Nutzen Betriebe die Kurzarbeitsphase für die Weiterbildung ihrer Beschäftigten? Bei der Online-Veranstaltung „Wissenschaft trifft Praxis“ stellte ein Forschungsteam des IAB Befunde zu den Weiterbildungsaktivitäten während der Corona-Krise vor. Vertreterinnen und Vertreter aus der beruflichen Praxis zeigten auf, welche Faktoren einer stärkeren Weiterbildungsbeteiligung noch im Wege stehen.

Wie stark Betriebe infolge der Covid-19-Pandemie von Lockdown-Maßnahmen und wirtschaftlichem Einbruch betroffen waren, spiegelte sich im vergangenen Jahr nicht zuletzt in der umfangreichen Nutzung von Kurzarbeit wider: Sie erreichte im April 2020 mit fast zwölf Millionen Anmeldungen, sechs Millionen Inanspruchnahmen und einem durchschnittlichen Arbeitsausfall von 49 Prozent einen historischen Höchststand in der deutschen Nachkriegsgeschichte. „Ein Niveau, das viele nicht für möglich gehalten hätten“, betonte IAB-Direktor Professor Bernd Fitzenberger in seiner Einführung zur Online-Veranstaltung aus der Reihe „Wissenschaft trifft Praxis“ am 10. Dezember 2020. Rund 180 Teilnehmende aus Unternehmen, Gewerkschaften, Verbänden, Ministerien, Politik und Wissenschaft verfolgten den Workshop des IAB zum Thema Kurzarbeit und Weiterbildung.

Betriebe können Phasen der Kurzarbeit dazu nutzen, um die eigenen Beschäftigten weiterzubilden. In welchem Umfang  sie von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, untersucht das IAB unter anderem in der Studie „Betriebe in der Covid-19-Krise“. Seit August 2020 befragt das IAB hierfür regelmäßig 1.500 bis 2.000 Betriebe darüber, wie sich die Corona-Krise auf sie auswirkt (weitere Informationen zu der Erhebung finden Sie in einem ausführlichen Beitrag im IAB-Forum).

In der fünften Welle dieser Befragung, die vom 26. Oktober bis 9. November 2020 durchgeführt wurde, bildete das Thema „Weiterbildung“ einen Schwerpunkt. Dr. Julia Lang und Dr. Ute Leber stellten in ihrem gemeinsamen Impulsvortrag mit Dr. Thomas Kruppe (alle IAB) Ergebnisse hierzu sowie Daten aus der Förderstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) vor.

In einem Drittel der Betriebe fand seit Beginn der Pandemie Weiterbildung statt

Nach den Ergebnissen der fünften Welle der BeCovid-Studie hatten gut die Hälfte aller befragten 1.759 Betriebe seit Beginn der Pandemie Weiterbildungen geplant oder gefördert, indem sie Beschäftigte freistellten und/oder Kosten für Weiterbildung zumindest teilweise übernahmen.

Allerdings mussten 59 Prozent der Betriebe diese Weiterbildungskurse wieder absagen. Grund hierfür waren hauptsächlich die geltenden Kontaktbeschränkungen. Tatsächlich wurde Weiterbildung in einem Drittel der Betriebe durchgeführt, so Ute Leber. Als Alternative zu Präsenzangeboten setzten viele Betriebe auf E-Learning – 35 Prozent davon erstmals.

Nur jeder zehnte Betrieb mit Kurzarbeit nutzte Zeiten des Arbeitsausfalls für Weiterbildung

Allerdings hat nur jeder zehnte Betrieb die Zeiten des Arbeitsausfalls durch Kurzarbeit für Weiterbildungen genutzt, wie IAB-Forscherin Julia Lang anschließend aufzeigte. Betriebe mit über 250 Beschäftigten förderten Weiterbildungen dabei wesentlich häufiger als kleinere Betriebe. Unterschiede werden auch mit Blick auf die Branchen deutlich. Besonders aktiv in Sachen Weiterbildung waren Betriebe im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen, Betriebe im Bereich der sonstigen Dienstleistungen, wozu beispielsweise das Versicherungs- und Finanzwesen gehört, sowie Betriebe in der Informations- und Kommunikationsbranche.

Als wichtigste Gründe für den Verzicht auf Weiterbildungen nannten die Betriebe, dass der Zeitpunkt der Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit im vollen Umfang nicht absehbar sei (81 %), Weiterbildungen nicht zum an die Pandemie angepassten Arbeitsplan passten (63 %), die geschäftliche Zukunft unsicher (50 %) und das Thema Weiterbildung aktuell nachrangig sei (39 %).

Ute Leber und Julia Lang verwiesen in diesem Zusammenhang auf Ergebnisse einer weiteren IAB-Befragung, dem Hochfrequenten Online-Personen-Panel „Leben und Erwerbstätigkeit in Zeiten von Corona“: Nur 5 Prozent der Beschäftigten haben demnach die durch Kurzarbeit ausgefallene Arbeitszeit für eine Weiterbildung genutzt (lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Kurzarbeit im Juni 2020: Rückgang auf sehr hohem Niveau“ von Thomas Kruppe und Christopher Osiander im IAB-Forum).

Viele Betriebe kennen die Fördermöglichkeiten nicht

Dass Weiterbildungen in Zeiten von Kurzarbeit eher wenig genutzt werden, liegt möglicherweise auch daran, dass vielen Betrieben entsprechende Fördermöglichkeiten nicht bekannt sind. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit ging die geförderte Weiterbildung Beschäftigter, bei der die Kosten für Lehrgänge von der BA übernommen werden, während der Covid-19-Pandemie zurück. Diese Förderung wird im Rahmen des Qualifizierungschancengesetzes gewährt.

Bei der fünften Welle der BeCovid-Befragung im Oktober/November 2020 gaben jedoch nur 32 Prozent der befragten Betriebe an, dass ihnen diese Fördermöglichkeit bekannt sei. Von diesen Betrieben hatten wiederum lediglich 32 Prozent die Förderung in Anspruch genommen – davon 16 Prozent seit Beginn der Covid-19-Krise.

Warum aber haben 68 Prozent der befragten Betriebe, denen die Förderung bekannt war, dennoch keinen Gebrauch davon gemacht? 52 Prozent gaben an, dass es keine passenden Weiterbildungsangebote gebe. 37 Prozent hielten den Antragsaufwand für zu groß, 34 Prozent lehnten eine Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit ab. 30 Prozent der Betriebe verwiesen auf mangelndes Interesse ihrer Beschäftigten und 27 Prozent war die Mindestdauer der geförderten Maßnahme zu lang.

Die Betriebe scheinen also durchaus um die Weiterbildung ihrer Beschäftigten bemüht zu sein, doch begegnen ihnen dabei offenbar viele praktische Hürden. Auf diese gingen im Anschluss Dr. Roman Jaich von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und Jobst Hagedorn von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft näher ein.

Jaich: „Eine breite Weiterbildungskultur hat sich in den Unternehmen noch nicht durchgesetzt“

Dr. Roman Jaich, Leiter der Abteilung „Weiterbildungs-/Hochschulpolitik“ bei ver.di, stellte fest, dass sich schon vor der Pandemie noch keine breite Weiterbildungskultur in den Unternehmen etabliert habe, obwohl das Thema zunehmend an Bedeutung gewänne. Als Gründe für die geringe Weiterbildungsbeteiligung während der Kurzarbeit in den gewerkschaftlich von ver.di vertretenen Branchen würden aus Sicht der Betriebs- und Personalräte unter anderem mangelnde Initiative der Betriebe, allgemeine Unsicherheit mit der Situation und fehlende Perspektive genannt. So sei unklar, in welche Richtung eine Weiterentwicklung erfolgen könnte. Betrieblich stünden zudem andere Themen im Vordergrund. Schließlich würden Förderbedingungen kaum thematisiert, Betriebs- und Personalräte sähen dies auch nicht als ihr Feld an, so Jaich.

Beratungsangebote müssen ausgebaut werden

Wie ließe sich die Weiterbildungsquote während der Kurzarbeitsphase erhöhen? Für Jaich steht fest, dass man sich in dieser Frage vor allem an die Weiterbildungsträger wenden müsse: „Die Bildungsträger können das Thema mit gezielten Qualifizierungsprogrammen an die Betriebe herantragen“, regt er an. Allerdings seien auch die Bildungsträger selbst genauso von Kurzarbeit betroffen und das verbliebene Personal häufig mit den BA-Projekten ausgelastet, die sie unter Pandemie-Bedingungen noch durchführen könnten, berichtete Jaich.

„Wir brauchen deutlich mehr Beratungsstrukturen in den Betrieben, sodass Beschäftigte, die sich weiterbilden wollen, auch einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin im Betrieb finden“, forderte Jaich. Zudem müsse eine Infrastruktur für digitale Lernformate geschaffen werden. Dies betreffe sowohl die Ausstattung mit der entsprechenden Hard- und Software als auch digitale Lernorte. Aus Jaichs Sicht können nicht zuletzt neue Förderinstrumente diese Prozesse vorantreiben und die Weiterbildungsbeteiligung erhöhen.

Hagedorn: „Viele Unternehmen verzichten gerade auf Qualifizierung durch Weiterbildungsträger“

Viele Unternehmen hätten in der Covid-19-Krise zunächst auf Qualifizierungsmaßnahmen durch externe Weiterbildungsträger verzichtet, erläuterte Jobst Hagedorn, Mitglied der Geschäftsleitung der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW). Es gebe aber auch Bereiche wie die IT-Branche, in denen es aktuell einen Weiterbildungsboom gebe.

Auch Hagedorn beschäftigte sich mit der Frage, warum insgesamt so wenig Weiterbildung während der Kurzarbeit stattfindet. Aus seiner Sicht stehen vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie Weiterbildungsanstrengungen entgegen. Aktuell seien viele Unternehmen im Überlebensmodus. „Da bricht gerade die Panik aus“, stellte Hagedorn fest. Und auch die Beschäftigten trieb in erster Linie die Sorge um die eigene berufliche Zukunft und Gesundheit um. In diesem Kontext sei die Frage nach Weiterbildungsmaßnahmen während der Kurzarbeit für viele Beschäftigte und Arbeitgeber nahezu trivial.

Hagedorn machte allerdings auch im Qualifizierungschancengesetz (QCG), durch das Weiterbildungen finanziert werden können, einige Schwächen aus. Unter anderem sei die Antragstellung zu bürokratisch und die Zertifizierung von Weitebildungskursen an hohe Hürden geknüpft.

Weiterqualifizierung nicht erst in Arbeitslosigkeit

In der anschließenden Diskussion warf IAB-Forscher Dr. Thomas Kruppe die Frage auf, ob die Mindestkursdauer von 120 Stunden als eine Fördervoraussetzung im Rahmen des QCG sinnvoll sei. Dies bejahten sowohl Jaich als auch Hagedorn, denn so würden nur solche Weiterbildungen gefördert, die die Beschäftigten nicht nur direkt im Betrieb, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt verwerten könnten. Dies sei bei kürzeren Weiterbildungen weniger wahrscheinlich.

Christian Rauch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, betonte, wie wichtig die Beratung der Betriebe sei, damit mehr Beschäftigte an Weiterbildungen teilnähmen. Qualifizierung dürfe nicht erst zum Thema werden, wenn jemand arbeitslos werde.

Im Rahmen der Konferenz wurde deutlich, dass mehr Beratungsangebote eine zentrale Rolle für die Ausweitung der Weiterbildungsaktivitäten von Betrieben und Beschäftigten spielen. Dies gelte insbesondere für öffentlich geförderte Fortbildungsmaßnahmen, stellte Prof. Dr. Lutz Bellmann, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Betriebe und Beschäftigung“, in seinem Schlusswort fest. Darauf lässt sich aufbauen – sowohl in als auch nach der Pandemie.

 

 

 

 

Bellmann, Lutz; Kruppe, Thomas; Segert-Hess, Nadine (2021): Qualifizierung während Corona: Wie stark nutzen Betriebe Kurzarbeit für Weiterbildungen?, In: IAB-Forum 11. August 2021, https://www.iab-forum.de/qualifizierung-waehrend-corona-wie-stark-nutzen-betriebe-kurzarbeit-fuer-weiterbildungen/, Abrufdatum: 21. September 2021