Städte bieten im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl ein größeres Potenzial an offenen Stellen als der ländliche Raum. Dennoch benötigt ein Arbeitsloser aus der Stadt im Schnitt mehr Zeit, um wieder eine Beschäftigung zu finden, als ein Erwerbsloser in ländlichen Regionen. Dies gilt auch dann, wenn sich beide ansonsten nicht nennenswert voneinander unterscheiden. Wie lässt sich dieses Paradox erklären? Dieser Frage sind die Arbeitsmarktforscher Dr. Peter Haller, bis Januar dieses Jahres wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Regionale Arbeitsmärkte“ des IAB, und Daniel F. Heuermann, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Applied Sciences Europe in Berlin, in einer aktuellen Studie für das international renommierte Journal of Regional Science nachgegangen. Die Redaktion des IAB-Forum hat nachgefragt.

Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, auch weil sie sich dort bessere berufliche Möglichkeiten versprechen. So werden beispielsweise in der Stadt im Schnitt deutlich höhere Löhne gezahlt als auf dem Land. Woran liegt das?

Daniel F. Heuermann: Städte waren immer schon zentrale Orte wirtschaftlichen Handels. Die Produktion hat sich insbesondere mit der Industrialisierung mehr als je zuvor dorthin verlagert. Aus ökonomischer Sicht lässt sich die Attraktivität von Städten anhand von drei Mechanismen beschreiben: Zum einen bieten Städte die Möglichkeit kurzer Lieferketten sowie eine gemeinsame Verkehrsinfrastruktur, die von vielen Personen und Unternehmen gemeinsam genutzt wird. Darüber hinaus verbessert sich mit der Anzahl an Menschen und Firmen vor Ort die Passung zwischen Jobs und Jobsuchenden. Arbeitgeber finden leichter und schneller neues Personal. Arbeitsuchende haben ihrerseits eine größere Auswahl an Stellen, die zu ihren Qualifikationen und ihren Vorlieben passen. Die Tatsache, dass rein zahlenmäßig mehr potenzielle Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, wird auch als „Versicherungseffekt“ von Städten bezeichnet. Personen, die arbeitslos werden, müssten dort also – zumindest theoretisch – schneller wieder einen Job finden als auf dem Land. Und schließlich erleichtert die räumliche Nähe zwischen Unternehmen Wissensaustausch und technologische Innovationen. Bemerkenswert ist, dass die Globalisierung trotz besserer Kommunikation die Bedeutung der Städte nicht verringert, sondern im Gegenteil noch einmal verstärkt hat, da sich Wissen und Erfahrung vor allem durch räumliche Nähe zueinander verbreiten.

Trotz besserer Kommunikation hat die Globalisierung die Bedeutung der Städte nicht verringert, sondern verstärkt.

Peter Haller: Was die Löhne angeht, so wirken sich alle drei Mechanismen positiv auf die Produktivität aus. Firmen in Städten können mehr und höherwertige Güter und Dienstleistungen zu geringeren Kosten herstellen. Durch ein besseres Matching zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern steigt auch die Arbeitsproduktivität, was wiederum höhere Löhne ermöglicht.

Trotzdem sind die Arbeitslosenquote und die Dauer der Arbeitslosigkeit in der Stadt Ihren Analysen zufolge höher als auf dem Land. Wie lässt sich das erklären?

Heuermann: Dieser Widerspruch war Motivation für unsere Studie, in der wir untersucht haben, ob die positiven Effekte einer höheren städtischen Arbeitsplatzdichte durch einen intensiveren Wettbewerb um die verfügbaren Stellen zunichte gemacht werden. Unsere Ergebnisse deuten in der Tat darauf hin, dass die stärkere Konkurrenz zwischen Arbeitslosen die positiven Effekte eines größeren Job-Pools überwiegt. Das heißt, dass es den „Versicherungseffekt“ zwar gibt, dieser aber durch die negative Wirkung eines intensiveren Wettbewerbs um Stellen mehr als aufgewogen wird. Diese Erkenntnis liefert eine Erklärung dafür, dass die Arbeitslosigkeit und deren Dauer in den Städten höher ist als auf dem Land.

Die stärkere Konkurrenz zwischen Arbeitslosen in den Städten überwiegt die positiven Effekte eines größeren Job-Pools.

Sie haben in Ihrer Studie nur Arbeitslose betrachtet, die aufgrund von Werksschließungen arbeitslos wurden. Warum?

Haller: In unserer Studie untersuchen wir den Effekt von Arbeitsplatzdichte einerseits und Arbeitnehmerkonkurrenz andererseits auf die Dauer der Arbeitsplatzsuche. Nun unterscheiden sich Arbeitslose je nach Wohnort teils erheblich voneinander. So sind Personen in der Stadt im Durchschnitt jünger und, zumindest formal, besser qualifiziert. Eine korrekte Messung der Effekte setzt jedoch voraus, dass sich die betrachteten Personen möglichst ähnlich sind – unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen. Durch den Fokus auf Werksschließungen erhalten wir eine relativ homogene Gruppe von Personen. Sie sind zum einen unfreiwillig arbeitslos, zum anderen erst seit kurzer Zeit ohne Arbeit. Darüber hinaus sind die Unterschiede innerhalb dieser Personengruppe zwischen Stadt und Land vergleichsweise gering, da Betriebsschließungen jeden unabhängig von seinen Eigenschaften oder seinem Wohnort treffen können. Für diese Personengruppe lassen sich Unterschiede in der Dauer der Arbeitslosigkeit daher relativ zuverlässig auf regionale Unterschiede in der Arbeitsplatzdichte und der Konkurrenz um verfügbare Stellen zurückführen.

Ein Arbeitsloser mag auf dem Land schneller wieder einen Job finden als in der Stadt – aber nicht unbedingt einen, der auf ihn zugeschnitten ist.

Welche Lehren lassen sich aus Ihrer Studie ziehen?

Heuermann: Trotz höherer Jobkonkurrenz liegt der Vorteil der Stadt nach wie vor darin, dass eine größere Menge an potenziell passenden Arbeitsplätzen verfügbar ist als auf dem Land. Dort gibt es für bestimmte Berufe nur wenige, im Extremfall gar keine passenden alternativen Arbeitsplätze. Arbeitslose haben also in den Städten trotz aller Konkurrenz die Möglichkeit, ihre individuellen Stärken und Qualifikationen auszuspielen und sich auf diejenigen Arbeitsplätze zu bewerben, die bestmöglich zu ihren Erfahrungen und ihrem bisherigen Lebenslauf passen. Ein Arbeitsloser mag also auf dem Land schneller wieder einen Job finden als in der Stadt – aber nicht unbedingt einen, der auf ihn zugeschnitten ist.

Literatur

Duranton, Gilles; Puga, Diego (2004): Micro‐foundations of urban agglomeration economies. In: G. Duranton, J. V. Henderson, & W. C. Strange (Hg.): Handbook of regional and urban economics, Vol. 4, S. 2063–2117. Amsterdam: Elsevier.

Haller, Peter; Heuermann, Daniel F.(2019): Opportunities and competition in thick labor markets: Evidence from plant closures. In: Journal of Regional Science, online first, 40 S.

Schludi, Martin (2020): Schwierige Jobsuche: Warum die Arbeitslosigkeit in den Städten höher ist als auf dem Land, In: IAB-Forum 7. Februar 2020, https://www.iab-forum.de/schwierige-jobsuche-warum-die-arbeitslosigkeit-in-den-staedten-hoeher-ist-als-auf-dem-land/, Abrufdatum: 29. Februar 2020