GASTBEITRAG Werden wir die Berufsidee auch in der digitalen Welt noch brauchen? Eine neue Studie kommt aus historischer Sicht zu einer optimistischen Einschätzung. Der Beruf hat sich den Weg in die Mitte der Gesellschaft gebahnt, indem er in verschiedenen Epochen dazu beigetragen hat, jeweils drängende gesellschaftspolitische Probleme zu lösen. Diese in Stände- und Industriegesellschaft erworbene Flexibilität spricht dafür, dass er sich auch in der digitalen Gesellschaft behaupten wird.

Der Berufsgedanke steht derzeit in der Diskussion. Die Vehemenz, mit der er hinterfragt wird, nimmt zu, die Gründe hierfür sind vielfältig. War er in den 1950er-Jahren noch eine tragende Säule der deutschen Nachkriegsgesellschaft, so treten spätestens seit Mitte der 1970er-Jahre immer mehr Kritiker auf den Plan, die ihm einen schleichenden Funktionsverlust bescheinigen. Infrage gestellt wird seine Bedeutung für die Lebensplanung von Individuen, für die Regulation des Arbeitsmarkts und für die Steuerung von Unternehmen.

Diese Kritik erhält einen zusätzlichen Schub durch die Digitalisierung. In zahlreichen Branchen lässt sich eine Entwicklung beobachten, die bald die gesamte Wirtschaft erfassen könnte. Maschinen nehmen dem Menschen nicht mehr nur standardisierte Routineaufgaben ab, sondern sie kommunizieren und entscheiden an seiner Stelle. Die Digitalisierung führt zudem zu einer Innovationsbeschleunigung. Produktion, Handel und Verkehr verändern sich im Zuge der digitalen Wertschöpfung in immer kürzeren Zyklen. Dadurch entstehen in sehr geringen Zeitabständen neue Tätigkeitsfelder, und es wird zunehmend schwieriger, konsistente Berufsbilder zu formulieren.

Verschiedenen Szenarien zufolge verliert der Beruf seine Funktionen, Computer treten verstärkt an die Stelle traditioneller Berufsarbeit und Berufsbilder haben eine immer kürzere Halbwertszeit. Diese Szenarien werden in der empirischen Forschung durchaus kontrovers diskutiert. Ihre hohe wissenschaftliche Relevanz lässt aber darauf schließen, dass das in der ausgehenden Industriegesellschaft bereits in die Kritik geratene Konstrukt „Beruf“ in der digitalen Gesellschaft weiteren prüfenden Fragen ausgesetzt sein wird: Was an ihm ist überholt, was hat Bestand und wo zeichnen sich Perspektiven ab? Möglicherweise sogar noch bedrohlicher: Behauptet der Beruf seinen Stellenwert oder wird er zu einem überkommenen Relikt aus Stände- und Industriegesellschaft?

Um die Zukunftsfähigkeit der Berufsidee diskutieren zu können, werden einerseits fundierte Informationen über die künftigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen benötigt. Andererseits braucht es aber auch ein Verständnis des Phänomens an sich, also des Wesens des Berufs: Was macht die Berufsidee eigentlich aus? Antwort hierauf kann allein die historische Analyse geben.

In vier Schüben in die Mitte der Gesellschaft

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass der Beruf sich in vier Schüben in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet hat. In jedem dieser Schübe gab er Antworten auf zentrale gesellschaftspolitische Fragen der jeweiligen Zeit.

1. Schub: Beruf und Gleichheit

Zum Ende des Mittelalters – im ausgehenden 15. Jahrhundert – strebte der „Stand der Arbeitenden“ nach mehr gesellschaftlicher Anerkennung. Das bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts existierende Verständnis von Arbeit war jedoch nicht geeignet, den Sozialstatus dieses – neben Klerus und Adel – dritten Standes aufzuwerten. Arbeit wurde negativ bewertet, ihr haftete das Stigma des „Niederen“ an. Sie bot weder dem Einzelnen die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg, noch war sie ideologisch geeignet, eine Aufwertung des gesamten Standes zu bewirken.

Bildung oder Reichtum waren damals keine Alternativen. Der Qualifizierungsgedanke war im Zunftwesen der mittelalterlichen Stadt durchaus vorhanden, aber der Zwangsintegration in den Stand untergeordnet. Eine allgemeine Bildungsidee gab es selbst in Universitäts- und Intellektuellenkreisen nicht. Wirtschaftlicher Erfolg war verpönt, für sich selbst Profit zu erzielen, führte zu Konflikten mit der vorherrschenden christlichen Lehre. Ideelle Veränderungen zugunsten des dritten Standes konnten nur erfolgreich sein, wenn sie innerhalb des bestehenden hierarchischen Ständesystems, also von oben nach unten, vonstattengingen.

In Form des Berufsbegriffs nahmen sie ihren Ausgang von der Kirche. Entstanden ist dieser zu Beginn der Neuzeit als eine Sprachvariation Martin Luthers bei der Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Der neue Begriff transferierte zunächst ein bereits bestehendes Ethoskonzept – den für den Klerus reservierten Berufungsgedanken – auf die weltliche Arbeit: „Arbeit ist Berufung von Gott“.

Erstmals wurden zwei menschliche Grundfunktionen zusammengedacht, die bis dahin weitgehend unvereinbar waren: Arbeit und Moral. Sieht man von ganz frühen agrarisch-aristokratischen Gesellschaften ab, so waren Arbeit – auch in spezialisierter Form – und gesellschaftliche Wertschätzung über Jahrhunderte hinweg disparat. Die im Mittelalter existierenden Ethosideen – klerikale Berufung und feudale Ritterlichkeit – begründeten soziale Anerkennung elitär, und Elite zu sein bedeutete, nicht zu arbeiten.

Arbeit war nicht ethosfähig. Erst im Berufsbegriff trafen beide zusammen. Er trug damit maßgeblich zum Aufbrechen der bestehenden Ordnung bei. Indem er die göttliche Wertschätzung körperlicher und geistiger Arbeit suggerierte, wertete er den „Stand der Arbeitenden“ gegenüber den Eliteständen – Klerus und Adel – auf.

2. Schub: Beruf und Freiheit

Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts fand eine Verschiebung der realen ökonomischen Machtverhältnisse zugunsten des städtischen Bürgertums – Gewerbetreibende, Händler, Kaufleute, Fabrikanten, Bankiers – statt. Diese wirtschaftliche Oberschicht beanspruchte auch politischen Einfluss, um in Verfassung und Verwaltung ihr neues Gewicht zur Geltung zu bringen. Sie forderte die Rechtsgleichheit aller und einen freien Markt, scheiterte damit allerdings zunächst an den staatsrechtlichen Gegebenheiten. Grund dafür war, dass die Statik der Ständeordnung, obwohl sie nicht mehr Ausdruck der bestehenden sozialen Verhältnisse war, bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts vom absolutistischen Staat gestützt wurde.

Mit dem Ende des Ancien Régime im Gefolge der Französischen Revolution wurde in der Zeit von 1790 bis 1820 auch in den deutschen Gebieten der Übergang von der ständischen in die bürgerliche Gesellschaft vollzogen. Alte Strukturen – lebenslange Standesbindung und Zunftzwang – wurden abgeschafft, neue Freiheiten setzten sich durch. Eines dieser liberalen Elemente war der Beruf. Bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts war er primär in der Wortbedeutung als religiöse Alternative zu Stand und Amt geblieben. Allerdings wurde er bereits circa hundert Jahre nach Luther auch ökonomisch-gewerblich gedeutet und in Verbindung gebracht mit den konkreten Arbeitsinhalten einzelner (Berufs-)Stände.

Der im Mittelalter verpönte Leistungsgedanke erhielt durch den Beruf den Segen der reformierten Kirche. Indem er – innerhalb der ständischen Vorgaben – eine Umbewertung von gewerblichem Erfolg und Strebsamkeit ermöglichte, löste er sich zunehmend von seiner religiösen Bindung; seine letzten theologischen Fesseln legte er in der Aufklärung ab. Es entwickelte sich eine Berufsidee, die freie Willensentscheidung und Selbstbestimmung auf der Grundlage von Eignung und Neigung betonte, aber auch soziale Verantwortung und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft beinhaltete.

Begabungsgeleitete Berufswahl ersetzte zunehmend die Bindung an die Ständeordnung und ein fremdbestimmtes Lebensschicksal. Der selbstgewählte Beruf wurde zum Hoffnungsträger für die Umsetzung individueller Freiheitsrechte. Dieser liberale Sprung der Berufsidee kam in der gesetzlichen Garantie der Berufswahlfreiheit sowie der Gewerbefreiheit zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck.

3. Schub: Beruf und Sozialstaat

Mit der Entstehung des Deutschen Kaiserreiches 1871 wurde der Beruf zu einem Wegbereiter des modernen Sozialstaats. Denn der neue Staat brauchte Wirtschaftsdaten. In dem auf ökonomische Entwicklung ausgerichteten deutschen Nationalstaat wurde die zahlenmäßige Erfassung der faktischen Spezialisierung der Menschen für das Gemeinwesen, aber auch für die Unternehmen immer wichtiger.

Als geeignete statistische Größe nutzte die Nationalökonomie das Berufskonstrukt. Es lieferte belastbare Informationen über Qualifizierung und Expertentum der Bevölkerung. Da es mehr Tiefenschärfe hatte als die Alternativen „Stand“ oder „Klasse“, war es aussagekräftiger und Letzteren als Analyseinstrument überlegen.

Der erfolgreiche Einsatz als Erhebungsgröße hatte zwei weitere wichtige Effekte. Zum einen wurde der Beruf zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch als Forschungsgegenstand für die Sozialwissenschaften attraktiv. So gründeten beispielweise die Überlegungen Max Webers in seiner berühmten Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von 1904/05 auf arbeitsmarktstatistischen Ergebnissen. Zum anderen trugen die Berufszählungen wesentlich dazu bei, dass der Begriff auch in die Alltagssprache eindrang.

Zum Geburtshelfer des modernen Staatswesens wurde der Beruf aber nicht allein dadurch, dass er sich als Größe zur Erfassung von Arbeitsmarktdaten bewährte. In der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg tat er sich auch als Leitidee für den Aufbau neuer Institutionen hervor. Er leistete Hilfestellung für die Organisation von Gewerkschaften und Sozialversicherungen. Ferner wurde er zur Leitkategorie der gewerblich-technischen Ausbildung in Deutschland und einer eigenes auf ihn ausgerichteten Schulform – der Berufsschule.

Zudem etablierte sich, nicht zuletzt auch als Ausdruck der Emanzipation der Frauen, ein eigenes Beratungswesen. Mit der 1927 landesweit eingeführten Berufsberatung wurde das seit 1810 bestehende Recht auf freie Berufswahl durch ein staatliches Beratungsangebot ergänzt. Die individuelle Entscheidungsfreiheit erhielt eine institutionelle Entscheidungshilfe.

4. Schub: Beruf und Wiederaufbau

Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus war die Bundesrepublik Deutschland geprägt durch eine Neubestimmung des Wertesystems. Wirtschaftliches Engagement überlagerte politische Interessen. Der Großteil der Bevölkerung konzentrierte sich auf den Wiederaufbau und die Mehrung des privaten Wohlstandes. Die Menschen blieben weitgehend unpolitisch, Ruhe und Sicherheit waren das Gebot der Stunde. Dies führte – begünstigt durch den Marshallplan und die Währungsreform – zu einer innerhalb kurzer Zeit einsetzenden wirtschaftlichen Erholung. Sie gründete vor allem auf dem schnellen Wachstum der Industrieproduktion und führte zu einem konjunkturellen Boom, der bis in die 1970er-Jahre des 20. Jahrhunderts hineinreichte.

In dieser Phase, vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu den frühen 1970er-Jahren, erreichte der gesellschaftspolitische Stellenwert des Berufs seinen Höhepunkt. Als Begriff war er – im Gegensatz zur „Arbeit“ – nicht von nationalsozialistischem Gedankengut vereinnahmt worden. Außerdem zeigte er sich in hohem Maße anschlussfähig an das neue Konstrukt der „sozialen Schicht“, welches die „Klasse“ als soziostrukturelle Analysekategorie ablöste. In der sozialen Realität wurde er für das Individuum – neben der Familie – zur zweiten Lebenskonstante. Für den Staat erfüllte er normative und regulative Funktionen, insbesondere bei der Gestaltung der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Bildungspolitik. Der Beruf war zu einem Stabilitätsfaktor geworden und Deutschland zur „Berufsgesellschaft“.

Ausblick: Beruf und digitale Gesellschaft

Nicht allein Schübe zeichnen die Berufsidee aus. Sie musste zeitlebens auch Krisen überwinden, allerdings ohne dass ihr eine zum Verhängnis geworden wäre. So konnten sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein weder die alten standesgeprägten Gruppierungen, Adel, katholische Kirche und Handwerk, noch die neue Klasse der Industriearbeiter mit dem bürgerlichen Berufsbegriff identifizieren.

Karl Dunkmann konstatierte 1922 in seiner Schrift „Die Lehre vom Beruf“: „Das 19. Jahrhundert dagegen offenbart einen Kurssturz in der Wertung des Berufs bis fast zum Nullpunkt.“ Fritz Karl Mann proklamierte im Jahre 1933 in seinem Aufsatz „Zur Soziologie des Berufs“ den „Verfall des Berufsgedankens“, worunter er die Entpersönlichung der Arbeit und die Auflösung eines sinnvollen Werkzusammenhangs in der tayloristisch organisierten Fabrik verstand.

Auch aktuell scheint sich – nicht zuletzt durch die fortschreitende Digitalisierung – eine Krise des Berufsgedankens abzuzeichnen; ihre Symptome wurden eingangs ja bereits skizziert. Prospektive Thesen zu seinem künftigen Stellenwert sind vor dem Hintergrund seiner Begriffsgeschichte nur bedingt möglich.

Festhalten lässt sich: Der Beruf hat es – trotz diskontinuierlicher (Berufs-)Biografie – zu hohem gesellschaftlichen Ansehen gebracht. Seine Karriere gründet auf vielen Eigenschaften, hervorzuheben sind an dieser Stelle vor allem seine Flexibilität und seine Vielseitigkeit. Dadurch wurden ihm zahlreiche individuelle Funktionen – Selbstverwirklichung, Qualifizierung, Erwerbssicherung – aber auch gesellschaftliche Aufgaben – Sozialisation, Bildung und Allokation – zuteil. Er wurde zum Mittler zwischen Individuum und Gesellschaft.

Alle diese Aufgaben erfüllt er nach wie vor, jedoch nicht mehr zur Zufriedenheit aller. Aus der Sozialwissenschaft kommen Stimmen, die eine Erosion der Beruflichkeit feststellen und die Eignung des Berufs für Arbeitsmarktallokation und Organisationssteuerung hinterfragen. Des Weiteren werden in Soziologie und Pädagogik auch Konstrukte diskutiert, die in Einzelaspekten durchaus als Alternativen betrachtet werden können, zum Beispiel Arbeitskraftunternehmer, Kompetenz und Employability. Sie stellen allerdings keine ernsthafte Konkurrenz dar, da es sich um „Spezialisten“ handelt, die jeweils nur Ausschnitte seines umfassenden Funktionsspektrums übernehmen können. Dennoch scheint sich die in der entwickelten Industriegesellschaft vorhandene Omnipräsenz des Berufs in der digitalen Gesellschaft abzuschwächen, und eine Renaissance wird es wohl auch nicht geben.

Der Berufsgedanke wird, wie bereits mehrmals in der Geschichte geschehen, erneut seine Flexibilität unter Beweis stellen müssen. Welch weiterem Druck er durch die Digitalisierung ausgesetzt sein wird, bleibt abzuwarten; wie er sich anpassen wird, wird sich weisen. Dass er das Potenzial dazu hat, zeigt die historische Analyse.

Aber nicht allein Anpassung wird dem Beruf helfen, sich in der digitalen Gesellschaft zu behaupten, sondern auch die Bewahrung seiner Kernidee – als Mensch eine Sache zu seiner zu machen und darüber sowohl Identität als auch gesellschaftliche Wertschätzung zu gewinnen. In dieser Funktion wird er auch in der digitalen Gesellschaft gebraucht werden.

Literatur

Sailmann, Gerald (2018): Der Beruf . Eine Begriffsgeschichte. Bielefeld. transcript Verlag

Sailmann, Gerald (2019): Der Beruf – Erfolgs- oder Auslaufmodell? Antworten aus der Geschichte auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Berufsidee, In: IAB-Forum 22. Januar 2019, https://www.iab-forum.de/der-beruf-erfolgs-oder-auslaufmodell-antworten-aus-der-geschichte-auf-die-frage-nach-der-zukunftsfaehigkeit-der-berufsidee/, Abrufdatum: 19. April 2019