mutterschutz. „Ausgerechnet jetzt, wo es so viel Wichtiges zu tun gibt, das gibt einen echten trade off in meinem Kopf“, sagt sie und lacht. „Aber das Baby wird nicht einfach warten, bis ich mit allen Projekten fertig bin.“

„Wenn eines in meinem Leben wichtig war, dann, an Dingen dranzubleiben.“

Freizeit ist Mangelware, das sagte sie schon, als wir uns im Februar im IAB trafen. „Vielleicht nehme ich sie mir auch zu selten.“ Das, was sie in ihrer Freizeit besonders genoss – Städtetrips unternehmen, essen gehen oder sich mit Freunden treffen –, war wegen der Pandemie weniger möglich als früher. Die Arbeit hingegen nahm zu.

„Außerdem bin ich ehrgeizig, natürlich bin ich das.“ Sie zwinkert. „Wenn eines in meinem Leben wichtig war, dann, dass du an Dingen dranbleiben musst. Zum Beispiel solange nachhaken, bis du das hast, was du willst, oder zumindest eine Auskunft, was möglich ist.“

Doch sie ist keine Einzelkämpferin, denn am IAB schätzt sie am meisten die Zusammenarbeit – die flachen Hierarchien, die Teams und Kooperationsprojekte. „Gemeinsam holen wir doch das Beste aus uns allen heraus. Außerdem braucht jeder von uns ab und zu Bestärkung und Unterstützung“, fügt sie hinzu. „Mir ist es immer wichtig, ehrlich zu sein – auch, was meine eigenen Grenzen betrifft. Vor allem in den letzten zwei Jahren, während der Pandemie, als wir nur noch auf Bildschirme starrten und unsere Kinder zuhause betreuten. Da wurde es auch mir manchmal zu viel. Wir haben uns gegenseitig aufgefangen.“

Neben der Arbeit in den gleichberechtigten Teams macht es ihr Spaß, ihr Wissen weiterzugeben. Sie betreut aktuell vier Promotionen von Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern.

„Kontakte knüpfen gehört für mich zum Job.“

„Das Fachliche ist das eine“, sagt sie. „Aber genauso wichtig ist es, die Regeln der Scientific Community zu vermitteln. Welche Konferenzen sind wichtig, in welchen Zeitschriften sollte man versuchen zu publizieren. Und vor allem: Wie knüpft man Netzwerke?“ Auch sie hat das anfangs Überwindung gekostet. „Die meisten glauben nicht, wie aufgeregt ich immer noch bin, wenn ich auf Konferenzen Leute anspreche, vor deren Arbeit ich großen Respekt habe. Aber ich tu es trotzdem. Ich sage immer: Sitzt nicht nur bei Euren Kollegen und Freunden am Tisch, sondern geht los und knüpft Kontakte, das ist euer Job!“

Auf Twitter vernetzt sie sich ebenfalls, präsentiert ihre Forschungsergebnisse und teilt dort auch IAB-Tweets. „Das IAB nutzt die sozialen Medien noch zu wenig“, findet sie. „Wir sind so ein hochkarätiges Institut, da könnte man noch viel mehr auf solchen Plattformen auf unsere spannenden Forschungsergebnisse hinweisen, insbesondere international.“

Ihre eigenen Netzwerke in den sozialen Medien waren für sie allerdings nie wichtiger als jetzt im März. Nicht nur, weil sie diverse Messenger nutzt, um eng mit ihrer verbliebenen Familie in der Ukraine in Kontakt zu bleiben.

„Die vielen Chats und Gruppen, die aus dem Nichts entstanden sind, das ist unglaublich“, erzählt sie. „So viel Engagement und Information-Flow, alle helfen zusammen.“ Freiwillige vernetzen sich, organisieren Transporte, suchen Wohnungen, sammeln Kindersitze, Medikamente, Geld. „Dort mitzuwirken hat mir in den ersten Tagen gegen das Gefühl geholfen, hilflos zu sein“, sagt Yuliya Kosyakova. „Was wir beisteuern können, sind zwar nur einzelne Tropfen, aber zusammen sind die Tropfen ein Ozean.“

Außerdem war sie wirklich bewegt von all der Anteilnahme, die ihr aus dem IAB zuteil wurde. „So viele Kolleginnen und Kollegen haben mir in den ersten Kriegstagen geschrieben oder mich angerufen, haben sich besorgt erkundigt nach mir und meiner Familie, haben sogar Geld gespendet.“ Sie schluckt sichtlich, als sie davon erzählt. „Sie wissen gar nicht, wie viel mir das bedeutet hat.“

Wir verabschieden uns, ich wünsche ihr für die nächsten Monate alles Gute. Sie nickt nachdenklich. „Es ist unberechenbar, was kommt“, sagt sie. „Damit müssen wir leben. Erledigen wir, was wir heute tun können, und machen weiter. Ich werde auch in der Elternzeit das Forschen nicht sein lassen können.“ Sie grinst. „Aber vielleicht ist es gut, dass ich ein paar Monate lang mehr Zeit für die Familie habe.“

Denn es gibt wahrlich genug, das auf sie wartet. Ihre Cousine ist vor wenigen Tagen in Moldawien angekommen. Sie hat zwei kleine Kinder dabei und steht auf der Warteliste für einen Flug nach Nürnberg.

 

doi: 10.48720/IAB.FOO.20220406.01

 

Keitel, Christiane (2022): „Wir haben uns angefreundet, Deutschland und ich“, In: IAB-Forum 6. April 2022, https://www.iab-forum.de/wir-haben-uns-angefreundet-deutschland-und-ich/, Abrufdatum: 9. August 2022