In politischen Debatten um Verteilungsgerechtigkeit steht oft die Lohnungleichheit auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene im Vordergrund. Neue Auswertungen mit IAB-Daten zeigen, dass Lohnentgelte nicht nur zwischen Regionen, sondern auch innerhalb von Regionen erheblich variieren können. Urbane Regionen weisen dabei im Durchschnitt eine höhere Lohnungleichheit auf als ländliche Gebiete, denn in den Ballungsräumen sind sowohl Akademiker als auch ausländische Beschäftigte überrepräsentiert.

Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen wirkt sich in vielfältiger Weise auf unsere Gesellschaft aus. Wer über ein geringes Einkommen verfügt und kein nennenswertes Vermögen besitzt, hat oft größere Schwierigkeiten, seinen Lebensunterhalt eigenständig zu bestreiten. Zudem liegt die Lebenserwartung unter dem Durchschnitt. Die eigene Position in der Einkommens- oder Vermögensverteilung hat überdies unmittelbaren Einfluss auf die individuelle Lebenszufriedenheit.

Ungleichheit beeinflusst auch die Aufstiegschancen innerhalb der Gesellschaft, weil diese zum Teil von eigenen finanziellen Möglichkeiten abhängen. Sie kann darüber hinaus zu überregionalen Wanderungsbewegungen führen, die letztlich ganze Landstriche ausdünnen. Ungleiche Gesellschaften begünstigen tendenziell zudem Parteien mit radikalen Positionen. Gleichzeitig geht eine ungleiche Lohnverteilung meist mit höherer Kriminalität einher.

Neben der Ungleichheit zwischen Regionen gibt es Ungleichheit innerhalb einzelner Regionen

In sozialpolitischen Debatten wird häufig über das Ausmaß der Ungleichheit auf nationaler Ebene diskutiert. Sie setzt sich aus zwei verschiedenen Komponenten zusammen: der Ungleichheit zwischen Regionen und der Ungleichheit innerhalb von Regionen. Über Letztere ist bislang relativ wenig bekannt.

Neue Auswertungen mit IAB-Daten zeigen nun, dass die Löhne in Deutschland auch innerhalb von Kreisen teilweise deutlich auseinanderklaffen. Besonders auffällig ist dabei, dass die Lohnungleichheit in städtisch geprägten Räumen tendenziell höher ausfällt als in ländlichen Gebieten.

Der Gini-Index bietet ein standardisiertes Maß für Ungleichheit

Um unterschiedliche Lohnverteilungen miteinander vergleichen zu können, ist ein statistisches Maß nötig, das die Ungleichverteilung auf eine aussagekräftige Zahl reduziert. Der sogenannte Gini-Index ist ein häufig genutztes statistisches Konzentrationsmaß, mit dem sich Einkommens- und Vermögensungleichheiten beschreiben lassen.

Der Gini-Index kann Werte zwischen 0 und 100 annehmen. Dabei gilt: je höher der Index, desto ungleicher ist die Verteilung. Ein Wert von 0 beschreibt den Zustand völliger Gleichverteilung, in dem jede Person über gleich viel verfügt. Ein Wert von 100 stellt den Extremfall maximaler Ungleichheit dar: Eine Person verfügt über alles, die übrigen Personen über nichts.

Laut IAB-Daten lag der bundesweite Gini-Index für individuelle Bruttotagesentgelte von Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2017 bei 29,0. Der Wert liegt damit leicht unter dem EU-Durchschnitt der Gini-Indizes für verfügbare Einkommen von 30,7. Er sagt indes nur wenig darüber aus, inwieweit die Löhne auch innerhalb von Regionen ungleich verteilt sind.

Die Löhne in Erlangen streuen um 75 Prozent stärker als im Landkreis Freyung-Grafenau

Tatsächlich variieren die Gini-Indizes für die Löhne von Beschäftigten in den einzelnen Kreisen erheblich (siehe Abbildung 1a). Zu den Regionen mit der gleichmäßigsten Verteilung der Lohneinkünfte zählen der Landkreis Freyung-Grafenau (19,5), der Saale-Orla-Kreis (19,8) sowie die Landkreise Neustadt an der Waldnaab (20,0), Nordfriesland (20,5) und Haßberge (20,6).

Gebiete, die der bundesdeutschen Lohnverteilung ähneln, sind beispielsweise die Landkreise Mühlheim an der Ruhr (29,0) und Esslingen (29,0) sowie die kreisfreien Städte Krefeld (29,0), Berlin (29,0) oder Köln (29,1).

Die Stadt Erlangen (34,1), der Rhein-Neckar-Kreis (33,3), die Städte Forchheim (32,9) und Leverkusen (32,7) sowie der Landkreis Mainz-Bingen (32,2) weisen hingegen die höchste Ungleichheit in den Löhnen auf. Damit ist der Gini-Index in Erlangen um immerhin 75 Prozent höher als im Landkreis Freyung-Grafenau.

 

Die Lohnverteilung in den Kreisen mit den höchsten Gini-Indizes ist nicht nur deutlich ungleicher als auf Bundesebene. Sie ähnelt zudem der Verteilung von Löhnen in den liberal geprägten angelsächsischen Ländern Großbritannien, Kanada und Australien oder ärmeren Volkswirtschaften wie Pakistan, Mali und Tunesien. Für Gini-Indizes von über 40, die für Lohnverteilungen in Mittel- und Südamerika oder im südafrikanischen Raum die Regel sind, gibt es in Deutschland keine regionale Evidenz.

Die Spannweite der regionalen Lohnverteilung in Deutschland lässt sich an folgendem Beispiel illustrieren: Bundesweit erwirtschafteten im Jahr 2017 die unteren 80 Prozent der Vollzeitbeschäftigten rund 62 Prozent der Summe der Bruttotagesentgelte. Im bayerischen Landkreis Freyung-Grafenau betrug der entsprechende Wert gut 69 Prozent, in der kreisfreien Stadt Erlangen hingegen 58 Prozent.

Kreise mit hoher Lohnungleichheit gibt es vor allem in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg

Anhand der Bevölkerungsdichte und dem Einwohneranteil in den Städten lassen sich Kreise in vier siedlungsstrukturelle Typen mit steigendem Urbanisierungsgrad unterteilen (siehe Abbildung 1b):

  • dünn besiedelte ländliche Kreise
  • ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen
  • städtische Kreise
  • kreisfreie Großstädte.

Mit Blick auf die Gini-Indizes (siehe Abbildung 1a) macht diese Unterteilung deutlich, dass städtisch geprägte Kreise tendenziell eine höhere Lohnungleichheit aufweisen als ländlichere Räume. Kreise mit hoher Lohnungleichheit finden sich vor allem in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg, wo es vielerorts Ballungsräume gibt.

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind über die Zeit stabil

Auffällig ist, dass die Unterschiede in der Ungleichheit zwischen den Kreistypen trotz großer Schwankungen im Zeitverlauf, die Joachim Möller in einem IAB-Discussion Paper aus dem Jahr 2016 auf nationaler Ebene genauer untersucht hat, zeitstabil sind (siehe Abbildung 2). Dabei wird deutlich, dass Kreise mit einem höheren Urbanisierungsgrad tendenziell auch eine größere Lohnungleichheit aufweisen: In ländlichen Kreisen mit Verdichtungsansätzen liegt der mittlere Gini-Index einige Zehntelpunkte über dem Wert von dünn besiedelten ländlichen Kreisen. In städtischen Kreisen erhöht sich der Index im Mittel um ein bis zwei weitere Gini-Punkte. In kreisfreien Großstädten ist die Lohnungleichheit im Mittel nochmals um rund zwei Gini-Punkte höher.

Abbildung 2: Lohnungleichheit in Regionen nach Grad der Urbanisierung

Fasst man dünn besiedelte ländliche Kreise und ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen einerseits sowie städtische Kreise und kreisfreie Großstädte andererseits zusammen, so zeigt sich: Die Lohnungleichheit in der Stadt ist mit 27,4 Gini-Punkten im Mittel um 2,4 Punkte höher als auf dem Land mit 25,0.

Akademiker und ausländische Staatsbürger sind in den Städten überrepräsentiert

Die Gründe für das Stadt-Land-Gefälle lassen sich mithilfe eines statistischen, auf Regressionen basierenden Zerlegungsverfahrens ermitteln (siehe Kasten „Daten und Methoden“). Demnach ist vor allem der höhere Anteil einerseits hochqualifizierter und andererseits ausländischer Beschäftigter in den Städten für das Gefälle verantwortlich: Die Lohnungleichheit wächst tendenziell mit einem zunehmenden Anteil an Beschäftigten mit hohem Bildungsabschluss oder ausländischer Staatsbürgerschaft, denn Hochqualifizierte verdienen tendenziell überdurchschnittlich, Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft im Mittel unterdurchschnittlich.

Korrigiert man für die Tatsache, dass in Städten hochqualifizierte und ausländische Arbeitnehmer einen größeren Anteil an den Beschäftigten ausmachen als auf dem Land, reduziert sich die Differenz von 2,4 Gini-Punkten zwischen Stadt und Land für Hochqualifizierte um 1,6 und für ausländische Beschäftigte um 0,6 Punkte.

Aufschlussreich ist außerdem ein Blick auf den Einfluss der unterschiedlichen Betriebsgrößenstruktur. Der Anteil an Großbetrieben, die meist vergleichsweise hohe Löhne zahlen, ist in den Städten zwar größer als auf dem Land (+0,5 Gini-Punkte). Dieser Effekt wird aber dadurch mehr als ausgeglichen, dass in Städten auch weniger Kleinbetriebe angesiedelt sind, die in der Regel unterdurchschnittlich bezahlen (-0,6 Gini-Punkte). Anders formuliert: In den Großstädten vergrößert der hohe Anteil an Großbetrieben die Lohnungleichheit, auf dem Land hingegen der höhere Anteil an Kleinbetrieben.

Einen zu vernachlässigenden Einfluss auf das Stadt-Land-Gefälle haben der Anteil der Beschäftigten mit geringer Bildung, die Altersstruktur der Beschäftigten, die Frauenerwerbsbeteiligung, der Anteil der Pendler und die sektorale Betriebsstruktur. Das Gleiche gilt für die Arbeitslosenquote, die Quote gemeldeter Stellen, die Zugehörigkeit eines Kreises zu Ostdeutschland und die Bevölkerungsdichte.

Fazit

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Menschen die Schere zwischen Arm und Reich in ihrer unmittelbaren Umgebung stärker wahrnehmen als die Ungleichheit innerhalb eines ganzen Landes. Verteilungsanalysen sollten daher nicht nur die nationale, sondern auch die lokale Ebene im Blick haben.

Ein gesamtwirtschaftlicher Blick auf die Lohnverteilung in Deutschland verschleiert, dass es erhebliche Differenzen in der Lohnungleichheit auch innerhalb von Regionen gibt. In den Kreisen mit der größten Lohnungleichheit in Deutschland fällt die Ungleichheit, gemessen am Gini-Index, um bis zu 75 Prozent höher aus als in den Gebieten mit der gleichmäßigsten Lohnverteilung.

In Ballungsräumen sind die Löhne im Mittel deutlich ungleicher verteilt als in ländlich geprägten Kreisen. Dieser Unterschied zwischen Stadt und Land ist trotz Schwankungen auf nationaler Ebene über die Zeit stabil. Eine Analyse mit IAB-Daten zeigt, dass dies auf den höheren Bildungsstand und den größeren Anteil an ausländischen Beschäftigen in den Ballungsräumen zurückzuführen ist.

Am Markt erwirtschaftete Löhne müssen sich allerdings nicht eins zu eins in Unterschiede bei der allgemeinen Lebensqualität übersetzen, denn Steuern und Transferleistungen reduzieren die am Arbeitsmarkt vorherrschende Ungleichheit. Eine wohlüberlegte Ausgabenpolitik kann zusätzlich dazu beitragen, solche Disparitäten zu verringern und deren Folgen abzumildern. So kann der Staat öffentliche Güter wie Schwimmbäder, Nahverkehr oder Kulturangebote vor Ort kostengünstig bereitstellen, die allen Einwohnern gleichermaßen zur Verfügung stehen.

Daten und Methoden

Datengrundlage für die Studie ist eine 2%-Stichprobe aus der Beschäftigtenhistorik (BeH) für die Jahre 2000 bis 2017. Die BeH enthält Personendaten zu allen sozialversicherungspflichtig und/oder geringfügig Beschäftigten in der Bundesrepublik Deutschland. Die Individualdaten wurden angereichert mit Betriebsinformationen aus dem Betriebs-Historik-Panel (BHP). Die Einteilung der Kreise basiert auf dem Konzept des siedlungsstrukturellen Kreistyps des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit Stand vom 31.12.2017.

Aus Mangel an individuellen Angaben zu gearbeiteten Stunden beschränkt sich der Bericht auf Personen, die einer regulären und sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Damit sind Personen in (Alters-)Teilzeit, geringfügig Beschäftigte und Azubis nicht Gegenstand der Analyse. Als Lohnangabe werden nominale Bruttotagesentgelte am 30. Juni des jeweiligen Jahres verwendet. Zensierte Angaben zu nominalen Bruttotagesentgelten über der Beitragsbemessungsgrenze wurden mit einem zweistufigen Regressionsverfahren imputiert. Die Ergebnisse der Studie sind keine statistischen Artefakte der Lohnimputation, da robuste Ungleichheitsmaße (zum Beispiel der Unterschied zwischen dem 80. und 20. Lohnperzentil) ähnliche Ergebnisse hervorbringen. Fehlende Arbeitszeit- sowie Bildungsangaben wurden durch entsprechende Imputationsverfahren korrigiert. Die Zuordnung von Beschäftigten zu Kreisen basiert auf dem Arbeitsort. Zur Erklärung des Stadt-Land-Unterschiedes in der Lohnungleichheit wurde das Oaxaca-Blinder-Zerlegungsverfahren verwendet. Die Erklärung des Stadt-Land-Gefälles in der Lohnungleichheit bezieht sich auf die im Rahmen dieses Zerlegungsverfahren ermittelten Ausstattungseffekte.

Literatur

Behrens, Kristian; Robert-Nicoud, Frédéric: Inequality in Big Cities (Blogeintrag). In: Vox CEPR Policy Portal, 24.07.2014, letzter Abruf am 12.07.2019.

Eurostat (2019): Gini Coefficient of Equivalised Disposable Income, letzter Abruf am 05.09.2019.

Möller, Joachim (2016): Lohnungleichheit: Gibt es eine Trendwende? IAB-Discussion Paper Nr. 9.

Oaxaca, Ronald (1973): Male-Female Wage Differentials in Urban Labor Markets. In: International Economic Review, Vol. 14, No. 3, S. 69709.

Peichl, Andreas; Stöckli, Marc (2018): Ungleichheit und Umverteilung in Deutschland: Trends und Handlungsoptionen, Ifo Schnelldienst Nr. 15.

Weltbank (2019): GINI index (World Bank estimate), letzter Abruf am 12.07.2019.

Popp, Martin (2019): Warum klaffen die Löhne in der Stadt stärker auseinander als auf dem Land?, In: IAB-Forum 13. Dezember 2019, https://www.iab-forum.de/warum-klaffen-die-loehne-in-der-stadt-staerker-auseinander-als-auf-dem-land/, Abrufdatum: 24. September 2020