„Wir wollen mit Wumms aus der Krise kommen.“ Mit diesen Worten kündigte Bundesfinanzminister Olaf Scholz im Juni 2020 ein 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturprogramm an – neben der Kurzarbeit eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Folgen der Krise aufzufangen. Wie erfolgreich waren diese Maßnahmen? Wie sehen die weiteren Perspektiven für Beschäftigte und Unternehmen aus? Darüber diskutierten am 10. Mai 2021 Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Arbeitsverwaltung bei den Nürnberger Gesprächen. Sie fanden pandemiebedingt erstmals rein virtuell statt.

Kurzarbeit für Millionen von Menschen, Schulschließungen, Lockdowns: Was vor der Pandemie kaum vorstellbar erschien, ist seit 2020 zum Alltag geworden. Corona hatte die Welt seit letztem Jahr eisern im Griff. Das ist auch in der deutschen Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt deutlich zu spüren. Die Politik versuchte, mit milliardenschweren Hilfsprogrammen dagegenzuhalten. Zeit für eine erste Bilanz (ein Video der Veranstaltung finden Sie auf dem YouTube-Kanal des IAB, s.u.).

König: „Beschäftigte, Selbstständige und Unternehmen profitieren gleichermaßen von diesem einzigartigen Schutzschild“

Marcus König

Marcus König, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

In seiner Begrüßungsrede lobte Markus König, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, die vielfältigen Hilfen des Bundes. Trotz vieler bürokratischer Hürden und der vielfach verzögerten Auszahlungen seien sie vor allem den Unternehmen zugutegekommen, die von der Krise besonders hart getroffen wurden. Die Hilfen schafften zusätzliche Liquidität und sicherten das Überleben vieler Betriebe. Insbesondere die Kurzarbeit habe einen entscheidenden Beitrag als „Brücke zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes“ geleistet, so König.

Auch in Nürnberg waren die Folgen der Corona-Krise deutlich zu spüren. Hier habe laut König über ein Drittel der Betriebe Kurzarbeit beantragt. Dennoch zeigte sich der Oberbürgermeister zuversichtlich. Die regionale Wirtschaft habe sich bislang als widerstandfähig und belastbar erwiesen, zumal die Stadt Nürnberg relativ schnell gehandelt habe. König listete denn auch eine Vielzahl an Maßnahmen auf, mit denen Nürnberg der notleidenden regionalen Wirtschaft unter die Arme zu greifen suchte, etwa mit der Stundung fälliger Gewerbesteuerzahlungen.

Jetzt sei es essenziell, auf Qualifizierung zu setzen: „Wir haben schon vor der Krise festgestellt, dass wir Führungs- und Fachkräfte brauchen. Die werden wir auch nach der Krise brauchen“, sagte das Stadtoberhaupt. Für die Zeit nach der Pandemie gab sich König hoffnungsvoll. Die Arbeitsplätze in Nürnberg seien zum größten Teil hightechorientiert und damit für Herausforderungen wie die Digitalisierung bestens gerüstet. Für die Zukunft gelte es vor allem auf Innovationen zu setzen, denn, so König: „Innovation ist die beste Medizin gegen Rezession.“

Ramb: „Das Kurzarbeitergeld hat in erheblichem Maß Beschäftigung gesichert“

Christina Ramb

Christina Ramb, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

Beim Thema Kurzarbeit war sich die Runde einig. Sie sei genau das richtige Instrument gewesen, um katastrophale Folgen der Krise für die Beschäftigung zu verhindern. Sie habe entscheidend dazu beigetragen, den Anstieg der Arbeitslosigkeit zu begrenzen, lobte Christina Ramb, Mitglied der Hauptgeschäftsführung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). IAB-Vizedirektor Prof. Dr.  Ulrich Walwei sekundierte. Dass die Kurzarbeit die erhoffte Wirkung hatte, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass die Arbeitslosigkeit nicht erneut anstieg, als die Kurzarbeit wieder heruntergefahren wurde. Unternehmensvertreterin Ramb geizte zudem nicht mit großem Lob für die schnelle und effektive Auszahlung des Kurzarbeitergelds durch die Bundesagentur für Arbeit (BA). Die BDA habe dazu enorm positive Rückmeldungen ihrer Mitglieder erhalten.

Auch Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der BA, brach eine Lanze für dieses Instrument: Der massive Einsatz von Kurzarbeit habe sich schon in der Finanzkrise 2008/2009 bewährt. Allerdings übertrafen die entsprechenden Ausgaben der BA in der Corona-Krise die in der Finanzkrise ausgereichten Mittel um ein Vielfaches. Sinnvoll investierte Mittel – findet Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales: „Es wird sicher noch wichtig sein, einen Strich darunter zu machen und zu sehen, was ausgegeben wurde. Ich würde aber sagen, dass ein Großteil auch der großen Summen gut angelegt war“.

Gebers: „Es ist schwierig Hilfen aufzusetzen, die keine bewährten Strukturen haben“

Leonie Gebers

Leonie Gebers, beamtete Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales

So groß das Lob aus der Wirtschaft für die schnelle Auszahlung des Kurzarbeitergeldes ausfiel, so laut war aber auch deren Kritik an der Umsetzung anderer Hilfsmaßnahmen. Insbesondere wurde moniert, dass viele Hilfsgelder viel zu spät geflossen seien. Als Grund machte Gebers das Fehlen etablierter Verwaltungsstrukturen aus – anders als beim Kurzarbeitergeld, für dessen Auszahlung es in der BA langjährig erprobte Verfahren gibt. Der Bund habe in der Fläche zu wenig Verwaltung, um gut gemeinte Hilfen schnell und ohne Umwege auszuzahlen. Ohne den Föderalismus als solchen ablehnen zu wollen, gab Gebers zu bedenken, dass eine Abwicklung über die Länder Zwischenschritte erfordere, die den Prozess verlangsamen würden.

„Haben wir vor lauter Bürokratie und Perfektionismus zu viel Zeit vergeudet?“, fragte Moderator und SZ-Redakteur Uwe Ritzer in die Runde. BA-Chef Scheele verwies hier auf zahlreiche Schritte zur Entbürokratisierung der Corona-Hilfen, beispielsweise beim Erstantrag zum SGB II. Gleichzeitig gab er zu bedenken: „Bürokratie ist auch ein Missbrauchschutz. Das ist eine Gratwanderung.“.

Scheele: 300.000 Langzeitarbeitslose mehr!

Detlef Scheele

Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit

Aller Hilfen zum Trotz sind die Folgen der Krise auch auf dem Arbeitsmarkt zu spüren. Nach Scheeles Aussage leben derzeit 300.000 Langzeitarbeitslose mehr von Leistungen der Grundsicherung als vor der Pandemie. Personen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind – in der Regel älter und ohne Berufsausbildung – zurück in den Arbeitsmarkt zu führen, sei sehr schwierig. Es habe schon vor Corona lange gedauert, deren Zahl zu reduzieren. Die Pandemie habe den Erfolg von mehreren Jahren binnen weniger Monate zunichtegemacht.

Für Scheele sind die Langzeitarbeitslosen denn auch die Hauptleidtragenden der Krise. Davon seien insbesondere auch Menschen ausländischer Herkunft betroffen. Bei ihnen kämen häufig mehrere hemmende Faktoren zusammen – befristete Beschäftigung, fehlende Ausbildung oder auch geringe Sprachkenntnisse. Dennoch wollte Scheele nicht von wirtschaftlichen Verlierern sprechen. Der deutsche Sozialstaat, so betonte er, bietet ein System, das Menschen nicht nur absichert, sondern im Fall des Falles auch fördert. „Man kann es nochmal schaffen“, zeigte er sich überzeugt.

Kurz: „Sieben von zehn Freiberuflern sind gut oder sehr gut durch die Krise gekommen“

Birgit Kurz

Birgit Kurz, Geschäftsführerin des Instituts für Freie Berufe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Eine Branche, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurde, sind die Freien Berufe. „Wo es ganz dunkel aussieht, ist der Bereich der Freien Kulturberufe. Niemand weiß, wie es hier weitergeht“, beklagte Birgit Kurz. Die Sozialwirtin ist Geschäftsführerin des Instituts für Freie Berufe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie zitierte aus einer Studie ihres Instituts unter 3.500 Freischaffenden: Demnach hätten 24 Prozent der Befragten ihre Lage als existenzbedrohend angegeben.

Bei aller Sorge gebe es durchaus auch gute Nachrichten zu vermelden: Sieben von zehn Freiberuflern seien gut oder sogar sehr gut durch die Krise gekommen. Die Pandemie habe sich bei den Freien Berufen je nach Branche unterschiedlich ausgewirkt. Heilberufe, die auf Selbstzahler angewiesen seien, hätten es zum Beispiel sehr schwer. Auf der anderen Seite gab und gibt es während der Krise viele Neugründungen. Kurz verwies zum Beispiel auf die boomende IT-Branche. Aktuell würden fast so viele Beratungen zu Neugründungen stattfinden wie vor der Pandemie.

Scheele: „Wir haben zurzeit mehr Ausbildungsplätze als Bewerber“

Auch der Ausbildungsmarkt wurde hart von der Krise getroffen. Dennoch scheint sich die Lage hier nach Einschätzung von Scheele etwas entspannt zu haben. Es sei nicht so, dass Bewerber, die sich auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle an die Arbeitsagenturen wenden, keine Angebote erhielten. Es gebe zur Zeit sogar mehr Ausbildungsstellen als Bewerberinnen und Bewerber. Es seien nur oft nicht die Stellen, die den ersten Präferenzen der jungen Menschen entsprächen. Zudem bestünde kein ausreichender Kontakt der BA – und auch der Kammern und Innungen – zu den Schülerinnen und Schülern, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen.

Besorgt zeigte sich Scheele außerdem um solche Bewerberinnen und Bewerber, die direkt nach dem Abschluss keinen Ausbildungsplatz erhalten und dann mit den Absolventen des Folgejahrgangs konkurrieren müssen. Sie hätten es, so fürchtet der BA-Chef, schwerer als andere.

Dennoch sieht Scheele die Zukunft der dualen Ausbildung tendenziell optimistisch. Der Trend gehe immer stärker zu Fachschulausbildungen. Fachkräfte wie Erzieherinnen und Erzieher oder Pflegekräfte würden unbedingt gebraucht. Zugleich entscheiden sich immer mehr Jugendliche für diese Berufe. Dadurch könnten die Folgen der Corona-Krise auf dem Ausbildungsmarkt aufgefangen werden, so Scheele: „Mein Eindruck ist, dass wir das zu Beginn des nächsten Jahres halbwegs austariert haben werden.”

Ramb: „Wir tun immer so, als müsste Qualifizierung vom Staat subventioniert werden“

Weitgehend einig war sich die Runde darin, wo die zentralen Herausforderungen nach der Pandemie liegen. Wachsende Fachkräfteengpässe und die voranschreitende Digitalisierung erfordern flexible Anpassungsmaßnahmen und innovative Lösungen. Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt nach der Pandemie besser zu qualifizieren, sei nun essenziell, betonte Ramb. Während der Pandemie sei das aber oft gar nicht so einfach zu organisieren, gab Walwei zu bedenken. In der Kurzarbeit seien Beschäftigte meist nicht zu 100 Prozent freigestellt. Da sei es schwer, sich über einen längeren Zeitraum weiterzubilden.

Eine gewisse Kontroverse entzündete sich an der Frage, inwieweit die Weiterbildung von Beschäftigten staatlich gefördert werden soll, etwa über das Qualifizierungschancengesetz. „Wir tun immer so, als müsste Qualifizierung vom Staat subventioniert werden“, kritisierte Ramb. „Ich würde die Frage umdrehen und sagen: Wie kriegt man mehr Beschäftigte aus Gruppen dazu, sich zu qualifizieren, die das nicht ohnehin schon tun oder diese Möglichkeiten gemeinsam mit Ihrem Arbeitgeber in Anspruch nehmen?“

Walwei: „Wir haben es mit einer transformativen Rezession zu tun“

Porträtfoto von Dr. Ulrich Walwei

Prof. Dr. Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB

Nach Meinung von Walwei hat die Corona-Krise schonungslos gezeigt, wo Wirtschaft und Arbeitsmarkt vor große Herausforderungen und Zukunftsaufgaben gestellt sind. Er verwies unter anderem auf große Defizite im Bildungswesen und im Besonderen auf die zum Teil sehr schlechte Ausstattung der Schulen. Zugleich habe die Digitalisierung durch die Pandemie einen unglaublichen Schub erlebt. „Da müssen wir nachlegen. Deshalb sind Investitionen an der Stelle auch gute Investitionen“, folgerte Walwei. Nach seiner Einschätzung haben wir es bei der Corona-Krise mit einer transformativen Rezession zu tun. Als Beispiele nannte er die Veranstaltungsbranche sowie die Tatsache, dass Dienstreisen immer mehr ins Digitale verlegt werden: „Hier werden wir neue Geschäftsmodelle sehen. Das wird auf jeden Fall Umstrukturierungen nach sich ziehen“, sagte Walwei.

Ramb: „Corona hat einen Digitalisierungsschub in den Köpfen erzeugt“

Dass die Pandemie den Wandel beschleunigt, zeigt sich auch beim Thema Homeoffice. Ramb verwies an dieser Stelle auf Ergebnisse des IAB, denen zufolge die Arbeit im Homeoffice an vielen Stellen zu Effizienzsteigerung geführt habe. Corona habe nicht zuletzt einen Digitalisierungsschub in den Köpfen erzeugt, den es auch nach Corona zu verstetigen gelte.

Kurz sieht in der digitalen Transformation auch großes Potenzial für die Freien Berufe. Diese hätten sich schon flexibel an die Entwicklung angepasst und ihre Angebote ausgeweitet. „Ja, wir müssen die Digitalisierung weiter vorantreiben. Ich denke da gerade auch an die Architekten oder die Medizin“, zeigte sie sich überzeugt. Gespräche mit Patienten seien inzwischen ebenfalls gut digital durchführbar. Die Anwendungsbereiche seien vielfältig, und gerade in den ländlichen Bereichen müsse die entsprechende Infrastruktur ausgebaut werden.

Dennoch war sich die Runde über die Grenzen einer rein digitalen Arbeitswelt einig. Das persönliche Gespräch, der Austausch vor Ort bleibe auch in Zukunft unerlässlich.

 

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB und der Stadt Nürnberg ausgerichtet. Ein Video der Veranstaltung finden Sie auf dem YouTube-Kanal des IAB:

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https://www.youtube.com/watch?v=L4hQzhjDU1o

 

 

Bart, Jana (2021): Nürnberger Gespräche: Mit Wumms aus der Krise – was hat´s dem Arbeitsmarkt gebracht?, In: IAB-Forum 20. Mai 2021, https://www.iab-forum.de/nuernberger-gespraeche-mit-wumms-aus-der-krise-was-hats-dem-arbeitsmarkt-gebracht/, Abrufdatum: 27. Oktober 2021