Die deutsche Wirtschaft befindet sich in der Erholungsphase. Die Lockerungen und die staatlichen Hilfsmaßnahmen zeigen Wirkung, denn insbesondere die Binnenwirtschaft zieht an. Abwärtsrisiken entstehen durch das außenwirtschaftliche Umfeld, das weitere Infektionsgeschehen und eine mögliche Insolvenzwelle.

Nach dramatischen Einbrüchen in allen Bereichen im März und April, stabilisiert sich die Wirtschaft allmählich wieder. Das macht sich vor allem beim Binnenkonsum bemerkbar: Der Einzelhandel konnte mit einem satten Umsatzplus vom Ende der Lockerungsmaßnahmen profitieren. Auch die deutschen Exporte konnten erneut etwas zulegen. Dennoch liegt der Indikator für die Exporterwartungen immer noch im Minus. Entsprechend zurückhaltend zeigen sich auch weiterhin Investoren. Der Arbeitsmarkt sendet nun wieder positive Signale: Im Juli ist die Arbeitslosigkeit nicht weiter gestiegen.

Einen Dämpfer könnte diese langsame Erholung durch die Entwicklung in anderen Ländern erfahren. So sind die Konjunkturerwartungen für die Eurozone immer noch getrübt. In vielen EU-Ländern entstehen derzeit neue Corona-Hotspots und auch in den USA drohen steigende Infektionszahlen neue Lockdown-Maßnahmen zu provozieren.

Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft erholt sich nur langsam. Zwar ist die Industrieproduktion in der EU im Mai um 11,4 Prozent gestiegen. Aber sowohl die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage als auch die Konjunkturerwartungen für die Eurozone sind noch immer getrübt und haben sich am aktuellen Rand auch nur wenig verbessert. Das Vereinigte Königreich wächst ebenfalls nur langsam, hinzu kommen hier die Risiken aus den ausstehenden Verhandlungen über die Handelsabkommen. In den USA hat die Industrieproduktion ebenfalls wieder angezogen und auch die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Allerdings steigt dort das Risiko neuerlicher Eindämmungsmaßnahmen aufgrund sehr hoher Infektionszahlen. Chinas Wirtschaftsentwicklung weist nach oben: Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 3,2 Prozent gewachsen.

Außenhandel

Der Außenhandel ist durch diese geringe Konjunkturdynamik noch immer massiv beeinträchtigt. Nach dem starken Einbruch der deutschen Exporte im März und April legten diese im Mai nur geringfügig zu. Auch die Importe stiegen nur marginal. Im Juni erholten sich die Exporterwartungen zwar erneut etwas, der Indikator liegt aber noch immer im Minus. Lediglich die Pharmaindustrie konnte in den vergangenen Monaten ein deutliches Exportplus erzielen. Der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe konnte im Mai um 10,4 Prozent gegenüber dem April-Wert zulegen, der Produktionsindex um 7,8 Prozent. Allerdings waren beide Kennzahlen im März und April enorm zurückgegangen und befinden sich noch immer deutlich unter Vorkrisenniveau.

Investitionen

Die Entwicklung bei den Investitionen bleibt verhalten. Sowohl die Umsätze als auch die Auftragseingänge der Investitionsgüterproduzenten nahmen im Mai wieder zu. Das Niveau ist aber noch immer niedrig. Auch die Geschäftslage wird weiterhin schlecht bewertet. Die Erwartung an die zukünftige Entwicklung hellte sich im Juli hingegen erneut auf. Die Baubranche, die sich bislang etwas robuster zeigte, gibt am aktuellen Rand nach. So nahm die Produktion im Bauhauptgewerbe im Mai nur moderat zu, der Auftragseingang ging sogar um 5,7 Prozent zurück.  Die Erholung des Geschäftsklimaindex der Unternehmen im Bauhauptgewerbe fällt im Juli unterdurchschnittlich aus.

Konsum

Der Konsum erholt sich weiter. Nachdem die Umsätze im Einzelhandel im April durch die Eindämmungsmaßnahmen um 6,5 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken waren, konnten diese im Mai dank der Lockerungen um satte 13,9 Prozent zunehmen. Dies könnte ein einmaliger Nachholeffekt sein.  Aber die Mehrwertsteuersenkung, die im Juli in Kraft getreten ist, dürfte den Konsum weiter stützen.  Dies zeigt sich auch am Konsumklima, das sich zwar noch im Minus befindet, aber zum zweiten Mal in Folge deutlich zugelegt hat. Die Indizes zur Einschätzung der Konsumgüterproduzenten in Bezug auf die Geschäftslage und auf die künftige Entwicklung sind erstmalig wieder positiv.

Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt sendet wieder positivere Signale. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit hat sich im Juli nicht fortgesetzt, die Unterbeschäftigung ist nur leicht gestiegen. Die Einstellungsdynamik ist noch immer verringert. Die Zahl offener Stellen scheint sich auf niedrigerem Niveau zu stabilisieren, sie ist im Juli nur noch wenig gesunken. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer legte diesen Monat kräftig zu und weist einen Stand von 97,8 Punkten aus. Angesichts der Dimension des wirtschaftlichen Schocks zeigt sich die Arbeitsmarktentwicklung damit verhältnismäßig robust.

Bauer, Anja; Weber, Enzo (2020): Einschätzung des IAB zur wirtschaftlichen Lage – Juli 2020, In: IAB-Forum 30. Juli 2020, https://www.iab-forum.de/einschaetzung-des-iab-zur-wirtschaftlichen-lage-juli-2020/, Abrufdatum: 28. September 2020