Für die Berechnung der hier vorgestellten Befunde fiskalischer Wirkungen auf Haushaltsebene wurde das IAB-Mikrosimulationsmodell (IAB-MSM) genutzt (Arntz et al. 2007). Dieses Modell simuliert für eine Stichprobe von Haushalten aus dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) Steuern und Abgaben sowie Ansprüche auf die Sozialleistungen (ausführliche Dokumentationen des SOEP bieten unter anderem Wagner et al. (2007) und Goebel et al. (2018)). Ausgangspunkt sind dabei die Bruttoeinkommen aller Haushaltsmitglieder. Einkommen aus Löhnen, Renten und selbstständiger Tätigkeit sowie Mieten und Konsumentenpreise werden in das aktuelle Jahr fortgeschrieben. Durch geeignete Gewichtungsfaktoren kann man die auf Basis der Stichprobe ermittelten Er­gebnisse auf die deutsche Wohnbevölkerung hochrechnen. Allen im Modell abgebildeten Steuern und Transfers ist der aktuelle Rechtsstand zugrunde gelegt.

Das IAB-MSM wird in der Politikberatung und Forschung genutzt, um Reformvorschläge oder konkrete Gesetzesänderungen, hauptsächlich im Niedrigeinkommensbereich, zu evaluieren. Ziel ist es, Auswirkungen auf das Arbeitsangebot, die öffentlichen Haushalte und das mögliche Transfereinkommen privater Haushalte zu ermitteln. Hierfür werden für jeden Haushalt, ausgehend von im SOEP referierten Bruttoeinkommen, zu zahlende Abgaben sowie der Anspruch auf bedarfsgeprüfte und nicht bedarfsgeprüfte Sozialleistungen simuliert, so dass am Ende das verfügbare Einkommen jedes Haushalts im Status quo und den Reformszenarien bestimmt werden kann.

Das IAB-Mikrosimulationsmodell enthält zudem statistische Modelle, um die Nicht-Inanspruchnahme von Sozialleistungen und mögliche Arbeitsangebotsreaktionen zu berücksichtigen. Anhand eines statistischen Modells können die Simulationsergebnisse um die Inanspruchnahme von Leistungen nach dem SGB II (Wohngeld und Kinderzuschlag) korrigiert werden (Pudney et al. 2006). Ein mikroökonometrisches Arbeitsan­gebotsmodell erlaubt es, durch Reformen hervorgerufene Verhaltensreaktionen der Haushalte abschätzen zu können (van Soest 1995). In dem Modell entscheidet ein Haushalt entsprechend seiner Präferenzen hinsichtlich „Freizeit“ (Zeit, die nicht für Erwerbsarbeit aufgebracht wird) und Konsum (verfügbares Haushaltseinkommen) über die Erwerbsbeteili­gung und die angebotenen Arbeitsstunden pro Woche. Da u.a. bei Nichterwerbstätigen der Lohn nicht beobachtet werden kann, wird dieser in einem vorgelagerten Schritt aus einer selektionskorrigierten Lohnregression (Heckman 1979) geschätzt. Beobachtete Nicht-Inanspruchnahme ermöglicht es, die Kosten des Leistungsbezugs zu quantifizieren. Die nutzenmaximierende Entscheidung über Arbeitsangebot und Inanspruchnahme wird anschlie­ßend mit einem konditionalen Logit-Modell abgebildet. Außerdem verfügt das IAB-MSM über die Möglichkeit, sowohl Arbeitsangebotsreaktion als auch die Nicht-Inanspruchnahme gemeinsam zu berücksichtigen. Da Arbeitsangebot und Inanspruchnahme wechselseitig voneinander abhängen, ist es notwendig beide Entscheidungen simultan zu modellieren (Brewer et al. 2006).

Die Ergebnisse der Simulationsrechnungen stellen die Differenz zwischen einer Basissimulation und den Reformszenarien dar.

 

Literatur

Arntz, M.; Clauss, M.; Kraus, M.; Schnabel, R.; Sperrmann, A.; Wiemers, J. (2007): Arbeitsangebotseffekte und Verteilungswirkungen der Hartz-IV-Reform. IAB-Forschungsbericht Nr. 10.

Brewer, M.; Duncan, A.; Shephard, A.; Suarez, M.J. (2006): Did working families’ tax credit work? The impact of in-work support on labour supply in Great Britai. In: Labour Economics, 13, S. 699-720.

Goebel, J.; Grabka, M.; Liebig, S.; Kroh, M.; Richter, D.; Schröder, C.; Schupp, J. (2018): The German Socio-Economic Panel (SOEP). In: Journal of Economics and Statistics, S.1-16.

Heckman, J. (1979): Sample selection Bias as a Specification Error. In: Econometrica, 47, S. 153-161.

Pudney, S.; Hancock, R.; Sutherland, H. (2006): Simulating the Reform of Means-tested Benefits with Endogenous Take-up and Claim Costs. In: Oxford Bulletin of Economics and Statistics, Vol. 68(2), S. 135-166.

Van Soest, A. (1995): Structural Models of Family Labor Supply – A Discrete Choice Approach. In: The Journal of Human Resources, 30(1), S. 63–88.

Wagner, G. G., J. R. Frick, J. Schupp (2007): The German Socio-Economic Panel Study (SOEP): Scope, Evolution and Enhancements. In: Schmollers Jahrbuch 127(1), S. 139-170.