Die Corona-Krise hat das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Deutschland stark beeinträchtigt. Dies betrifft auch Geflüchtete, deren Weg in Arbeitsmarkt und Gesellschaft erst am Anfang steht. Macht die Krise erreichte Fortschritte der Arbeitsmarktintegration wieder zunichte? Aus einer Befragung während des ersten Lockdowns ergibt sich ein sehr differenziertes Bild.

Die Covid-19-Pandemie hat in Deutschland in mehrfacher Hinsicht eine Krise ausgelöst. Wirtschaft und Arbeitsmarkt wurden massiv erschüttert. Das Sozialleben wurde unter anderem durch staatlich angeordnete Kontaktbeschränkungen stark beeinträchtigt. Schulen, Kindertagesstätten und andere soziale Einrichtungen wurden geschlossen, der Behördenbetrieb stark eingeschränkt. Digitale Ersatzangebote konnten Letzteres häufig nicht ausreichend kompensieren.

Geflüchtete können von der Corona-Krise in mehrfacher Hinsicht betroffen sein

Es steht zu befürchten, dass Geflüchtete von dieser Krise in besonderer Weise betroffen sind. Auf Basis von Daten, die vor der Pandemie erhoben worden sind,  argumentiert Stefan Bernhard in einem im Juni dieses Jahres erschienenen Beitrag für das IAB-Forum, dass der wirtschaftliche Einbruch und die sozialen Einschränkungen das Ankommen von Geflüchteten massiv beeinträchtigen dürften. So ist der Zugang zum Arbeitsmarkt deutlich erschwert – etwa, weil es weniger freie Stellen gibt. Wichtige integrationsfördernde Netzwerke wie ehrenamtlich Helfende oder Wohlfahrtsverbände waren zumindest während des Lockdowns nur eingeschränkt handlungsfähig. Darüber hinaus waren und sind Geflüchtete, die in Sammelunterkünften untergebracht sind, einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt.

Wie aber ergeht es Geflüchteten, die seit 2015 oder 2016 in Deutschland leben und bereits ihren Weg in den Arbeitsmarkt gefunden haben? Inwiefern sind sie von den pandemiebedingten Einschränkungen und Veränderungen betroffen? Bricht der eingeschlagene Weg nun abrupt ab? Beeinträchtigt der Lockdown erzielte Integrationserfolge? Eine Kurzbefragung von 25 Geflüchteten und insgesamt neun Arbeitgebern während des ersten Lockdowns (siehe Infokasten „Daten und Methoden“) lässt gewisse Rückschlüsse darauf zu, wie Beschäftigte mit Fluchthistorie die Krise in ihrem jeweiligen Arbeitskontext und im Privatleben erleben und bewältigen (lesen Sie hierzu auch den kürzlich erschienenen Artikel von Mariella Falkenhain und Koautoren).

Je nach Branche waren die Befragten sehr unterschiedlich von der Corona-Krise betroffen

Die hier interviewten Geflüchteten waren zu Beginn der Pandemie in unterschiedlichen Branchen und Betrieben tätig. Naturgemäß waren und sind die Unternehmen branchenbedingt sehr unterschiedlich von der Pandemie und den zu ihrer Eindämmung getroffenen Maßnahmen betroffen. Dabei reicht das Spektrum von existenzbedrohten Betrieben, die trotz der Möglichkeit, Kurzarbeitergeld und andere staatliche Unterstützungsleistungen zu beziehen, Personal entlassen mussten, bis hin zu Betrieben, die zur kritischen Infrastruktur zählen und in der Krise besonders gefordert sind – etwa im Gesundheits- und Pflegesektor oder dem Groß- und Einzelhandel.

Entsprechend waren nicht alle der befragten Geflüchteten gleichermaßen von der Erschütterung des Arbeitsmarktes durch die Corona-Krise und den damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitswelt betroffen. Am härtesten traf es von den 25 Befragten einen Geflüchteten, der durch die Corona-Krise seinen Helferjob in einer kleinen Schreinerei verlor.

Gerade kleine Betriebe, die nicht zur kritischen Infrastruktur zählen, haben der Krise oft wenig entgegenzusetzen. Für deren Beschäftigte stellt eine kurze Betriebszugehörigkeit, zumal im Helferbereich, ein zusätzliches Beschäftigungsrisiko dar. Dies deckt sich mit der Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit, der zufolge Menschen aus Asylherkunftsländern, insbesondere diejenigen mit geringen Sprachkenntnissen und Qualifikationen, stärker als andere Beschäftigte Gefahr laufen, durch die Corona-Krise ihren Job zu verlieren.

Aber selbst Geflüchtete in vergleichsweise gefestigten Beschäftigungsverhältnissen zeigten sich durch die aktuelle Situation verunsichert. Ursache kann zum Beispiel eine Veränderung der Arbeitsbedingungen sein, etwa die Umstellung auf Homeoffice. So berichtete ein Hilfslehrer, der nun den Kontakt zu Schülern, Eltern und Kollegen auf digitalem Wege aufrechterhalten sollte, dass diese Herausforderung ihn verunsichere. Er befürchtete, in seiner Funktion weniger respektiert zu werden, etwa weil er in der Kommunikation via E-Mail möglicherweise nicht immer den richtigen Ton treffe.

Darüber hinaus äußerten viele der Befragten angesichts der Krise Zukunftsängste. Dies gilt insbesondere für Geflüchtete mit Zeitverträgen. So fragte sich ein syrisches Ehepaar, beide als Willkommenslehrer mit befristeten Arbeitsverträgen tätig, ob sich der deutsche Arbeitsmarkt mittel- oder langfristig zu ihren Ungunsten verändern wird. Diese Frage dürfte für Geflüchtete noch viel schwerer einzuschätzen sein als für andere Beschäftigte.

Andere Fälle verdeutlichen, dass es Geflüchtete gibt, die von der Krise am Arbeitsmarkt weniger betroffen sind. Sie sind inzwischen zu etablierten Mitarbeitern geworden, wie auch einige der befragten Betriebe bestätigten.

So berichtete die Personalverantwortliche einer Bank, in der acht Geflüchtete als Sachbearbeiter tätig sind, dass die Arbeitsabläufe im Homeoffice auch ohne Face-to-face-Kontakt mit Vorgesetzen aufrechterhalten werden konnten. Daraus hätten sich keine Probleme ergeben, denn die Beschäftigten mit Fluchthistorie seien schon länger gut eingearbeitet gewesen und würden nur noch formal als „Junior“ geführt. Sogar eine Entfristung der Arbeitsverträge stünde bevor.

Wie zu erwarten, sind auch die Beschäftigungsverhältnisse derjenigen Geflüchteten, die in Betrieben der kritischen Infrastruktur arbeiten, gerade in Krisenzeiten gesichert. Das wurde zum Beispiel von Pflegebetrieben bestätigt.

Die Interviews machten außerdem deutlich, dass Sorgen um den Erhalt des Arbeitsplatzes dazu führen können, dass Geflüchtete eigenständig versuchen, ihre Perspektiven am Arbeitsmarkt zu verbessern. So absolvierte eine Befragte, die als Kunstlehrerin beschäftigt ist, zahlreiche Online-Fortbildungen während der angeordneten Schulschließung. Andere wiederum sahen in der Krise einen Anlass zur Veränderung. Ein Befragter berichtete zum Beispiel von Geflüchteten aus seinem Bekanntenkreis, die ihre Helfertätigkeiten aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und eines als unzureichend empfundenen Gesundheitsschutzes aufgegeben hätten, um sich beruflich neu zu orientieren.

Der Lockdown schränkte das Sozialleben auch vieler Geflüchteter ein

Die Auswirkungen der Pandemie zeitigen nicht allein wirtschaftliche, sondern auch soziale Folgen. Es steht zu befürchten, dass Kontaktbeschränkungen oder geschlossene Schulen, Kindergärten und soziale Einrichtungen Menschen mit geringerer Bildung oder geringerem Einkommen stärker treffen und soziale Ungleichheiten verstärken. Diese Einschätzung äußerte unter anderem der Soziologe Jan Paul Heisig vom Wissenschaftszentrum Berlin in einem Interview vom April dieses Jahres.

Die Geflüchteten berichteten durchgängig, dass sie unter der Kontaktsperre gelitten haben, wenngleich sie von den sozialen Einschränkungen unterschiedlich betroffen waren. Gerade die Befragten mit Kindern erlebten diese Zeit teils als sehr belastend. Viele leben in beengten Wohnverhältnissen, sodass es für einige nach eigenem Bekunden schwierig war, Homeoffice und Kinderbetreuung miteinander zu vereinbaren.

Außerdem wurde von Nachbarschaftsstreitigkeiten berichtet, die durch die erzwungene Enge ausgelöst wurden. Zudem barg die monatelange Schließung von Kindergärten und Schulen das Risiko, dass sich die Integrationsfortschritte der eigenen Kinder verzögern. Geflüchtete, die zum Zeitpunkt des Interviews eine Ausbildung absolvierten, sahen wegen des eingestellten Präsenzunterrichts den erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung und damit ihre weitere berufliche Zukunft gefährdet.

Aber nicht alle Befragten zeigten sich von den sozialen Einschränkungen in ihrem Alltag besonders betroffen. Dies galt zum Beispiel für Alleinstehende ohne Kinder, die Vollzeit in einem systemrelevanten Beruf arbeiten. Ihnen blieb neben der coronabedingt besonders fordernden Arbeit meist ohnehin nicht mehr viel Freizeit.

Einige Befragte, die schon vor dem Lockdown wenig Sozialkontakte hatten, nahmen die sozialen Einschränkungen ebenfalls nicht als belastend wahr. Das ist in diesen Fällen allerdings wohl ein Zeichen dafür, dass ihre soziale Integration noch nicht weit fortgeschritten ist. Soziale Isolation ist für diese Personen eher ein bedauerlicher Normalzustand, der unabhängig von Corona besteht.

Alle Befragten äußerten darüber hinaus großes Verständnis für die in Deutschland angeordneten Einschränkungen des sozialen Lebens. Einige hoben die hiesigen Schutzmaßnahmen gerade im Vergleich zu ihren Herkunftsländern lobend hervor, in denen die Pandemie weit weniger effektiv bekämpft werde.

Der eingeschränkte Publikumsverkehr in Behörden stellte manche Geflüchtete vor Probleme

Die Covid-19-Pandemie hat nicht nur den Arbeitsmarkt und das soziale Leben getroffen. Auch die öffentliche Verwaltung hat die Auswirkungen zu spüren bekommen. Um das Infektionsrisiko zu minimieren, wurden viele staatliche Behörden für den Publikumsverkehr geschlossen. Dazu gehörten mit Ausländerbehörden und Jobcentern zwei zentrale Anlaufstellen für Geflüchtete.

Einige der befragten Geflüchteten waren hiervon unmittelbar betroffen. Ein Arbeitgeber berichtete von Beschäftigten, deren Aufenthaltstitel aufgrund der Schließung der zuständigen Ausländerbehörde zu Beginn der Pandemie nur für sehr kurze Zeit verlängert wurde. Dies habe bei den Betroffenen zu permanenter Unsicherheit geführt. Noch größerer psychischer Belastung war ein Befragter ausgesetzt, dessen Asylantrag kürzlich abgelehnt worden war und der auf einen Gerichtstermin wartete, der krisenbedingt bis auf Weiteres verschoben wurde.

Ein weiterer Fall zeigt, wie sehr manche Geflüchtete durch die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit von Ausländerbehörden verunsichert waren. So erklärte eine als Bürokauffrau tätige Befragte, sie habe wegen der Krise davon Abstand genommen, einen unbefristeten Aufenthaltstitel zu beantragen. Solche Fälle verweisen auch auf eine latente Sorge, dass die Krise zu einer Veränderung der allgemeinen „Spielregeln“ im Umgang mit Geflüchteten führen könnte.

Die Schließung der Jobcenter für den Publikumsverkehr und die Einschränkungen des persönlichen Beratungs- und Vermittlungsangebots betrafen vor allem Geflüchtete in beruflichen Umbruchsituationen. Die Betroffenen blieben im Unklaren darüber, wie es beruflich weitergehen würde, etwa weil sich die Bewilligung von Weiterbildungsmaßnahmen verzögerte. Sie fühlten sich im doppelten Wortsinne ratlos.

Für Geflüchtete in einer gefestigten Erwerbsposition und mit sicherem Aufenthaltsstatus war der eingeschränkte Behördenbetrieb erwartungsgemäß kein Thema. Sie sind im Arbeitsleben angekommen und im Regelfall nicht mehr auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Auch andere Befragte fühlten sich von den Einschränkungen im Behördenbetrieb nicht betroffen. Sie hatten schon vor längerer Zeit den Kontakt zum Jobcenter reduziert oder ganz abgebrochen und ohne dessen Unterstützung eine Beschäftigung gefunden – oft in niedrig entlohnten oder befristeten Helferpositionen. Selbst, wenn sie zum Befragungszeitpunkt arbeitsuchend waren, versuchten sie es weiterhin auf eigene Faust und mieden den Kontakt zum Jobcenter.

Fazit

Die Covid-19-Pandemie hat das Leben vieler Menschen massiv beeinträchtigt. Dabei haben einige gesellschaftliche Gruppen sich eher Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen müssen und waren von Kontaktverboten und eingeschränktem Behördenbetrieb stärker betroffen als andere.

Wie sah das bei Geflüchteten aus, die bereits einen ersten Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden hatten? Die hier zugrunde liegende explorative Befragung hat gezeigt, dass man kaum von einer einheitlichen Gruppe sprechen kann – zu unterschiedlich sind die Erfahrungen der Geflüchteten und ihr Umgang mit der Krise. Einige sind stärker gefährdet als andere, nicht zuletzt, weil ihre Erwerbsposition prekärer ist. Dies trifft erstaunlicherweise nicht nur auf Geringqualifizierte zu. Mitunter überlagern sich verschiedene Probleme, etwa wenn die Suche nach einem Arbeitsplatz dadurch erschwert wurde, dass zumindest während des Lockdowns sowohl die sozialen Kontakte als auch die Angebote der Jobcenter nur eingeschränkt genutzt werden konnten.

Allerdings handelt es sich bei den Geflüchteten, die im Zuge der starken Zuwanderung in den Jahren 2015/2016 nach Deutschland gekommen sind, keineswegs nur um Menschen in prekären Randpositionen. Nicht wenige sind mittlerweile gut im Arbeitsleben angekommen. Sie erleben die derzeitige Ausnahmesituation ganz ähnlich wie andere Beschäftigte.

In einer Hinsicht sind Beschäftigte mit Fluchthistorie, wie Geflüchtete überhaupt, jedoch eine Gruppe mit spezifischen Problemen: Alle teilen die leidvolle Erfahrung der Flucht und sehr viele machen sich Sorgen um Familienangehörige oder Freunde im Herkunftsland, die sich kriegs- und neuerdings coronabedingt in einer schwierigen Situation befinden. Außerdem mussten sich alle Geflüchteten auf die neu eingetretene Krisensituation in Deutschland einstellen. Dass vor diesem Hintergrund zusätzliche Verunsicherungen auf dem Weg der Integration eintreten können, liegt auf der Hand.

Diese Gemengelage verdeutlicht, wie dringlich die Unterstützung von Geflüchteten und ihrer Integrationsbemühungen durch die Gesellschaft und ihre Institutionen weiterhin ist.

Daten und Methoden

Der Beitrag basiert auf einer qualitativen telefonischen Befragung während des ersten Lockdowns. Befragt wurden 25 Geflüchtete aus Syrien, Eritrea, Irak und Sierra Leone, die nach ihrer Ankunft in Deutschland einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz gefunden hatten. Unter den Befragten sind acht Frauen und 17 Männer im Alter zwischen 21 und 48 Jahren. 18 der Befragten verfügen über einen mittleren oder höheren Schulabschluss, sieben haben keinen Schulabschluss oder nur die Grundschule besucht.

Ebenfalls befragt wurden neun Betriebe unterschiedlicher Branchen (darunter Gesundheits- und Sozialwesen, Verarbeitendes Gewerbe, Finanzwesen und „Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen“), die vor dem ersten Lockdown Geflüchtete eingestellt hatten.

Die Befragung fand im Rahmen des qualitativen Forschungsprojekts „(Erwerbs-)Integration und Teilhabe Geflüchteter in der Grundsicherung“ (Projektleitung: Dr. Andreas Hirseland) statt, das zusammen mit einer Arbeitsgruppe der Freien Universität Berlin (Arbeitsbereich Qualitative Sozial- und Bildungsforschung, Leitung: Prof. Dr. Uwe Flick) seit 2017 Wege Geflüchteter aus der Grundsicherung in Erwerbsarbeit untersucht.

Literatur

Bernhard, Stefan (2020): Die Folgen der Virusbekämpfung erschweren das Ankommen von Geflüchteten. In: IAB-Forum, 15.6.2020.

Falkenhain, Mariella; Flick, Uwe; Hirseland, Andreas; Naji, Shahed; Seidelsohn, Kristina; Verlage, Thomas (2020): Setback in labour market integration due to the Covid-19 crisis? An explorative insight on forced migrants’ vulnerability in Germany. In: European Societies, 8.10.2020.

Heisig, Jan Paul (2020): Corona-Krise: Was sind soziale Folgen der Pandemie? In: Bundeszentrale für Politische Bildung, 9.4.2020.

Falkenhain, Mariella; Hirseland, Andreas; Seidelsohn, Kristina; Verlage, Thomas; Naji, Shahed; Schilling, Anna Lena; Flick, Uwe (2020): Beschäftigte mit Fluchthistorie kommen in der Corona-Krise unterschiedlich gut zurecht, In: IAB-Forum 11. November 2020, https://www.iab-forum.de/beschaeftigte-mit-fluchthistorie-kommen-in-der-corona-krise-unterschiedlich-gut-zurecht/, Abrufdatum: 28. November 2020