Deutschland präsentiert sich derzeit als der ökonomische Kraftprotz Europas. Doch IAB-Chef Joachim Möller, der die „Nürnberger Gespräche“ 2/2016 im Historischen Rathaussaal eröffnete, warnte in seinem Impulsreferat: „Nichts ist so gefährlich wie trügerische Sicherheit, in der man sich wiegt.“ Wie würde Deutschland eine Neuauflage der Finanzkrise verkraften oder schlimmer noch: Was wäre, wenn die Geschäftsmodelle unserer Leitindustrien nicht mehr trügen? Wenn wir wichtige technologische Trends übersähen oder zu langsam darauf reagierten? Um diese Fragen ging es in der anschließenden Podiumsdiskussion, die diesmal von Uwe Ritzer, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, moderiert wurde.

IAB-Direktor Prof. Joachim Möller

Reformstau im wirtschaftspolitischen Bereich

Zu Beginn der Diskussion äußerten sich einige Diskutanten kritisch zur Regierungspolitik der vergangenen Jahre und konstatierten einen Reformstau im wirtschaftspolitischen Bereich, etwa mit Blick auf die demografische Herausforderung. Dem widersprach Eva Welskop-Deffaa, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand und eine der wenigen führenden Gewerkschafterinnen mit CDU-Parteibuch, entschieden. Mit dem Elterngeld samt Partnermonaten (anfangs diskreditiert als „Wickelvolontariat“), der Rente mit 67 („heiß umstritten“) und drei Pflegestärkungsgesetzen habe die Bundesregierung in den letzten drei Legislaturperioden sehr wohl starke Akzente einer demografieresponsiven Gesellschafts- und Sozialpolitik gesetzt.

Möller: „Nichts ist so gefährlich wie die trügerische Sicherheit, in der man sich wiegt“

Für Dr. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsführung von Pepperl + Fuchs, einem in der Automatisierungstechnik führenden Unternehmen, ist die gute wirtschaftliche Lage in Deutschland trotz der aus seiner Sicht zu stark gestiegenen Lohnkosten und des zu starren Kündigungsschutzes das Resultat niedriger Zinsen, eines schwachen Euro und des billigen Öls. Tatsächlich aber verlöre Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit, die Unternehmen würden international schon bald wieder unter Druck geraten, so Kegel. Demgegenüber rechtfertigten Professor Werner Widuckel, Inhaber der Audi-Lehrprofessur für Personalmanagement und Arbeitsorganisation in technologieorientierten Unternehmen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, und Eva Welskop-Deffa den stärkeren Anstieg der Löhne in den letzten Jahren. Es habe hier einen Nachholbedarf gegeben, konstatierte Widuckel, zudem stärke das Lohnwachstum den Binnenkonsum, was sich positiv auf die Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen auswirke.

Kegel: „Die gute wirtschaftliche Lage ist das Resultat niedriger Zinsen, eines schwachen Euro und des billigen Öls“

Über den Technologiestandort Deutschland diskutierten (von links):  Prof. Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Prof. Werner Widuckel, Inhaber der Audi-Lehrprofessur für Personalmanagement und Arbeitsorganisation an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Eva Welskop-Defaa, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand, Dr. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsführung von Pepperl + Fuchs und künftiger Präsident des „Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik“.

Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland

Bildung, da waren sich die Diskutanten einig, ist einer der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschlands. Denn schon heute zeichnen sich in wichtigen Teilbereichen deutliche Fachkräfteengpässe ab. In drei bis fünf Jahren, warnte Kegel, würden uns die Ingenieure fehlen. Handlungsbedarf besteht auch mit Blick auf die zu niedrige Zahl an erfolgreichen Unternehmensgründungen. Ein Problem: Deutsche Banken stellen vielfach zu wenig Wagniskapital zur Verfügung. Daher gründen deutsche Unternehmen – Beispiel Siemens – eigene Start-Ups innerhalb ihrer Firmen.

Gropp: „In Deutschland ist die Zahl der erfolgreichen Unternehmensgründungen zu niedrig“

Auch die Autoindustrie als klassische Erfolgsbranche der deutschen Wirtschaft, sieht sich mit Herausforderungen wie dem technologischen Wandel und dem Trend zur Elektromobilität konfrontiert.  Der vormalige Audi-Manager Widuckel sieht die Branche in einer „Kompetenzfalle“: Die deutschen Firmen seien bei der Entwicklung und Herstellung von Autos weltweit erfolgreich – und hätten daher die Notwendigkeit unterschätzt, neue Wege zu beschreiten.

Widuckel: „Die Autoindustrie steckt in der Kompetenzfalle“

Widuckel und Welskop-Deffaa fordern eine Weiterentwicklung der Autoindustrie hin zu einem Mobilitätsdienster. Damit werde die Zahl der Beschäftigten im klassischen Kernbereich der Autoindustrie drastisch schrumpfen, zugleich aber ein „Kranz“ von Mobilitätsdienstleistern entstehen, die neue Beschäftigung schaffen.

Auch die Frage, welche Rolle dem Staat bei der Gestaltung des technologischen Wandels zukommen soll, lässt sich am Beispiel der Autoindustrie trefflich diskutieren. So lehnte Prof. Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Subventionen wie die Prämie für Elektroautos ab, sprach sich aber dafür aus, dass der Staat mehr in die Infrastruktur für Elektromobilität investiert.

Auswirkungen des demografischen Wandels

„Ist eine alternde Gesellschaft noch in der Lage, neue Technologien zu absorbieren?“, zeigte sich der IWH-Chef besorgt – auch im Hinblick darauf, dass es meist eher jüngere Menschen seien, die ein neues  Unternehmen gründen. Kegel wiederum sagte, dass die Digitalisierung für zwei Drittel der Gesellschaft zu schnell ablaufe. Sie treffe zudem auf eine Welt, die durch die Globalisierung ohnehin schon verunsichert sei. Die demografische Alterung werfe zudem die Frage auf, wie der Wissenstransfer zwischen Älteren und Jüngeren in den Betrieben sichergestellt werden könne. Angesichts der guten Erfahrungen im eigenen Unternehmen regte Kegel an, altersgemischte Tandems zu bilden und die Älteren so lange wie möglich im Unternehmen zu halten, damit diese ihr Wissen an die Jüngeren weitergeben können.

Maly: „Die wichtigsten Tätigkeiten des Staates sind jene, die niemand tut, wenn der Staat sie nicht tut“

Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

In seinem traditionellen Schlusswort ging Nürnbergs Oberbürgermeister Maly auf die Rolle des Staates bei der Gestaltung des technologischen Wandels ein. So müsse der Staat intensiv Forschungsförderung betreiben und im Zweifelsfall Risikokapital bereitstellen. Keinen Sinn sieht das Stadtoberhaupt jedoch darin, dass der Staat beispielsweise Stromtankstellen baut oder finanziert, vermag er diesbezüglich doch keinen prinzipiellen Unterschied zu herkömmlichen Tankstellen zu erkennen. „Die wichtigsten Tätigkeiten des Staates sind jene, die niemand tut, wenn sie der Staat nicht tut“, brachte er sein Credo auf den Punkt.

 

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen.