Formale Abschlüsse sind in Deutschland von hoher Bedeutung für den Berufserfolg. Trotzdem lässt nur etwa ein Fünftel der Migranten mit beruflicher Qualifikation diese innerhalb von zwei Jahren nach der Zuwanderung in Deutschland anerkennen. Das im Jahr 2012 in Kraft getretene Anerkennungsgesetz hat diese Situation leicht verbessert.

Im letzten Jahrzehnt hat Deutschland eine starke Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Qualifikationen erfahren. Deren Integration in den deutschen Arbeitsmarkt ist ein wichtiges politisches, soziales und wirtschaftliches Ziel. Nur wenn dieses Ziel erreicht wird, kann es gelingen, trotz demografischer Alterung den Sozialstaat finanzierbar zu halten und drohenden Fachkräfteengpässen effektiv entgegenzuwirken.

Ein elementarer Baustein für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern in den deutschen Arbeitsmarkt ist die Verwertung von Kenntnissen und Fähigkeiten, die bereits vor dem Zuzug erworben wurden. Dazu gehört auch die formale Anerkennung von im Ausland erworbenen beruflichen Qualifikationen. Dies verbessert die Arbeitsmarktchancen von Migranten beträchtlich: Demnach sind der Verdienst und die Beschäftigungswahrscheinlichkeit von Zuwanderern, deren berufliche Qualifikation anerkannt wurde, um fast die Hälfte höher als bei Migranten ohne anerkannte Qualifikation. Zu diesem Ergebnis kommt unter anderem eine Studie, die im IAB-Kurzbericht 21.3/2014 publiziert wurde.

Das Anerkennungsgesetz sollte den Prozess vereinfachen

Um den Prozess der Anerkennung zu vereinfachen, zu standardisieren und die Dauer des Verfahrens zu verkürzen, beschloss der Deutsche Bundestag das Anerkennungsgesetz (Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen), das im April 2012 in Kraft trat. Es gilt allerdings nur für Berufe, die nicht in die Zuständigkeit der Bundesländer fallen. Zu letzteren zählen Berufe wie Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen, Ingenieure, Architekten und Fachärzte, deren Anerkennung in eigenen Ländergesetzen geregelt ist.

Parallel zum Anerkennungsgesetz wurden zahlreiche unterstützende Begleitstrukturen und Maßnahmen wie Informations- und Beratungsangebote auf- oder ausgebaut. Nähere Informationen hierzu finden sich im Endbericht zur Evaluation des Anerkennungsgesetzes. Tatsächlich ist die Zahl der Anerkennungsneuanträge, die in die Zuständigkeit des Bundes fallen, zwischen 2012 und 2015 von knapp 11.000 auf über 19.000 gestiegen. Der Bericht kommt auf dieser Basis denn auch zu einer positiven Einschätzung des Anerkennungsgesetzes.

Über 95 Prozent der Anträge werden zumindest teilweise anerkannt

Bislang nicht ermittelt wurde jedoch die Auswirkung auf die – deutlich aussagekräftigere – Antragsquote von Migranten, also der Anteil der Migranten, die nach ihrer Ankunft in Deutschland eine Anerkennung anstreben. Auch die möglichen Effekte einer unterschiedlichen Zusammensetzung dieser Personengruppe und weiterer Faktoren für die Antragshäufigkeit wurden bisher nicht berücksichtigt. Auf diese Aspekte wird daher im Folgenden näher eingegangen.

Trotz der großen Bedeutung anerkannter Abschlüsse für die Arbeitsmarktintegration haben nur 19 Prozent der Migranten mit formaler beruflicher Qualifikation (hierbei wird nicht zwischen beruflichen Qualifikationen in reglementierten oder nicht reglementierten Berufen unterschieden), die zwischen 2004 und 2009 eingewandert sind, in den ersten zwei Jahren nach ihrer Ankunft in Deutschland einen Antrag auf Anerkennung gestellt (siehe Abbildung). Dabei werden laut Angaben des Bildungsberichts 2016 über 95 Prozent der Anträge zumindest teilweise anerkannt. Allerdings ist zu vermuten, dass Anträge dann häufiger gestellt werden, wenn auch die Erfolgschancen höher sind.

Antragsquoten von Migranten auf Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation und Gründe, keinen Antrag zu stellen

Die Gründe dafür, keinen Antrag zu stellen, sind vielfältig

Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, dass die Betroffenen keinen Antrag stellen. 18 Prozent der befragten Migranten nannten bürokratische Schwierigkeiten. Darunter fallen unzureichende Kenntnisse über die Möglichkeiten und das Verfahren zur Anerkennung, fehlende Dokumente, zu hohe Kosten oder ein zu hoher Zeitaufwand. 9 Prozent gaben als Grund an, dass sie keine Chance auf Anerkennung sehen. 27 Prozent der Befragten sagten, dass eine Anerkennung nicht wichtig für sie sei, vermutlich da sie sich davon keine Vorteile am Arbeitsmarkt versprechen. Für 27 Prozent traf keiner der vorgegebenen Gründe zu.

Diese Befunde deuten darauf hin, dass vereinfachte Verfahren und eine bessere Information der Betroffenen die Antragsquote steigern könnten. Zudem dürften viele Migranten die Erfolgsaussichten einer Anerkennung unterschätzen. Hier sollten Beratungs- und Informationsangebote besser über die tatsächlichen Erfolgschancen aufklären und so den Anreiz für eine Antragstellung erhöhen. Schließlich sollten diejenigen, welche die Anerkennung für unwichtig halten, stärker auf die hohe Bedeutung beruflicher Zertifikate in Deutschland aufmerksam gemacht werden.

Anerkennungsgesetz führt zu leichter Steigerung der Antragsquote

Multivariate Analysen, die stets mehrere Einflussfaktoren gleichzeitig berücksichtigen, zeigen: Für die gesamte Gruppe der Migranten hat das Anerkennungsgesetz nur wenig zur Steigerung der Antragsquoten beigetragen. Denn die Migranten, die nach 2011 eingewandert sind und von der Gesetzesreform hätten profitieren können, haben insgesamt kaum häufiger einen Antrag auf Anerkennung gestellt als Migranten, die vorher eingewandert sind. Dies gilt insbesondere, wenn man die Anerkennungsquoten von Migranten mit gleichen individuellen Merkmalen vergleicht.

Allerdings gab es für Migranten aus Herkunftsländern innerhalb der EU beziehungsweise des europäischen Wirtschaftsraums (EEA) auch schon vor 2012 eine vereinfachte Anerkennung. Betrachtet man deshalb nur die Gruppe der Migranten aus Herkunftsländern außerhalb der EU/EEA, die von der Reform stärker profitieren konnten, sind seit 2012 die Anerkennungszahlen um bis zu zehn Prozentpunkte gestiegen. Jedoch ist dieser Effekt nicht nur auf die Reform zurückzuführen, sondern auch – unabhängig vom neuen Gesetz – auf eine geänderte Zusammensetzung der Migrantenpopulation und auf allgemeine Entwicklungen, etwa die Arbeitsmarktsituation für Migranten.

Hoher Bildungsabschluss und gute Sprachkenntnisse machen einen Unterschied

Die Analyse zeigt auch: Der Umfang der Kenntnisse und Fähigkeiten, die ein Migrant mitbringt, macht einen Unterschied. Bei Migranten mit einem (Fach-)Hochschulabschluss oder einem Abschluss einer Meister- oder Technikerschule ist die Antragswahrscheinlichkeit um etwa acht Prozentpunkte höher als bei Migranten ohne oder mit einem niedrigeren Schulabschluss.

Gleiches gilt für Migranten, die schon im Ausland gute deutsche Sprachkenntnisse erworben haben. Bei dieser Gruppe liegt die Wahrscheinlichkeit, einen Antrag zu stellen, um sieben Prozentpunkte höher als bei Migranten ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen. Auch in diesen Fällen liegt die Antragsquote jedoch unter 30 Prozent. Andere Faktoren wie Geschlecht, Alter oder Erwerbstätigkeit im Heimatland haben den Analysen zufolge keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Antragshäufigkeit.

Fazit

Die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen trägt erheblich zur Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt bei. Dessen ungeachtet stellen nur etwa 20 Prozent der Migranten in den ersten zwei Jahren nach ihrer Ankunft in Deutschland einen entsprechenden Antrag. Weniger Bürokratie und bessere Information könnten hier hilfreich sein. Deshalb hat die Bundesregierung das Anerkennungsgesetz beschlossen, welches 2012 in Kraft getreten ist. Dieses hat zu einer leichten Steigerung der Antragsquoten beigetragen.

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016): Bildung in Deutschland 2016, Berlin.

Brücker, Herbert; Liebau, Elisabeth; Romiti, Agnese; Vallizadeh, Ehsan (2014): Arbeitsmarktintegration von Migranten in Deutschland: Anerkannte Abschlüsse und Deutschkenntnisse lohnen sich. In: Die IAB-SOEP-Migrationsstichprobe: Leben, lernen, arbeiten – wie es Migranten in Deutschland geht (IAB-Kurzbericht, 21.3), Nürnberg, S. 21–28.

 

Anger, Silke; Bassetto, Jacopo; Sandner, Malte (2018): Anerkennung ausländischer Abschlüsse: Bürokratieabbau und bessere Information können die Antragsquote erhöhen, In: IAB-Forum 14. März 2018, https://www.iab-forum.de/anerkennung-auslaendischer-abschluesse-buerokratieabbau-und-bessere-information-koennten-die-antragsquote-erhoehen/, Abrufdatum: 19. September 2018