Auswertungen des Nationalen Bildungspanels belegen: Ein substanzieller Anteil an formal Geringqualifizierten weist überdurchschnittlich hohe Kompetenzwerte etwa in den Bereichen Lesen sowie Informations- und Kommunikationstechnologie auf. Tatsächlich scheinen Grundkompetenzen keineswegs nur mit formalen Qualifikationen, sondern auch mit anderen Faktoren zusammenzuhängen.

In Deutschland ist etwa ein Siebtel der Bevölkerung im Alter zwischen 28 und 72 Jahren formal geringqualifiziert, besitzt also keinen formalen Berufsabschluss. Während 82 Prozent bereits mit der Erstausbildung einen berufsqualifizierenden Abschluss erworben hatten, starteten die verbleibenden 18 Prozent ohne einen solchen Abschluss als Geringqualifizierte ins Erwerbsleben. Allerdings haben gut 3 Prozent einen formalen Berufsabschluss nachgeholt („Qualifizierte durch Weiterbildung“). Das zeigen Auswertungen mit dem Nationalen Bildungspanel für das Jahr 2015/16.

Jüngere Frauen sind im Schnitt höher qualifiziert als ältere Frauen

Frauen sind im Schnitt häufiger formal geringqualifiziert als Männer: Insgesamt gelten fast 9 Prozent der Frauen als geringqualifiziert, bei den Männern sind es etwa 5 Prozent. Die altersspezifischen Unterschiede sind allerdings beträchtlich (siehe Abbildung 1): Bei den über 65-Jährigen sind etwa 16 Prozent der Frauen, aber nur 5 Prozent der Männer geringqualifiziert. Bei den Altersgruppen unter 35 Jahren hingegen übersteigt der Anteil der geringqualifizierten Männer den der Frauen.

Abbildung 1: Anteil Geringqualifizierter innerhalb der jeweiligen Altersgruppe, 2015/16

Da formal Geringqualifizierte keinen berufsqualifizierenden Abschluss erworben haben, liegt die Frage nahe, ob dies im Zusammenhang mit unzureichenden Grundkompetenzen stehen könnte. Hierzu wurden die gemessenen Kompetenzen in fünf Niveaus unterteilt und die Verteilungen der Lesekompetenzen Geringqualifizierter mit den Lesekompetenzen Formalqualifizierter verglichen.

Formalqualifizierte umfassen Personen, die sich durch einen erfolgreichen Abschluss im Rahmen der Erstausbildung beziehungsweise durch erfolgreiche Teilnahme an formaler Weiterbildung qualifiziert haben. Zugleich wurde zwischen erwerbstätigen und nicht erwerbstätigen Personen unterschieden (siehe Abbildung 2). Dabei zeigt sich: In der Gruppe der Formalqualifizierten sind die Lesekompetenzen bei den Erwerbstätigen höher als bei Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung keiner Erwerbstätigkeit nachgingen. Dort sind 44 Prozent der beiden Gruppen mit niedrigen und niedrigsten Kompetenzen zugeordnet, bei den Erwerbstätigen sind es nur 37 Prozent.

Abbildung 2: Verteilung der Lesekompetenz nach Erwerbsstatus

Bei den geringqualifizierten Erwerbstätigen, also denjenigen, die über keinen Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf verfügen, sind 47 Prozent den beiden niedrigsten Kategorien zugeordnet. Bei Geringqualifizierten, die arbeitslos beziehungsweise nicht erwerbstätig sind, liegt der entsprechende Wert bei 55 Prozent. Umgekehrt bedeutet dies, dass ein erheblicher Teil der Geringqualifizierten, nämlich 53 Prozent der Erwerbstätigen und 45 Prozent der Nichterwerbstätigen, über mittlere, überdurchschnittlich hohe oder sogar höchste Grundkompetenzwerte im Bereich Lesen verfügt.

Jüngere verfügen über deutlich höhere Kompetenzen im IKT-Bereich als Ältere

Neben der Kompetenzausstattung im Bereich Lesen werden in Zeiten der Digitalisierung auch die Kompetenzen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) immer bedeutender. In Abbildung 3 ist die einschlägige Kompetenzverteilung nach Altersgruppen dargestellt. Dabei zeigt sich das zu erwartende Bild: Jüngere weisen im Umgang mit diesen Technologien deutlich höhere Kompetenzen auf als Ältere. Bei den unter 30-Jährigen verfügen 86 Prozent über durchschnittliche, hohe und höchste Werte, während über 60 Prozent der über 64-Jährigen in diesem Bereich nur über geringe oder sehr geringe Kompetenzen verfügen.

Abbildung 3: Verteilung der Kompetenzen in der Informations- und Kommunikationstechnologie nach Altersgruppem

Auch bei der Verteilung der IKT-Kompetenzen nach formalem Qualifikationsstatus zeigen sich beträchtliche Unterschiede (siehe Abbildung 4). So verfügen 55 Prozent der Geringqualifizierten nur über niedrigste oder niedrige Kompetenzen in diesem Bereich. Dieser Anteil ist weit höher als bei Personen, die sich durch den erfolgreichen Abschluss ihrer Erstausbildung (38%) oder durch formale Weiterbildung (33%) qualifiziert haben.

Abbildung 4: Verteilung der KOmpetenzen in der Informations- und Kommunikationstechnologie nach Qualifikationsstatus

Ungeachtet der hier präsentierten Unterschiede bei der Ausstattung mit Grundkompetenzen ist die Wirkungsrichtung unklar. So könnten einerseits unzureichende Lesefertigkeiten einem berufsqualifizierenden Abschluss im Wege stehen. Andererseits könnten durch die Berufsausbildung selbst Lesekompetenzen vermittelt werden.

An dieser Stelle setzt seit August 2016 auch die aktive Arbeitsmarktpolitik an: Geringqualifizierte, die sich aufgrund unzureichender Grundkompetenzen schwertun, eine geförderte Berufsausbildung erfolgreich abzuschließen, können seitdem an einer vorgeschalteten Fördermaßnahme teilnehmen, welche ihnen fehlende Grundkompetenzen vermittelt.

Unzureichende Lesekompetenzen könnten sich aber auch negativ auf die informellen Weiterbildungsaktivitäten der Betroffenen auswirken. Möglicherweise könnten Fördermaßnahmen zur Verbesserung der Lesefähigkeit auch hier die Weiterbildungsbeteiligung erhöhen.

Fazit

Geringqualifizierten haftet nicht selten das Stigma an, dass es ihnen an grundlegenden Fähigkeiten mangelt. Dieses Vorurteil trifft, jedenfalls in dieser Pauschalität, nicht zu. Denn ein erheblicher Anteil an Geringqualifizierten ist mitnichten arm an Grundkompetenzen. Zudem scheint die Ausstattung mit Grundkompetenzen nicht nur mit formaler Qualifikation, sondern auch mit anderen Faktoren zu korrelieren. So gibt es beispielsweise einen Zusammenhang zwischen Lesekompetenz und Erwerbsstatus oder zwischen IKT-Kompetenzen und Alter. Wenn solch unzureichende Grundkompetenzen einem berufsbildenden Abschluss oder einer Weiterbildung im Wege stehen, aber auch nachhaltig verbessert werden können, dann sollte die Arbeitsmarktpolitik mit vorgeschalteten Fördermaßnahmen gegensteuern.

Literatur

Kruppe, Thomas; Baumann, Martina (2019): Weiterbildungsbeteiligung, formale Qualifikation, Kompetenzausstattung und Persönlichkeitsmerkmale. IAB-Forschungsbericht Nr. 1, Nürnberg.

 

Nationales Bildungspanel

Das Nationale Bildungspanel wird vom Leibniz Institut für Bildungsverläufe (LifBi) in Bamberg bereitgestellt. In den hier verwendeten Daten der Welle 8, Startkohorte 6 (doi:10.5157/NEPS:SC6:8.0.0.) sind die Personen zwischen 28 und 72 Jahre alt. Bei den Auswertungen wurde auf die vom LifBi bereitgestellten Gewichte zurückgegriffen. Die Kompetenzauswertungen erfolgen unter der Verwendung der Maximum Likelihood Estimators.

 

Baumann, Martina; Kruppe, Thomas (2018): Grundkompetenzen – nicht nur eine Frage der formalen Qualifikation, In: IAB-Forum 28. Dezember 2018, https://www.iab-forum.de/grundkompetenzen-nicht-nur-eine-frage-der-formalen-qualifikation/, Abrufdatum: 23. Juli 2019