Auch wenn die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im letzten Ausbildungsjahr 2019/2020 gesunken ist, hat sich die betriebliche Ausbildung  robuster als erwartet erwiesen. Angesichts der weiter anhaltenden Krise steht jedoch zu befürchten, dass sich die Situation im kommenden Ausbildungsjahr verschlechtern wird. Aktuelle Befunde einer Betriebsbefragung zeigen, dass insbesondere kleine Betriebe und Betriebe, die von der Krise besonders stark betroffen sind, ihr Angebot an Ausbildungsplätzen zurückfahren wollen.

Im Dezember 2020 hatten drei von zehn Betrieben in Deutschland nach eigenen Angaben stark unter der Covid-19-Krise zu leiden. Dies geht aus der IAB-Befragung „Betriebe in der Covid-19-Krise“ hervor. Damit haben sich die Einschätzungen der Betriebe, die sich im Sommer und Herbst des vorigen Jahres etwas verbessert hatten, zuletzt wieder verschlechtert. Eine mögliche Folge: Betriebe, deren Umsätze wegbrechen und die nicht wissen, wann und in welchem Umfang sie ihre Geschäftstätigkeit fortsetzen können, schränken ihr Ausbildungsplatzangebot unter Umständen ein.

Aufschlussreich sind hier die Ergebnisse, welche die genannte Betriebsbefragung noch im September 2020 zutage gefördert hatte: Demnach wirkte sich die Krise zum Teil auf die Besetzung von Ausbildungsplätzen im Ausbildungsjahr 2020/2021 aus – allerdings waren die Probleme zu dieser Zeit vorwiegend qualitativer Natur. So konnten die Betriebe damals ihre Lehrstellen nur unter erschwerten Bedingungen besetzen, unter anderem, weil Vorstellungsgespräche oder Praktika nicht wie gewohnt stattfinden konnten oder Ausbildungsmessen abgesagt oder virtuell organisiert werden mussten. Es kam jedoch vergleichsweise selten vor, dass Betriebe ihr Lehrstellenangebot aufgrund der Krise reduzierten.

Jeder dritte ausbildungsberechtigte Betrieb will im kommenden Ausbildungsjahr Lehrstellen besetzen

Auch im Dezember 2020 plante ein gutes Drittel der ausbildungsberechtigten Betriebe trotz der gegenwärtig schwierigen Lage, im Ausbildungsjahr 2021/2022 Ausbildungsplätze anzubieten. Allerdings wäre dieser Anteil ohne die Covid-19-Krise höher gewesen. Denn 7 Prozent der ausbildungsberechtigten Betriebe gaben an, dass sie für dieses Ausbildungsjahr geplant hatten, Ausbildungsplätze anzubieten, aufgrund der Krise jedoch darauf verzichten werden. Weitere 4 Prozent der ausbildungsberechtigten Betriebe wollen im Ausbildungsjahr 2021/2022 zwar Ausbildungsplätze besetzen, jedoch weniger als ursprünglich geplant. Es wurde nicht erhoben, in welchem Umfang die Betriebe ihr Ausbildungsplatzangebot reduzieren wollen.

Vor allem kleinere und krisengeschüttelte Betriebe schränken ihr Ausbildungsplatzangebot ein

Erwartungsgemäß verringern vor allem jene Betriebe ihr Lehrstellenangebot, die besonders stark unter der Krise zu leiden haben. Jeder vierte dieser Betriebe gibt an, sein Ausbildungsplatzangebot pandemiebedingt zurückfahren oder ganz einstellen zu wollen (bezogen auf die ausbildungsberechtigten Betriebe). Im Gastgewerbe sind es sogar 28 Prozent (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1 zeigt den Anteil der Betriebe an allen ausbildungsberechtigten Betrieben, die infolge der Corona-Krise weniger oder gar keine Ausbildungsplätze besetzen. Im Schnitt liegt der Anteil bei 10 Prozent. Besonders betroffen sind Kleinstbetriebe mit 14 Prozent, das Gastgewerbe mit 28 Prozent und Betriebe, die besonders stark von der Krise betroffen sind, mit 24 Prozent. Quelle: Betriebsbefragung „Betriebe in der Covid-19-Krise“. Welle 7, © IAB

Es passt daher ins Bild, dass eher kleinere Betriebe aufgrund der Krise weniger ausbilden wollen als ursprünglich geplant oder auf eine Ausbildung völlig verzichten. Während von den ausbildungsberechtigten Kleinstbetrieben (1 bis 9 Beschäftigte) 14 Prozent angeben, weniger auszubilden, sind es von den ausbildungsberechtigten Großbetrieben (250 und mehr Beschäftigte) nur 6 Prozent. Da Kleinstbetriebe oftmals ohnehin nicht mehr als eine Ausbildungsstelle anbieten, verwundert es nicht, dass sich diese im kommenden Ausbildungsjahr überdurchschnittlich häufig völlig aus der Ausbildung zurückziehen wollen, also gar keinen Ausbildungsplatz mehr zur Verfügung stellen.

Insbesondere unsichere Geschäftserwartungen, finanzielle Engpässe und die unzureichende Bewerberlage veranlassen die Betriebe, weniger Ausbildungsplätze anzubieten

Die Betriebe, die ihr Angebot an Ausbildungsplätzen im kommenden Ausbildungsjahr einschränken oder gänzlich einstellen wollen, wurden auch nach den konkreten Gründen hierfür gefragt. 93 Prozent der betroffenen Betriebe begründen dies mit unsicheren Geschäftserwartungen, 71 Prozent geben finanzielle Gründe an.

Andere Faktoren folgen mit großem Abstand. So gibt ein Drittel der Betriebe an, dass die räumlichen und personellen Kapazitäten absehbar nicht ausreichen werden, um Auszubildende wie geplant zu betreuen. Ebenfalls ein Drittel führt ins Feld, dass sich die Rekrutierung von Auszubildenden derzeit schwierig darstellt, etwa weil aufgrund der Kontaktbeschränkungen keine Ausbildungsmessen oder Praktika stattfinden oder Ausbildungsmessen und Bewerbungsgespräche virtuell stattfinden müssen.

Nicht genügend qualifizierte Bewerbungen erwarten schließlich 31 Prozent der Betriebe. Hier spielt auch die Tatsache ein Rolle, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber für einen Ausbildungsplatz sowohl im letzten Ausbildungsjahr als auch bislang für das kommende Ausbildungsjahr zurückgegangen ist.

Abbildung 2 zeigt, warum Betriebe im Ausbildungsjahr 2021/2022 weniger Ausbildungsplätze anbieten wollen als ursprünglich geplant. 93 Prozent dieser Betriebe geben als Grund unsichere Geschäftserwartungen an, 71 Prozent finanzielle Gründe. Fehlende räumliche und personelle Kapazitäten, Rekrutierungsschwierigkeiten und zu wenig qualifizierte Bewerbungen werden von jeweils etwa einem Drittel der betroffenen Betriebe angeführt. Quelle: Betriebsbefragung „Betriebe in der Covid-19-Krise“. Welle 7, © IAB

Fazit

Den Ergebnissen der hier zugrunde gelegten Betriebsbefragung zufolge könnte jeder zehnte ausbildungsberechtigte Betrieb aufgrund der Covid-19-Krise im kommenden Ausbildungsjahr weniger Ausbildungsplätze besetzen. Hierbei handelt es sich insbesondere um kleinere Betriebe sowie um Betriebe, die stark unter der Krise leiden. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass das Angebot an Ausbildungsplätzen auch wegen der aktuellen Schwierigkeiten, geeignete Bewerberinnen und Bewerber zu finden, zurückgeht.

Die betroffenen Betriebe befinden sich in einem Dilemma: Einerseits fällt es ihnen angesichts ihrer finanziellen Lage und der wirtschaftlichen Unsicherheit derzeit schwer, ihr bisheriges Ausbildungsengagement aufrechtzuerhalten. Andererseits könnten ihnen mittel- bis langfristig genau deswegen Fachkräfte fehlen. Denn diese werden sie benötigen, um nach der Krise ihre Geschäftstätigkeit wieder in vollem Umfang aufnehmen zu können.

Aber auch die Jugendlichen selbst werden die negativen Konsequenzen eines geringeren Ausbildungsplatzangebots zu tragen haben. Nach Vorausschätzungen der Kultusministerkonferenz wird die Zahl der Absolventinnen und Absolventen allgemeinbildender Schulen in diesem Jahr leicht steigen. Zudem dürfte die Zahl der Ausbildungssuchenden laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit zunehmen.

Andererseits ist die Anzahl der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber für einen Ausbildungsplatz von Oktober 2020 bis Januar 2021 um 11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, wie die aktuelle Ausbildungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit ausweist. Daher könnte die Zahl der Ausbildungssuchenden im übernächsten Ausbildungsjahr stark steigen.

Steht in diesem oder im folgenden Ausbildungsjahr einer wachsenden Zahl an Bewerberinnen und Bewerbern eine geringere Anzahl an Lehrstellen gegenüber, verringern sich jedoch die Chancen für den Einzelnen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Das dürfte vor allem Schülerinnen und Schüler mit keinem oder niedrigem Schulabschluss treffen. Sie tun sich in Krisenzeiten oftmals besonders schwer, eine Lehrstelle zu finden.

Um Betriebe in ihren Ausbildungsbemühungen zu unterstützen und die Chancen der Jugendlichen, eine Ausbildung zu beginnen, zu erhöhen, hat die Bundesregierung das Programm „Ausbildungsplätze sichern“ aufgelegt (lesen Sie dazu auch einen aktuellen Beitrag im IAB-Forum). Dadurch werden zum jetzigen Zeitpunkt aber nur Ausbildungsverhältnisse gefördert, die bis zum 15. Februar 2021 beginnen. Die Pläne von Bundesarbeitsminister Heil, im März dieses Jahres eine erneute und verbesserte Ausbildungsprämie aufzulegen, decken sich daher grundsätzlich mit der Einschätzung des IAB.

Abschließend sei angemerkt, dass die hier präsentierten Befunde nur eine Momentaufnahme darstellen. Sie spiegelt die Situation im Dezember des vergangenen Jahres wider. Je nachdem, wie sich die Krise weiterentwickelt, werden die Betriebe ihre Ausbildungspläne möglicherweise noch anpassen und mehr oder weniger Lehrstellen bereitstellen, als derzeit absehbar ist. Darüber hinaus ist nicht auszuschließen, dass krisenbetroffene Betriebe überproportional häufig an der Befragung teilgenommen haben. Die hier dargestellten Werte sind somit möglicherweise leicht überschätzt.

Literatur

Bellmann, Lutz; Fitzenberger, Bernd; Gleiser, Patrick; Kagerl, Christian ; Kleifgen, Eva; Koch, Theresa; König, Corinna ; Leber, Ute; Pohlan, Laura; Roth, Duncan; Schierholz, Malte ; Stegmaier, Jens; Aminian , Armin (2021): Die Mehrheit der förderberechtigten Betriebe wird das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ nutzen. In: IAB-Forum vom 22.2.2021.

Bellmann, Lutz; Fitzenberger, Bernd; Kagerl, Christian; Koch, Theresa; König, Corinna; Leber, Ute; Schierholz, Malte; Stegmaier, Jens; Aminian, Armin (2020): Betriebliche Ausbildung trotz Erschwernissen in der Covid-19-Krise robuster als erwartet. In: IAB-Forum vom 5.11.2020

Bellmann, Lutz; Kagerl, Christian; Koch, Theresa; König, Corinna; Leber, Ute; Schierholz, Malte; Stegmaier, Jens; Aminian, Armin (2020): Was bewegt Arbeitgeber in der Krise? Eine neue IAB-Befragung gibt Aufschluss. In: IAB-Forum vom 25.9.2020.

Bundesagentur für Arbeit Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung (2021): Arbeitsmarkt kompakt – Der Ausbildungsmarkt zu Beginn des Beratungsjahres 2020/21, Januar 2021

Bundesagentur für Arbeit Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung (2020): Arbeitsmarkt kompakt – Situation am Ausbildungsmarkt, Oktober 2020.

Bellmann, Lutz; Fitzenberger, Bernd; Gleiser, Patrick; Kagerl, Christian ; Kleifgen, Eva; Koch, Theresa; König, Corinna ; Leber, Ute; Pohlan, Laura; Roth, Duncan; Schierholz, Malte ; Stegmaier, Jens; Aminian , Armin (2021): Jeder zehnte ausbildungsberechtigte Betrieb könnte im kommenden Ausbildungsjahr krisenbedingt weniger Lehrstellen besetzen, In: IAB-Forum 22. Februar 2021, https://www.iab-forum.de/jeder-zehnte-ausbildungsberechtigte-betrieb-koennte-im-kommenden-ausbildungsjahr-krisenbedingt-weniger-lehrstellen-besetzen/, Abrufdatum: 21. Oktober 2021