Um mehr darüber zu erfahren, wie sich die Situation von geflüchteten Menschen in Deutschland entwickelt, wird seit 2016 eine repräsentative Längsschnittbefragung von Geflüchteten durchgeführt. Beteiligt sind neben dem IAB das Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und das Sozio-oekonomische Panel. Die Ergebnisse der zweiten Befragungswelle aus dem Jahr 2017 wurden nun in einem aktuellen IAB-Kurzbericht publiziert. Im Interview mit der Redaktion des IAB-Forum zeigen sich Herbert Brücker und Yuliya Kosyakova, die für das IAB an der Studie beteiligt waren, von einigen Ergebnissen selbst überrascht.

Liegt Deutschland bei der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten im Plan?

Im Oktober 2018 waren rund 35 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter, die seit 2015 aus den wichtigsten Asylherkunftsländern zugezogen sind, abhängig beschäftigt. Damit ist die Arbeitsmarktintegration etwas schneller vorangeschritten, als wir es in der Vergangenheit bei Geflüchteten beobachtet haben. Angesichts der Tatsache, dass die Voraussetzungen für die Geflüchteten, die seit 2015 zu uns gekommen sind, in mancher Hinsicht ungünstiger waren als in der Vergangenheit, ist das ein bemerkenswertes Ergebnis. Insofern läuft die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten insgesamt besser als erwartet.

Warum waren die Voraussetzungen für die Integration früher besser als heute?

Drei Aspekte sind ausschlaggebend: Erstens sind die Folgen von Krieg und Verfolgung für viele Betroffene, etwa aus Syrien, besonders dramatisch. Außerdem sind die Fluchtrouten riskanter. Wir beobachten deshalb deutlich erhöhte Risiken posttraumatischer Belastungsstörungen. Sie dürften gravierender sein als bei früheren Kohorten. Das behindert natürlich die Integration. Zweitens sind in kurzer Zeit mehr Menschen gekommen, die staatlich untergebracht und versorgt werden mussten. Deshalb haben Registrierung, Asylverfahren und dezentrale Unterbringung länger gedauert als in der Vergangenheit. Auch dies behindert die Integration. Und drittens sind die Bildungsvoraussetzungen der jüngst eingewanderten Geflüchteten ungünstiger als in der Vergangenheit, vor allem im Bereich der beruflichen Abschlüsse. Allerdings sind diese Unterschiede nicht so gravierend. Die ersten beiden Faktoren haben nach unserer Einschätzung ein stärkeres Gewicht.

Der gute Arbeitsmarkt hat sicherlich geholfen.

Andererseits ist derzeit die Nachfrage nach Arbeitskräften sehr hoch. Welche Rolle spielt das für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten? Und wie würde sich eine Rezession auswirken?

Der aufnahmefähige Arbeitsmarkt hat sicherlich geholfen. Wir beobachten auch, dass Geflüchtete in Arbeitsmarktbezirken mit geringer Arbeitslosigkeit und prosperierender Wirtschaft bessere Arbeitsmarktchancen haben als in strukturschwachen Regionen. Insofern würde eine Rezession sicherlich schaden. Exakt quantifizieren lässt sich das aber nicht. Und auch andere Gruppen wären von einer Rezession negativ betroffen.

Was ist die größte Hürde für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten?

Die Geflüchteten tun sich mit der Arbeitsmarktintegration schwerer als andere Migrantengruppen. So hat unter den Geflüchteten fast niemand beim Zuzug Deutsch gesprochen. Sie unterliegen in der ersten Phase Beschäftigungsverboten. Während der Asylverfahren und zum Teil auch danach besteht Rechtsunsicherheit über den Aufenthaltsstatus. Das wiederum behindert Investitionen der Geflüchteten etwa in Sprachkenntnisse oder in Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse. Und es kann Unternehmen davon abhalten, Geflüchtete einzustellen.

Wir haben es mit einer Vielzahl von Hürden zu tun.

Gibt es weitere Hindernisse?

Ja, die Geflüchteten werden aus administrativen Gründen über alle Regionen in Deutschland verteilt. Das erhöht, ökonomisch gesprochen, die Such- und Informationskosten für die Arbeitsmarktintegration und macht es schwieriger, persönliche Netzwerke zur Jobsuche zu nutzen. Außerdem gibt es etwa in jedem dritten Geflüchtetenhaushalt Kinder, besonders häufig Kleinkinder. Das erschwert vor allem die Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Frauen. Dabei spielen auch fehlende oder unzureichende Betreuungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle. Kurzum: Wir haben es mit einer Vielzahl von Hürden zu tun, die die Arbeitsmarktintegration besonders in der ersten Zeit nach dem Zuzug behindern.

Sie stellen in der Studie fest, dass „die Möglichkeiten der Sprachförderung, der Integration in das Bildungs- und Ausbildungssystem und der Arbeitsmarktintegration noch nicht ausgeschöpft sind“. Inwiefern?

Gegenwärtig spricht rund ein Drittel der Geflüchteten gut oder sehr gut Deutsch, ein Drittel verfügt über ein mittleres Sprachniveau und das verbleibende Drittel über gar keine oder schlechte Deutschkenntnisse. Rund die Hälfte der Geflüchteten hat im zweiten Halbjahr 2017 an dem wichtigsten Sprachprogramm der Bundesregierung, den Integrationskursen, teilgenommen oder diese abgeschlossen, die andere Hälfte aber noch nicht. Eine schnellere und umfassendere Sprachförderung hätte die Integration nach unserer Auffassung auf allen Ebenen der Gesellschaft erleichtern können.

Die Politik könnte mehr tun.

Und wo gibt es Defizite bei der Integration in das Bildungssystem?

Rund ein Zehntel der Geflüchteten besuchte im zweiten Halbjahr 2017 eine Bildungseinrichtung oder machte eine Ausbildung. Angesichts des großen Nachholbedarfs, insbesondere bei beruflichen Abschlüssen, und der hohen Bildungsaspirationen ist dieser Anteil eher niedrig. Das liegt einerseits an fehlenden Voraussetzungen für den Besuch einer beruflichen Bildungseinrichtung oder einer Hochschule, etwa mit Blick auf Sprachkenntnisse, Allgemeinbildung und berufliche Vorbildung. Andererseits gibt es keine ausreichenden Angebote, um diese Voraussetzungen zu schaffen und die bereits vorhandenen Bildungsvoraussetzungen an die Anforderungen in Deutschland anzupassen. Auch hier könnte die Politik durch bildungsvorbereitende Maßnahmen und maßgeschneiderte Bildungs- und Ausbildungsprogramme mehr tun – Schulen, Berufsschulen, Universitäten und die Unternehmen sind in diesem Fall gleichermaßen gefordert. Und natürlich gibt es auch bei der Arbeitsvermittlung und bei arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen noch weitere Potenziale, um die Integration in den Arbeitsmarkt zu fördern.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Unsere Befunde deuten auf eine besondere Wirksamkeit von berufsorientierten Kursen, wie den ESF-Kursen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, oder von Angeboten der Bundesagentur für Arbeit hin. Solche Maßnahmen erhöhen die Erwerbswahrscheinlichkeit und den später erzielten Lohn besonders stark. Diese Angebote sollte man ausbauen.

Gibt es Befunde, die Sie selbst überrascht haben?

Wir hatten erwartet, dass Geflüchtete, deren Asylanträge anerkannt wurden, deutlich höhere Beschäftigungsquoten aufweisen als diejenigen, die sich noch im Asylverfahren befinden oder deren Asylanträge abgelehnt wurden. Das ist aber nicht der Fall.

Warum nicht?

Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Erstens zeichnet sich ab, dass Geflüchtete mit einem anerkannten Schutzstatus vermehrt an Integrationskursen und arbeitsmarktpolitischen Programmen teilnehmen. Das dürfte zwar langfristig die Arbeitsmarktintegration begünstigen, führt aber kurzfristig zu sogenannten Lock-in-Effekten, weil Kurs- und Maßnahmeteilnehmer dem Arbeitsmarkt nicht oder nur beschränkt zur Verfügung stehen. Ein zweiter Grund ist, dass sich Personen mit abgelehnten Asylanträgen besonders schnell in den Arbeitsmarkt integrieren. Das liegt möglicherweise daran, dass die Anreize besonders hoch sind, etwa eine Abschiebung zu verhindern oder noch schnell Geld zu verdienen. Zugleich scheint diese Gruppe weniger zu verdienen als die anderen Geflüchteten. Offensichtlich integriert sie sich schneller in den Arbeitsmarkt, hat aber die schlechteren Jobs.

Foto: Kurt Pogoda, IAB

Literatur

Brücker, Herbert; Croisier, Johannes; Kosyakova, Yuliya; Kröger, Hannes; Pietrantuono, Giuseppe; Rother, Nina; Schupp, Jürgen (2019): Zweite Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung: Geflüchtete machen Fortschritte bei Sprache und Beschäftigung. IAB-Kurzbericht Nr. 3.

Schludi, Martin (2019): „Die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten läuft besser als erwartet“. Nachgefragt bei Herbert Brücker und Yuliya Kosyakova, In: IAB-Forum 25. Januar 2019, https://www.iab-forum.de/die-arbeitsmarktintegration-von-gefluechteten-laeuft-besser-als-erwartet-nachgefragt-bei-herbert-bruecker-und-yuliya-kosyakova/, Abrufdatum: 16. Februar 2019