Doktortitel, Mutter von drei Kindern, politisch aktiv, beruflich erfolgreich: All das zeichnet Sandra Huber aus. Mit großer Beharrlichkeit setzt sie sich für Themen ein, die ihr am Herzen liegen – egal ob in ihrer Freizeit oder beruflich. Ein Porträt über eine Frau, die nicht nur im IAB für Impulse sorgt.

Sandra Huber tritt bescheiden auf, beinahe unauffällig. Das flammende Plädoyer, das schneidige Statement liegen ihr fern. Sie redet ruhig, wägt ihre Worte. Fakten statt Furor, Analyse statt Attacke, denken statt dampfplaudern. Das mögen ideale Voraussetzungen für die Arbeit in einem Forschungsinstitut sein. Doch kann eine Frau wie sie damit auch in der Politik reüssieren – zumal dort halbgare Versprechungen mitunter mehr Erfolg zu verheißen scheinen als handfeste Fortschritte? Sandra Huber hat es versucht und kandidierte im März 2020 für das Amt der Bürgermeisterin im oberfränkischen Pegnitz, wo sie mit ihrer Familie wohnt.

Der beschauliche Ort liegt in einer ländlichen, eher konservativ geprägten Region gut 50 Kilometer nördlich von Nürnberg. Entsprechend groß ist der Kontrast zur mittelfränkischen Metropole und ihrem Arbeitsumfeld im IAB. Dort hat sie als Koordinatorin eines international ausgerichteten Graduiertenkollegs, in dem selbstverständlich meist auf Englisch kommuniziert wird, regelmäßigen Kontakt zu talentierten Nachwuchsforscherinnen und -forschern aus aller Welt.

Doch mit der Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses endet ihr Engagement am IAB mitnichten. Umwelt- und Klimaschutz waren ihr schon lange vor „Fridays for Future“ ein Herzensanliegen – ein Anliegen, für das sie inzwischen auch im IAB kämpft.

Es ist ein trüber Oktobertag, Corona schlägt auf die Stimmung, der zweite Lockdown steht unmittelbar bevor. Sandra Huber sitzt im Homeoffice und erzählt via Skype von ihrem Werdegang, ihrem politischen Engagement, ihrem Einsatz für mehr Gleichstellung – und warum Corona es für sie schwieriger macht, all das unter einen Hut zu bekommen.

Das Projekt „Doktortitel“ und warum sie nicht in der Forschung bleiben wollte

Zunächst schien ihr Weg sie direkt in die Welt der Wissenschaft zu führen. Im Jahr 2000 schloss Sandra Huber ihr Studium der Politikwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg ab und trat anschließend eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Soziologie an, wo sie in den folgenden Jahren an ihrer Promotion arbeitete.

In ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit dem Internet „als Erweiterung des politischen Kommunikationsraums“. Mit dieser Themenwahl bewies sie ungeahnte Weitsicht. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass es einem US-Präsidenten gelingen könnte, unzählige Fake News über Twitter zu verbreiten und dennoch eine riesige Anhängerschaft hinter sich zu versammeln?

Einfach ist das Promovieren bekanntlich ohnehin nicht, für Sandra Huber galt dies jedoch gleich in mehrfacher Hinsicht. Während der Promotionsphase bekam sie zwei ihrer drei Kinder, hielt der Doppelbelastung aber dennoch stand. 2009 hielt sie den begehrten Doktortitel schließlich in Händen. Ganz wollte sie sich der Wissenschaft dennoch nicht verschreiben. Der Grund, so bekennt sie, war die Familie: „Da ich während meiner Promotion zwei Kinder bekommen habe, fand ich es dann wirklich schwierig, in der Forschung zu bleiben, weil die Projekte immer sehr langfristig sind.“

Gleichwohl wollte sie ihre Verbindungen zur Wissenschaft nicht gänzlich kappen. 2009 begann die frisch promovierte Diplom-Politologin ihre Karriere am IAB als Koordinatorin des gemeinsamen Graduiertenprogramms mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in Teilzeit. Dank ihrer eigenen Erfahrungen konnte sie den Promovierenden, von denen viele die Promotion als schier endlosen akademischen Hürdenlauf erleben, mit Rat und Tat zur Seite stehen.

 „Mir war gar nicht bewusst, wie stark das IAB den politischen Meinungsbildungsprozess beeinflusst“

Der nächste Karriereschritt führte sie 2013 zur Institutsleitung. Erst als Referentin, sagt sie im Rückblick, habe sie einen Eindruck über die Vielfalt der Themen bekommen, die am IAB bearbeitet werden. Damals sei ihr auch erstmals bewusst geworden, wie stark die Forschung am IAB den politischen Meinungsbildungsprozess beeinflusst.

2017 übernahm sie erneut die Funktion als GradAB-Koordinatorin. Zusätzlich unterstützt sie in der Personalabteilung auch andere Promovierende am IAB und betreut beispielsweise das interne Netzwerk für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler. „Mir macht es Spaß, junge Menschen in einer so spannenden Phase ihres Lebens zu unterstützen und zu sehen, wie erfolgreich sie sind“, sagt sie mit Blick auf ihre „GradABs“, wie die Teilnehmenden des Graduiertenkollegs IAB-intern häufig genannt werden. Nicht zuletzt angesichts ihrer eigenen Erfahrungen möchte sie insbesondere Frauen den mitunter schwierigen Weg zu einer wissenschaftlichen Karriere ebnen.

Dieser Weg ist durch Corona nicht eben einfacher geworden. Gerade das in der Wissenschaft so wichtige Netzwerken habe durch die Pandemie arg gelitten, so Huber. Der persönliche, informelle Austausch mit anderen Forscherinnen und Forschern, etwa am Rande einer Konferenz, liefere häufig wichtige Impulse für die eigene Arbeit. In Zeiten, in denen Veranstaltungen fast nur noch virtuell stattfinden, ist dieser Austausch aber kaum mehr möglich, beklagt Huber ein Problem, mit dem sich derzeit wohl viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konfrontiert sehen.

Von der einzigen grünen Stadträtin zur zweiten Bürgermeisterin von Pegnitz

Sandra Huber steht auf einem kleinen Hügel. Um sie herum erstrecken sich Felder, dichter Wald und viel Wiese. Huber erkundet mit ihrer Familie häufig die schöne Umgebung rund um Pegnitz. Ihre Wahlheimat liegt ihr am Herzen, weil dort Menschen leben, die ihre Werte teilen, sagt sie in einem Imagevideo für den Kommunalwahlkampf 2020.

Huber ist seit 2011 Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Den Ausschlag gab die Reaktorkatastrophe in Fukushima. „Der Atomausstieg war ein wichtiges Thema für mich und ein Ziel, das die Grünen ja im Prinzip schon von Anfang an verfolgt haben. Deshalb wollte ich die Grünen unterstützen“, erklärt sie. 2014 wurde sie als einzige „grüne“ Stadträtin in den Pegnitzer Stadtrat gewählt. Dort engagierte sie sich vor allem für den Natur- und Klimaschutz. So kämpfte sie gegen den zunehmenden Flächenfraß, der in vielen bayerischen Gemeinden um sich greift.

Im vergangenen Jahr schickte sie die Partei als Kandidatin für das Amt der ersten Bürgermeisterin ins Rennen. „Machen statt meckern“, das ist ihr Vorsatz und Motivation zugleich. Zwar hat es für das oberste Amt in Pegnitz letztendlich nicht ganz gereicht. Gleichwohl gestaltet sie die Geschicke der Kleinstadt nunmehr als zweite Bürgermeisterin mit. 2020 wurde sie auch in den Kreistag Bayreuth gewählt.

Nach der Wahl ist mitten im Lockdown

Ihre ersten Tage als zweite Bürgermeistern hatte sich Sandra Huber anders vorgestellt: Kaum im Amt, wartete mit Corona schon die erste große und bis heute andauernde Herausforderung auf sie.

Just zu der Zeit, als sie ihr Amt antrat, begann der erste Lockdown. Huber erinnert sich: „Normalerweise sitzt man nach der Wahl zusammen mit dem Wahlkampfteam und feiert ein bisschen, aber das war dann leider nicht mehr möglich.“ Und dann? Keine Vereinssitzungen, kaum Sommerfeste, nur sehr wenige Veranstaltungen. Damit bieten sich kaum mehr Möglichkeiten mit den Menschen vor Ort persönlich ins Gespräch zu kommen. „Diesen direkten Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern vermisse ich sehr“, gesteht Huber.

Zugleich beschwor das Virus schwierige Entscheidungen herauf. Beispielsweise, ob man im Sommer die Schwimmbäder aufmachen solle, oder wann die Turnhallen wieder geöffnet werden können. Dabei geht es nicht nur um den Infektionsschutz der Bevölkerung. Ein Schwimmbad zu öffnen, in das täglich nur 150 Leute dürfen, sei für die Kommune ein extremes Minusgeschäft, berichtet sie. „Da muss man sich dann überlegen, ob man sich das leisten kann.“

 „Ich glaube, man hinterlässt Spuren“

Im politischen Betrieb zeigt Huber Hartnäckigkeit, steht für ihre Ideen ein – auch gegen Widerstände. In der letzten Legislaturperiode fühlte sie sich als einzige grüne Stadträtin nicht selten auf verlorenem Posten. Dennoch kann sie dieser Zeit auch etwas Positives abgewinnen: „Ich glaube man hinterlässt trotzdem Spuren“, sagt sie mit Überzeugung. Hin und wieder habe sie die Kolleginnen und Kollegen im Rat dazu gebracht, zumindest ernsthaft über bestimmte Vorschläge nachzudenken. „Das ist auch das, was mich immer wieder motiviert hat“, unterstreicht sie.

Eines ihrer größten – und am Ende erfolgreichen Projekte – war der Versuch, Pegnitz zur „Fair-Trade-Town“ zu machen. Der Weg dahin war steinig. Der Gegenwind kam aus einer ganz anderen Richtung, als sie vermutet hatte: „In manchen Köpfen war die Angst groß, dass man den regionalen Handel zerstört, wenn man Fair-Trade unterstützt. Auf eine solche Idee wäre ich gar nicht gekommen“, sagt sie. Mit ihrem Team musste sie daher sehr viel Überzeugungsarbeit leisten – am Ende mit Erfolg: Im September 2019 wurde Pegnitz als Fair-Trade-Town ausgezeichnet.

Einsatz für mehr Frauenpower in der Kommunalpolitik

Ihre politische Arbeit findet auch über die Stadtgrenzen von Pegnitz hinaus Resonanz: Im September 2020 erhielt Sandra Huber von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey den Helene-Weber-Preis für ihr kommunalpolitisches Engagement. Mit dem Preis werden auf Vorschlag von Bundestagsabgeordneten der verschiedenen Parteien ehrenamtliche kommunale Mandatsträgerinnen ausgezeichnet, die sich politisch und zivilgesellschaftlich sowie frauen- und gleichstellungspolitisch engagieren.

„Es ist wichtig, in der Politik als Frau sichtbar zu sein und entsprechende Netzwerke zu knüpfen oder sich in tradierte Männernetzwerke einzuklinken und diese zu verändern“, rät sie ihren Geschlechtsgenossinnen. Das Helene-Weber-Netzwerk stärkt und unterstützt die Frauen dabei.

Politisch will Huber deshalb dazu beitragen, Stereotypen über Männer und Frauen aufzubrechen. Auch wenn sich das oft nur durch kleine Schritte und viel Hartnäckigkeit verändern lässt. „Zum Beispiel haben wir durchgesetzt, dass Amtstexte geschlechtsneutral formuliert werden – etwas, das im IAB schon lange gelebt wird. Seitdem habe sich auch in der mündlichen Sprache etwas verändert, stellt sie zufrieden fest. Es werde beispielsweise häufiger von Stadträtinnen und Stadträten gesprochen. „Das mag vielleicht als kleine Sache erscheinen, die aber durchaus Bedeutung hat“, betont sie.

Huber trägt die Themen Klimafreundlichkeit und Nachhaltigkeit auch ins IAB

Das Thema Nachhaltigkeit forciert Sandra Huber auch im IAB. Im Herbst 2019 gründete sie mit einigen Kolleginnen und Kollegen die Initiative „GreenAB“. Deren Ziel: das IAB klimafreundlicher zu machen. Die Initiative legte unter ihrer Führung bereits ein Bündel an Vorschlägen auf den Tisch: eine insektenfreundliche Blühwiese statt sterilem Rasen vor dem IAB-Gebäude, die Überdachung des Parkplatzes mit Photovoltaikanlagen, ein nachhaltiges Bio-Catering auf allen IAB-Veranstaltungen und vieles mehr.

Die Arbeit der Initiative stieß auch in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf Interesse: „Wir von GreenAB sind in der BA mittlerweile gerne gesehen als Impulsgeber“, zeigt sich Huber zufrieden. Denn viele der Maßnahmen, die sich das GreenAB-Team ausgedacht hat, lassen sich ohne Mitwirkung der BA, deren Teil das IAB als besondere Dienststelle ist, nicht realisieren. Inzwischen arbeitet das Team rund um Huber eng mit dem „GreenTeam“ der BA zusammen. „Mittlerweile wird das Thema Nachhaltigkeit auch von BA-Führungskreisen unterstützt und ist nun sogar ein explizites Ziel in der „Strategie 2030“ der BA“, freut sie sich.

„Frau Huber, wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?“

Neben ihrem breiten Engagement ist Sandra Huber aber auch Familienmensch. Ihre drei Kinder sind 16, 14 und 9 Jahre alt. Arbeit, Politik, Initiativen und dann noch die Familie: Da drängt sich die Frage förmlich auf, wie sie das alles unter einen Hut bekommt. Zumal geschlossene Schulen während der Corona-Pandemie viele Mütter ohnehin schon an die Belastungsgrenze bringen. Ihr Mann ist eine große Unterstützung für sie, erzählt Huber. „Bei uns ist es zum Glück nicht so, dass ich alleine für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig bin. Wenn ich Termine habe, dann kümmert sich mein Mann um die Kinder.“

Doch seit Corona fällt ihr die Trennung zwischen Beruf und Privatsphäre deutlich schwerer. „Früher bin ich heimgefahren und konnte dann alle IAB-Themen leicht hinter mir lassen“, blickt sie zurück. Jetzt sei es schwieriger, weil durch das Homeoffice alles an einem Ort stattfindet. „Es kostet mich nun viel mehr Kraft, mich auf eine Sache in einem bestimmten Zeitraum zu konzentrieren“, gesteht sie.

Doch ihrem Engagement tut auch die Corona-Krise keinen Abbruch. Sie will weiter Dinge verändern und vorantreiben – in ihrer ruhigen, aber effizienten Art. Fast scheint es, als hätte Sandra Huber sich Karl Marx zu Herzen genommen: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“

Foto: Andreas Beil

Segert-Hess, Nadine (2021): Eine Frau, die Dinge bewegen will, In: IAB-Forum 10. März 2021, https://www.iab-forum.de/eine-frau-die-dinge-bewegen-will/, Abrufdatum: 21. April 2021