Mit der Alterung der Bevölkerung schrumpft auch das Potenzial an Arbeitskräften. Ostdeutschland ist davon besonders stark betroffen. Das liegt dort einerseits an den niedrigen Geburtenzahlen in den ersten Jahren nach dem Mauerfall, andererseits an der verstärkten Abwanderung der zwischen 1975 und 1989 Geborenen. Die Zahl der zu versorgenden Personen wird daher im Verhältnis zur Zahl der Erwerbspersonen künftig deutlich steigen. Diese Entwicklung kann nur durch mehr Zuwanderung gebremst werden.

Die zentrale Bedeutung der Altersstruktur der Bevölkerung für die künftige Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials wird oft unterschätzt. Anhand der demografischen Entwicklungen in Ostdeutschland seit 1989 lässt sich eindrucksvoll zeigen, welche Konsequenzen der dramatische Rückgang der Geburtenzahlen und die Abwanderung in der Nachwendezeit für den ostdeutschen Arbeitsmarkt haben. Bei der Betrachtung wird Berlin nicht berücksichtigt, da es in mehrfacher Hinsicht einen Sonderfall darstellt.

Die Altersverteilung in Ostdeutschland hat sich seit Anfang der 1990er Jahre deutlich verschoben

Die Bevölkerungsstruktur einer Region wird durch Geburten, Sterbefälle sowie Zu- und Abwanderung bestimmt. Die Veränderungen dieser Einflussgrößen bestimmen auch die Entwicklung des Altersaufbaus der ostdeutschen Bevölkerung. So unterscheidet sich die heutige Altersstruktur im Osten erheblich von der Altersstruktur in den frühen 1990er Jahren (siehe Abbildung). Sowohl in der damaligen wie in der derzeitigen Altersverteilung sind drei Berge an geburtenstarken Jahrgängen erkennbar:

  • Erstens: der Berg der Kriegs- und Vorkriegsgeneration – die Geburtsjahrgänge, die 1993 etwa 50 bis 60 Jahre alt waren (rechter Berg in der Abbildung)
  • Zweitens: der Berg der Babyboomer – die um 1960 Geborenen, die 1993 etwa 30- bis 40 Jahre alt waren (mittlerer Berg in der Abbildung)
  • Drittens: der sogenannte Honecker-Buckel (linker Berg in der Abbildung). Dabei handelt es sich um diejenigen, die 1993 zwischen 3 und 18 Jahre alt waren. Die zahlenmäßige Stärke dieser Jahrgänge ist auf die Maßnahmen der DDR-Führung zur Familienförderung in den 1970er Jahren zurückzuführen. Seit 1972 wurde zum Beispiel ein staatlicher Ehekredit gewährt, der mit der Geburt eines Kindes gemindert und mit der Geburt des dritten Kindes vollständig getilgt wurde. Dieser Effekt wurde dadurch verstärkt, dass die Maßnahmen bei einer zahlenmäßig starken Elternkohorte ansetzten. Außerdem waren die Mütter in der DDR bei der Geburt des ersten Kindes vergleichsweise jung. Sie hatten daher nicht nur einen ökonomischen Anreiz, sondern in der Regel auch noch genügend Zeit, weitere Kinder zur Welt zu bringen.

Abbildung: Altersstruktur in Ostdeutschland (ohne Berlin)

Zugleich gibt es Täler mit geburtenschwachen Jahrgängen, etwa als Folge des Einbruchs der Zahl der Neugeborenen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg oder des Pillenknicks Anfang der 1970er Jahre. Doch schon in der Altersverteilung von 1993 zeichnet sich in Ostdeutschland ein weiteres Tal ab, verursacht durch den dramatischen Rückgang der Geburtenzahlen nach dem Mauerfall. Wurden vorher jedes Jahr noch etwa 200.000 Kinder geboren, sank diese Zahl bis 1994 auf unter 80.000. Aus diesem Grund bilden die 1994 Geborenen heute, von den älteren Jahrgängen einmal abgesehen, die zahlenmäßig kleinste Altersgruppe.

Gut ein Fünftel der zwischen 1975 und 1989 geborenen Ostdeutschen sind abgewandert

Daneben zeigen sich die Folgen von Mortalität und Abwanderung. So ist der Berg der Kriegs- und Vorkriegsgeneration vor allem aufgrund von Alterssterblichkeit bis Ende 2018 deutlich geschrumpft. Der Berg der Babyboomer hat sich hingegen nur geringfügig verkleinert; am rechten Rand ein wenig stärker, weil in diesem Alter nicht nur die Abwanderung eine Rolle spielt, sondern auch die Sterblichkeit an Bedeutung gewinnt.

Am klarsten spiegelt sich die Bedeutung der Abwanderung im starken Rückgang des „Honecker-Buckels“ wider, also bei der Zahl der 1975 bis 1989 Geborenen, die 1993 zwischen 4 und 18 Jahre alt waren. Diese Geburtsjahrgänge haben in Ostdeutschland seither mehr als ein Fünftel ihrer Stärke verloren. Da die Sterblichkeit in diesem Altersbereich fast keine Rolle spielt, ist diese Veränderung im Wesentlichen auf Abwanderung zurückzuführen.

Seit der Wende ist die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland um fast 15 Prozent geschrumpft

Die Halbierung der Geburtenrate in den 1990er Jahren und die Abwanderung vieler junger Menschen führten dazu, dass in Ostdeutschland heute fast eine ganze Generation fehlt. Immerhin wurden 1993 nur 79.000 Kinder geboren, kaum mehr als ein Drittel der Neugeborenenzahlen unmittelbar vor der Wende (216.000 im Jahr 1988). In der Gesamtbilanz aus Wanderung und natürlicher Bevölkerungsentwicklung sank die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland zwischen 1990 und 2018 um circa zwei Millionen, also um fast 15 Prozent.

Zwar steigt die Geburtenrate in Ostdeutschland inzwischen wieder. 2018 lag sie mit einer „zusammengefassten Geburtenziffer“ von 1,60 Geburten pro Frau sogar leicht über dem westdeutschen Niveau von 1,58. Sie unterschreitet aber nach wie vor das Niveau von 2,1 Geburten pro Frau, das erforderlich wäre, damit die Bevölkerung langfristig nicht schrumpft.

Die negative Gesamtbilanz lässt sich kurz- und mittelfristig nur durch Zuwanderung verbessern

Da die kommenden Elterngenerationen zahlenmäßig deutlich kleiner werden, könnten selbst erheblich höhere Geburtenzahlen den Bevölkerungsrückgang nicht aufhalten. Ohne Zuwanderung werden die Bevölkerungszahlen in Ostdeutschland künftig weiter sinken, denn jede Generation ist zugleich die Elterngeneration der nächsten Generation. Und weil in den kommenden Jahren die Kinder der „fehlenden Generation“ nicht geboren werden, die wiederum Eltern hätten werden können, wird sich die negative Gesamtbilanz der Bevölkerungsentwicklung kurz- und mittelfristig nur durch Zuzüge verbessern – sei es aus Westdeutschland, darunter auch Rückwanderung, oder aus dem Ausland.

Arbeitsmarkt und Demografie stehen in einer komplexen Wechselwirkung. Zum einen beeinflussen demografische Entwicklungen das regionale Angebot an Arbeitskräften. Zum anderen wirkt die Arbeitsmarktsituation selbst auf demografische Prozesse. Sie stellt beispielsweise ein wichtiges Motiv für Wanderung dar. Eine unsichere Arbeitsmarktlage wie nach 1989 in Ostdeutschland kann auch dazu führen, dass die Gründung oder Erweiterung einer Familie aufgeschoben oder Kinderwünsche gar nicht realisiert werden, wie es Christina Stecker und Sebastian Schnettler in einem 2018 erschienenen Beitrag nachweisen.

Die Situation auf dem ostdeutschen Ausbildungsmarkt hat sich komplett gedreht

Sinkende Geburtenzahlen und Abwanderung wirken sich nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig auf das Arbeitskräftepotenzial in einer Region aus. Weil die Nachwende-Generation zahlenmäßig so klein ist, hat sich zum Beispiel die Situation auf dem ostdeutschen Ausbildungsmarkt seit dem Jahr 2008 komplett verändert. Bis dahin gab es jedes Jahr deutlich mehr Bewerber als Ausbildungsstellen, sodass in großem Umfang außerbetriebliche Ausbildungen angeboten werden mussten, um Jugendarbeitslosigkeit zu begrenzen. Doch inzwischen suchen die Unternehmen händeringend nach Auszubildenden.

In den kommenden Jahren werden die Babyboomer und bald darauf die Jahrgänge aus dem „Honecker-Buckel“ in Rente gehen. Die nachrückenden Geburtsjahrgänge aus der Nachwendezeit sind mit Jahrgangsgrößen um die 100.000 viel zu klein, um diese geburtenstarken Jahrgänge mit teils über 200.000 Personen zu ersetzen. Auf dieser Basis kamen Johann Fuchs, Alexander Kubis und Lutz Schneider in einer 2015 erschienenen Studie zu dem Ergebnis, dass das Erwerbspersonenpotenzial der deutschen Bevölkerung in Ostdeutschland (einschließlich Berlin) im Jahr 2050 ohne Zuwanderung nur noch rund 5,3 Millionen Arbeitskräfte umfassen würde. Im Jahr 2002 waren es dagegen noch mehr als 10 Millionen.

Ein starker Anstieg der Geburtenzahlen könnte frühere Defizite erst auf lange Sicht ausgleichen

Schrumpfende Bevölkerungszahlen stellen nicht zwangsläufig ein Problem dar. Volkswirtschaftlich ergibt sich aber dann ein Problem, wenn – wie in Ostdeutschland – einer rapide kleiner werdenden Zahl von Erwerbspersonen eine immer größere Zahl von zu versorgenden Personen gegenübersteht.

Dieses Problem könnte selbst durch stark steigende Geburtenzahlen nur langfristig gelöst werden. Bis neugeborene Kinder das arbeitsmarktrelevante Alter erreichen, dauert es 15 bis 20 Jahre. Zudem ist eine einzige Geburtskohorte zu klein, um frühere Defizite auszugleichen. Nach einer 2006 erschienenen Simulationsstudie von Johann Fuchs und Doris Söhnlein kann der Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung durch eine Geburtenziffer von 2,1 Geburten pro Frau erst nach 25 Jahren signifikant gebremst werden.

Fazit

Die gegenwärtige Altersstruktur in Ostdeutschland spiegelt Geburten, Sterbefälle und Migrationsströme wider, die in der Vergangenheit stattfanden. Sie erlaubt zugleich aber auch einen Ausblick auf die künftige Entwicklung.

Die rapide gesunkenen Geburtenzahlen in den ersten Jahren nach dem Mauerfall 1989 und die verstärkte Abwanderung der zwischen 1975 und 1989 in der DDR Geborenen haben in Ostdeutschland ihre Spuren hinterlassen. Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, ist eine ganze Generation zahlenmäßig nur noch so klein vertreten, dass von einer „fehlenden Generation“ gesprochen werden kann. Diese Generation fehlt nicht nur kurz- und mittelfristig auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch als Eltern für die nächste Generation. Es ist also absehbar, dass die Bevölkerung und mithin die Zahl der Erwerbspersonen in Ostdeutschland ohne Zuwanderung weiter schrumpfen wird – und zwar weit schneller als in Westdeutschland.

Eine schrumpfende Bevölkerung stellt zwar nicht zwangsläufig ein Problem dar. Aber um das aktuelle Wohlstandsniveau für alle halten zu können, darf die Zahl der Erwerbspersonen nicht zu stark gegenüber der Zahl der zu versorgenden Personen sinken. Hier wird es in Ostdeutschland in den kommenden Jahren zu einem besonders großen Missverhältnis kommen, weil die „fehlende Generation“ die in Rente gehenden, geburtenstarken Jahrgänge nicht wird ersetzen können.

Es gibt theoretisch verschiedene Möglichkeiten mit dieser Herausforderung umzugehen. Man könnte zum Beispiel das Renteneintrittsalter anheben. Dadurch würde die Zahl der Erwerbspersonen weniger stark sinken; allerdings nur solange, bis die geburtenstarken Jahrgänge das neue Renteneintrittsalter erreicht haben. Damit die Zahl der Erwerbspersonen stabil bleibt, müsste man das Renteneintrittsalter also massiv erhöhen.

Eine andere Möglichkeit wäre, mehr Anreize für eine Erhöhung der individuellen Arbeitszeit zu setzen. Auch dies dürfte jedoch nur einen sehr begrenzten Effekt haben, da die Zahl der Erwerbspersonen in den Babyboomer-Jahrgängen nahezu doppelt so hoch war wie die der heutigen Geburtsjahrgänge. Zudem liegt die durchschnittliche Arbeitszeit in Ostdeutschland deutlich über der in Westdeutschland: 2014 waren das mehr als zwei Wochenstunden, wie eine 2017 publizierte Studie von Peter Sopp und Alexandra Wagner zeigt.

Ein weiterer Ansatzpunkt bestünde darin, die Produktivität in Ostdeutschland zu steigern. Steffen Müller und Georg Neuschäffer, Forscher am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, stellten in einer Studie von 2019 fest, dass die Produktivität in Ostdeutschland noch immer um 20 Prozent niedriger ist als in Westdeutschland. Automatisierung und Digitalisierung könnten das demografisch bedingte Sinken des Erwerbspersonenpotenzials zumindest teilweise ausgleichen und die Arbeitsproduktivität steigern.

Allerdings gibt es eine Reihe von Hürden, die diesen Prozess in Ostdeutschland erschweren. So ist staatliche Förderung häufig an die Bedingung geknüpft, dass Arbeitsplätze erhalten oder neu geschaffen werden. Das sind keine guten Voraussetzungen für Regionen, in denen die Zahl der Erwerbspersonen rapide sinkt. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie innovativ eine immer älter werdende Bevölkerung ist.

Mehr Zuzüge aus Westdeutschland und dem Ausland wären eine weitere Möglichkeit, auf die demografische Situation zu reagieren. Dafür muss Ostdeutschland aber deutlich attraktiver werden. So lebten in Ostdeutschland ohne Berlin Ende 2018 gerade einmal 600.000 Ausländer. Das sind noch nicht einmal fünf Prozent der Bevölkerung – gegenüber mehr als 13 Prozent in Westdeutschland.

Zuwanderung setzt attraktive Jobs, geeignete Zuwanderungsregelungen und eine entsprechende Willkommenskultur voraus. Ressentiments gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen hingegen laufen den Bemühungen, dringend benötigte Fachkräfte anzuwerben – übrigens auch solche ohne Migrationshintergrund –, diametral zuwider. Auch Rückkehrer wird man nur erfolgreich umwerben können, wenn Arbeiten und Leben in der alten Heimat ausreichend attraktiv sind. Die genannten Faktoren sind zugleich wichtig, um Abwanderung zu vermeiden.

Ostdeutschland steht vor der besonderen Herausforderung, nicht nur den demografischen Wandel bewältigen zu müssen, der ganz Deutschland betrifft, sondern auch die Konsequenzen von Geburteneinbruch und Abwanderung nach dem Mauerfall 1989. Es steht zu befürchten, dass der Wohlstandsrückstand gegenüber Westdeutschland sogar wächst, weil Betriebe unter Umständen schließen oder ihr Produkt- und Dienstleistungsangebot einschränken müssen, wenn sie nicht genügend Arbeitskräfte in der Region finden.

Die Zuwanderung, sei es aus Westdeutschland oder aus dem Ausland, ist der mit Abstand stärkste Hebel, kurz- und mittelfristig den Rückgang der Erwerbsbevölkerung zu bremsen und das Niveau der wirtschaftlichen Wertschöpfung in Ostdeutschland aufrechtzuerhalten.

Literatur

Fuchs, Johann; Kubis, Alexander; Schneider, Lutz (2015): Zuwanderungsbedarf aus Drittstaaten in Deutschland bis 2050. Szenarien für ein konstantes Erwerbspersonenpotenzial – unter Berücksichtigung der zukünftigen inländischen Erwerbsbeteiligung und der EU-Binnenmobilität. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Gütersloh: Bertelsmann.

Fuchs, Johann; Söhnlein, Doris (2006): Effekte alternativer Annahmen auf die prognostizierte Erwerbsbevölkerung. IAB-Discussion Paper Nr. 19.

Müller, Steffen; Neuschäffer Georg (2019): Ostdeutscher Produktivitätsrückstand und Betriebsgröße. Wirtschaft im Wandel, Jg. 25 (3).

Sopp, Peter M.; Wagner, Alexandra (2017): Vertragliche, tatsächliche und gewünschte Arbeitszeiten SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research No. 909.

Stecker, Christina; Schnettler, Sebastian (2018): Arbeitsmarkt und Demografie. In: Abraham, Martin; Hinz, Thomas: Arbeitsmarktsoziologie: Probleme, Theorien, empirische Befunde. Springer, Wiesbaden. S. 437–478.

Fuchs, Johann; Kropp, Per; Matthes, Britta (2020): Die fehlende Generation: Ostdeutschland steht vor einer massiven demografischen Herausforderung, In: IAB-Forum 22. April 2020, https://www.iab-forum.de/die-fehlende-generation-ostdeutschland-steht-vor-einer-massiven-demografischen-herausforderung/, Abrufdatum: 28. November 2020