Die Zahl der Beschäftigten im Handwerk hat zwischen 2009 und 2015 um gut sechs Prozent zugenommen. Das klingt ordentlich, bleibt aber weit hinter der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsdynamik zurück. Auch im Ausbildungsbereich verliert das Handwerk an Boden. Allerdings unterscheidet sich die Beschäftigungs- und Ausbildungssituation je nach Bundesland und Gewerbegruppe des Handwerks deutlich.

In der öffentlichen Diskussion und Berichterstattung zur aktuellen Lage im deutschen Handwerk zeigt sich ein sehr gemischtes Bild. Die Einschätzungen reichen von einem Beschäftigungsaufbau quer durch das gesamte Handwerk bis hin zu eklatanten Personalengpässen und existenzbedrohendem Nachwuchsmangel, von einem konjunkturellen Allzeithoch bei der Auftragslage bis hin zur Sorge um das Verschwinden vieler kleiner Handwerksunternehmen bei gleichzeitigem Wachstum der mittleren und großen.

Dass die Lage im deutschen Handwerk uneinheitlich ist, bestätigen auch aktuelle Analysen aus dem Regionalen Forschungsnetz des IAB. So verläuft die Entwicklung nicht nur von Region zu Region sehr unterschiedlich. In den einzelnen Gewerbezweigen des Handwerks variiert die Beschäftigungsdynamik ebenfalls stark. Im Folgenden werden erste Ergebnisse aus einem einschlägigen Forschungsprojekt des Regionalen Forschungsnetzes des IAB vorgestellt (detailliertere Ergebnisse für einzelne Bundesländer werden abschließend in der Reihe IAB-Regional veröffentlicht).

Knapp jeder achte Beschäftigte arbeitet im Handwerk

Mit einem Anteil von 12,6 Prozent an der Gesamtwirtschaft arbeitete im Jahr 2015 knapp jeder achte Beschäftigte in Deutschland im Handwerk (siehe Tabelle 1 und Infokasten „Datengrundlage und Abgrenzung des Handwerks“). In Ostdeutschland lag der Anteil mit 13 Prozent etwas höher als in den westlichen Bundesländern.

Während der Anteil des Handwerks bei den ausschließlich geringfügig Beschäftigten 15 Prozent betrug, war er bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit 12,3 Prozent etwas niedriger. Dieser Unterschied erklärt sich hauptsächlich durch die Beschäftigtenstruktur des zulassungsfreien Gewerbezweigs der Gebäudereiniger: Jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und jeder dritte ausschließlich geringfügig Beschäftigte im Handwerk arbeitet in dieser Branche (siehe Infokasten „Datengrundlage und Abgrenzung des Handwerks“).

Beschäftigung hat in jedem Bundesland weniger stark zugenommen als in der Gesamtwirtschaft

Nachfolgend steht die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Fokus. Bemerkenswert ist, dass die Beschäftigung im Handwerk zwischen 2009 und 2015 mit 6,1 Prozent nur halb so stark zulegte wie in der Gesamtwirtschaft (+11,2 %). Zugleich zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede (siehe Tabelle 2). So reicht die Spannbreite des Beschäftigungswachstums im Handwerk von plus 10,7 Prozent in Niedersachsen bis zu minus 3,7 Prozent in Thüringen.

Auch im Verhältnis zur gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsentwicklung stellen sich die Relationen ganz unterschiedlich dar. Hessen ist das einzige Bundesland, in dem die Beschäftigung im Handwerk mit 10,5 Prozent stärker gestiegen ist als die Gesamtbeschäftigung mit 10,1 Prozent. Allerdings sind in Hessen nur 9,7 Prozent aller Beschäftigten im Handwerk tätig – mit Abstand der niedrigste Anteil aller Flächenländer.

Tabelle 2: Anteil und Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Handwerk nach Bundesländern, 2015

Die teils gravierenden regionalen Unterschiede dürften schwerpunktmäßig dem Einfluss regionaler wirtschaftlicher Gegebenheiten und Entwicklungen geschuldet sein. Das Bauhaupt- und das Ausbaugewerbe sind beispielsweise abhängig von der allgemeinen Baunachfrage – sei sie privat, öffentlich oder gewerblich. Die Unternehmen der Handwerke für den gewerblichen Bedarf sind vorrangig als handwerkliche Zulieferer abhängig vom Bedarf der Industrie, der wiederum maßgeblich vom Außenhandel, der Binnennachfrage und der allgemeinen Investitionsneigung beeinflusst ist. Die Situation des Lebensmittelgewerbes und der Handwerke für den privaten Bedarf sind schwerpunktmäßig bestimmt von der Einkommenssituation der privaten Haushalte und ihrer Konsumneigung.

Das relative Gewicht einzelner Branchen – etwa der Industrie – variiert ebenso von Bundesland zu Bundesland wie die Kaufkraft der Privathaushalte. Entwicklungen, die diese Parameter beeinflussen, schlagen deshalb auch regional in unterschiedlichem Maße auf die Beschäftigungssituation und die Gesamtentwicklung in den einzelnen Gewerbegruppen des Handwerks durch.

Beschäftigungsdynamik variiert stark zwischen unterschiedlichen Gewerbegruppen

Die größte Beschäftigungszunahme innerhalb des Handwerks verzeichnete bundesweit das Gesundheitsgewerbe mit 16,4 Prozent, gefolgt von den Handwerken für den gewerblichen Bedarf (11,6 %) und dem Ausbaugewerbe (8,5 %).

Schon im Jahr 2009 kam jeweils rund jeder vierte im Handwerk Beschäftigte aus Handwerken für den gewerblichen Bedarf sowie aus dem Ausbaugewerbe (siehe Abbildung). Der Anteil der Beschäftigten in diesen Segmenten – in Relation zu allen Beschäftigten im Handwerk – wuchs in den sechs Jahren um 1,3 beziehungsweise 0,6 Prozentpunkte.

Beim Gesundheitsgewerbe betrug diese Zunahme dagegen trotz des starken Wachstums lediglich 0,3 Prozentpunkte, da es sich hier um die kleinste Gewerbegruppe im Handwerk handelt. Mit einem Beschäftigtenanteil von unter vier Prozent hat sie trotz hoher Dynamik nur einen geringen Einfluss auf die Gesamtentwicklung im Handwerk.

Demgegenüber ist die Bedeutung des Lebensmittelgewerbes, der Handwerke für den privaten Bedarf und des Kraftfahrzeuggewerbes zurückgegangen: Deren Anteile an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Handwerk sanken zwischen 2009 und 2015 jeweils um einen (knappen) Prozentpunkt, obwohl sich im Kraftfahrzeuggewerbe die Zahl der Beschäftigten sogar leicht erhöht hat (+0,4 %).

Gewerbegruppen entwickeln sich je nach Bundesland unterschiedlich

Auf Basis der Gewerbegruppen lassen sich auch auf regionaler Ebene Gewinner und Verlierer ausmachen. So sind die Beschäftigungsgewinne in den Handwerken für den gewerblichen Bedarf (mit dem Schwerpunkt Gebäudereinigung) hauptsächlich auf die Zuwächse in Hessen und Niedersachsen zurückzuführen.

Die positive Entwicklung im Bauhaupt- und im Ausbaugewerbe war bislang vor allem in Niedersachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen zu beobachten. In allen diesen Bundesländern legte die Zahl der Baugenehmigungen und -fertigstellungen, insbesondere von Wohnungen, überdurchschnittlich zu.

Die gesamtdeutschen Verluste im Lebensmittelgewerbe hingegen konzentrieren sich relativ stark auf Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Die Beschäftigungsrückgänge in den Handwerken für den privaten Bedarf wiederum sind in erster Linie auf die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen, aber auch auf Rheinland-Pfalz, Hamburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt zurückzuführen.

Beides dürfte unter anderem darin begründet sein, dass in den genannten Bundesländern zwei Faktoren – teils alternativ – besonders stark zu Buche schlagen: zum einen die unterdurchschnittlichen beziehungsweise sich weniger dynamisch entwickelnden Pro-Kopf-Einkommen, zum anderen der überdurchschnittliche Schwund an Kleinstunternehmen wie Bäckereien und Fleischereien.

Gebäudereiniger haben am stärksten zum Beschäftigungswachstum beigetragen

Zudem lohnt sich der Blick auf die Entwicklung der beschäftigungsstärksten Gewerbezweige (siehe Abbildung). Manche dominieren mit ihrer hohen Beschäftigtenzahl die Entwicklung in den entsprechenden Gewerbegruppen. Die bundesweit meisten Beschäftigten im Handwerk sind Kraftfahrzeugtechniker und Gebäudereiniger, gefolgt von den Elektrotechnikern sowie Maurern und Betonbauern. Zusammen mit den Installateuren und Heizungsbauern, Bäckern, Feinwerkmechanikern und Metallbauern sind in diesen acht Gewerbezweigen insgesamt bereits über 60 Prozent aller im Handwerk Beschäftigten tätig.

Mit Ausnahme von Friseuren, Fleischern und Bäckern hat die Beschäftigtenzahl in den 20 wichtigsten Gewerbezweigen zwischen 2009 und 2015 zugenommen, wenn auch zum Teil unterdurchschnittlich, gemessen an der Gesamtentwicklung im Handwerk.

Den mit Abstand höchsten Beitrag zu diesem Beschäftigungswachstum leisteten Unternehmen aus dem zulassungsfreien Handwerk der Gebäudereiniger. Darüber hinaus trugen insbesondere Elektrotechniker, Installateure und Heizungsbauer, Maurer und Betonbauer sowie Straßenbauer und Zimmerer in überdurchschnittlichem Maße dazu bei.

Es stellt sich die Frage, ob sich das Beschäftigungswachstum auch in der Unternehmenszahl widerspiegelt. Das Handwerk ist kleinbetrieblich geprägt: Rund 81 Prozent der fast 580.000 Unternehmen haben laut Handwerkszählung weniger als 10 Beschäftigte, 20 Beschäftigte und mehr nur knapp 8 Prozent der Handwerksunternehmen.

Lediglich in den zulassungsfreien Handwerken der Gebäudereiniger sowie der Fliesen-, Platten- und Mosaikleger ist die Zahl der Unternehmen deutlich gestiegen. Darüber hinaus gab es unter den 20 beschäftigungsstärksten Gewerbezweigen nur bei den Zimmerern, Friseuren und Kraftfahrzeugtechnikern eine leichte Zunahme.

Das in den letzten Jahren zu beobachtende Beschäftigungswachstum im Handwerk basiert nicht auf einer generellen Zunahme der Zahl der Unternehmen, denn diese blieb in der Summe nahezu konstant, sondern in der Regel auf einem Wachstum in den bestehenden Unternehmen.

Anteil der Auszubildenden im Handwerk ist mehr als doppelt so groß wie dessen Beschäftigtenanteil

Das deutsche Handwerk erbringt eine außerordentlich hohe Ausbildungsleistung: Bundesweit wird mehr als jeder Vierte (siehe Tabelle 3) aller betrieblichen Auszubildenden im Handwerk ausgebildet. Damit ist der Ausbildungsbeitrag des Handwerks mehr als doppelt so hoch wie sein Anteil an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Auf der Ebene der Bundesländer weisen Schleswig-Holstein (32,9 %), Niedersachsen (30,9 %) und Rheinland-Pfalz (30,3 %) die höchsten Ausbildungsanteile auf (siehe Tabelle 4). Schlusslichter sind sämtliche Stadtstaaten (Berlin: 24,2 %; Bremen: 20,7 %; Hamburg: 19,0 %). Das  überrascht nicht, denn Großstädte sind generell multifunktionale Wirtschaftsstandorte, deren wirtschaftliche Aktivitäten stärker auf Dienstleistungen, Unternehmenszentralen und (öffentliche) Verwaltung ausgerichtet sind. Die Ausbildung in nicht handwerklichen Ausbildungsberufen hat dort also ein überproportional starkes Gewicht.

Den Löwenanteil an der Ausbildung tragen die zulassungspflichtigen Handwerke. Dies geht beispielsweise aus einer 2017 publizierten Studie von Klaus Müller hervor: Ihr zufolge belief sich die Ausbildungsquote etwa für die gewerblich-technischen Ausbildungsgänge bei den zulassungspflichtigen Handwerken im Jahr 2014 auf 9,6 Prozent – gegenüber nur 2,6 Prozent bei den zulassungsfreien Handwerken.

Zahl der Auszubildenden im Handwerk ist in fast allen Bundesländern stärker gesunken als in der Gesamtwirtschaft

Die Zahl aller Auszubildenden ist ausnahmslos in allen Bundesländern zwischen 2009 und 2016 stark gesunken. Während dieser Rückgang bundesweit 15,9 Prozent betrug, lag er in Westdeutschland bei 11,4 Prozent, in Ostdeutschland sogar bei 36,2 Prozent. Dies dürfte hauptsächlich darauf zurückzuführen sein, dass sich die entsprechenden Alterskohorten  vor allem in Ostdeutschland schon seit Jahren immer stärker ausdünnen. Eine weitere Ursache dürfte sein, dass immer mehr junge Menschen ein Studium einer Lehre vorziehen. Die geringsten prozentualen Rückgänge, zwischen 7,6 und 10,7 Prozent, zeigen sich in Niedersachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg. Hohe Verluste von teils über 40 Prozent verzeichneten dagegen die ostdeutschen Länder (siehe Tabelle 4).

In einigen westlichen Bundesländern ging nahezu jeder zweite verlorene Ausbildungsplatz auf das Konto des Handwerks: Die Zahl der Auszubildenden im Handwerk nahm in ganz Westdeutschland stärker ab als in der Gesamtwirtschaft. Bei den ostdeutschen Ländern trifft dies für Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu (siehe Tabelle 4).

Anteil und Entwicklung der betrieblichen Auszubildenden im Handwerk, 2016

Fazit

Angesichts der sich in vielen Wirtschaftsbranchen abzeichnenden Fachkräfteengpässe dürfte sich die Knappheit an qualifiziertem Personal im Handwerk weiter verschärfen. Dies gilt im Osten stärker noch als im Westen, denn im Wettbewerb um die begehrten Auszubildenden dürften gerade die vielen kleinen Handwerksbetriebe gegenüber Großunternehmen aus anderen Wirtschaftszweigen künftig mehr denn je ins Hintertreffen geraten.

Schon in den letzten Jahren ist die Beschäftigung im Handwerk deutlich langsamer gewachsen als in der Gesamtwirtschaft. Damit könnte sich die Bedeutung des Handwerks als relevanter Beschäftigungsmotor in Zukunft weiter verringern. Politik und Wirtschaft bleiben weiterhin gefordert, den Handwerksberuf attraktiver zu gestalten und auch leistungsschwächeren Jugendlichen im handwerklichen Bereich den Weg in eine betriebliche Ausbildung zu erleichtern.

Datengrundlage und Abgrenzung des Handwerks

Datengrundlage:

Handwerkszählung (Statistisches Bundesamt) , Statistik der Bundesagentur für Arbeit und Datensystem Auszubildende (Bundesinstitut für Berufsbildung)

Abgrenzung des Handwerks:

Das Handwerk wird über berufliche Tätigkeiten nach der Handwerksordnung (HwO) abgegrenzt. Diese unterscheidet zulassungspflichtige, zulassungsfreie und handwerksähnliche Gewerbe. Die Handwerkskammern führen Verzeichnisse, in denen die Unternehmen entsprechend erfasst sind.

In der Handwerkszählung sind allerdings nur Unternehmen des zulassungspflichtigen und des zulassungsfreien Handwerks (Anlage A beziehungsweise Anlage B Abschnitt 1 der HwO) enthalten, nicht die handwerksähnlichen Gewerbe. Außerdem werden nur selbstständige Handwerksunternehmen einbezogen. Ein Unternehmen umfasst dabei alle zugehörigen Betriebe. Handwerkliche Nebenbetriebe und innerbetriebliche Abteilungen werden nicht berücksichtigt.

Handwerksunternehmen werden gemäß ihrer ausgeübten Tätigkeit bestimmten Gewerbezweigen zugeordnet. Die einzelnen Gewerbezweige werden zu sieben Gewerbegruppen zusammengefasst.

Literatur

Bossler, Mario; Kubis, Alexander; Moczall, Andreas (2017): Neueinstellungen im Jahr 2016: Große Betriebe haben im Wettbewerb um Fachkräfte oft die Nase vorn. IAB-Kurzbericht Nr. 18.

Müller, Klaus (2017): Die Stellung des Handwerks innerhalb der Gesamtwirtschaft. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien, Bd. 99, Duderstadt.

Müller, Klaus (2015): Strukturentwicklungen im Handwerk. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien, Bd. 98, Duderstadt.

 

Harten, Uwe; Böhme, Stefan ; Schaade, Peter ; Wiethölter, Doris (2018): Die regionale Bedeutung des Handwerks für Beschäftigung und Ausbildung, In: IAB-Forum 23. Juli 2018, https://www.iab-forum.de/die-regionale-bedeutung-des-handwerks-fuer-beschaeftigung-und-ausbildung/, Abrufdatum: 15. Dezember 2018